blindflug! – GAV-sommerlesung im odilieninstitut

21. 06. 2017 | 19:00 | “bildflug” – Ein Sinnesverlust mit der Grazer Autorinnen/ Autoren Versammlung

Der berühmte Satz „In manchen Dingen ist gerade der Blinde ein Sehender“ eröffnet Metaphorik und Mythologie dieses gleichzeitig unheimlichen und tröstlichen Gebrechens. Unheimlich, weil es die Welt – aus den Augen, aus dem Sinn – gleichsam auslöscht. Tröstlich, weil es im Vergleich zu anderen Gebrechen irgendwie „edler“ erscheint. Teiresias ist nur einer von vielen schicksalsträchtigen Blinden, aber wie vieler Gehörloser erinnert man sich neben Beethoven? (Und der Komponist ertaubte erst im Lauf seines Lebens.) Schwerhörige sind Opfer, komisch oder schrullig, Blinde dagegen sensibel und tragisch. Der „blinde Fleck“ bezeichnet eine Stelle des Auges ohne Rezeptoren, die vom Gehirn ergänzt, also selbst unsichtbar wird. Neben dieser kreativen Ergänzung bedeutet der „blinde Fleck“ im übertragenen Sinn auch eine manchmal schuldhafte, zumindest fahrlässige Ignoranz. „Blind“ kann einer für eigene oder Fehler der anderen sein. Eine Abwehrhaltung sorgt dafür, dass Aspekte der eigenen Person nicht wahrgenommen werden. Was solcherart als Schutz dient, kann aber auch zur Entschuldigung für üble, ja kriminelle Handlungen, sozialpsychologisch beziehungsweise politisch sogar für die Diskriminierung ganzer Gruppen dienen. Diese Blindheit für politische Entwicklungen verkehrt die in der Blindheit angelegte Prophetie in ihr Gegenteil. Dann   hieße es: In manchen Dingen ist gerade der Blinde ein Kurzsichtiger. Die Blindheit für das Faktische wird zum „postfaktischen Blindflug“, der die Welt womöglich noch teuer zu stehen kommt.

Blindbuch und Blindtext, die Bezeichnungen für ein Buch mit leeren Seiten bzw. für einen „uneigentlichen“ Text, der nur den Umfang markiert, können gleichermaßen als Versprechen und gefährliche Drohung gesehen werden.

Für die Textbeiträge eröffnet sich also ein weites semantisches Feld, vom „Blindgänger“ über den „Blindflug“ bis zu „Blindschüssen“. (Walter Serner lancierte 1919 eine erfundene, sozusagen „postfaktische“ Meldung, die von Zeitungen   ungeprüft gebracht wurde, wonach er vier ungezielte „Blindschüsse“ auf Tristan Tzara abgegeben habe, was in Zukunft bei Meinungsverschiedenheiten zur dadaistischen Etikette gehören werde.)

Nach Möglichkeit sollten die Texte thematisch korrespondieren, damit die eine Blindheit die andere erhellt. Denn eine Art „Blindenschrift“ ist jede sich ihrer selbst (und ihrer Grenzen) bewusste literarische Arbeit.

Ort der Veranstaltung ist der Park des Odilieninstituts. Das Publikum bekommt am Eingang Schlafbrillen und wird von echten Blinden zu seinen Plätzen geführt. Der Moderator beschreibt ein mögliches Geschehen, das aber unsichtbar bleibt. So ließe sich etwa behaupten, dass eine Autorin während ihres Vortrags auf einem Seil über den Köpfen der Zuhörenden tanzt oder dass ein Autor bei seiner Lesung eingegraben wird. Zwischen den Leseblöcken könnte es statt Live-Musik Ausschnitte aus Filmen geben, also nur Zitate der Tonspur. Das könnte aufschlussreiche Verfremdungseffekte haben.

Der Verlust eines Sinnes wird bei dieser GAV-Veranstaltung zu einem sinnlichen Ereignis, das auch auf die Bedingtheit unserer Sinnkonstruktion verweist.