SPACE WASTE · poem

ritter 2026 · ca. 120 seiten · € 17,- · z.b. zu beziehen bei www.ritterbooks.com

(…)

es gibt ein geräusch

das kriegst du nicht verschriftlicht

es ist das wiedererkennbare geräusch welches mengen von
müll machen

wie die in säcken von höchlich erhobenen baggerschaufeln
hinunter auf halden und häufen fallen und/oder mit besen
und rechen am boden herumbewegt werden und die säcke
platzen auf

es ist das wiedererkennbare geräusch aufplatzender
schlatziger säcke und sacksachen

und es gibt einen film in dem hörst du diese
müllschaufelbagger von denen die säcke fallen nicht nur
nein du siehst sie auch

außerdem siehst du droben im himmel darüber die SPACE
SHIPS


Pressestimmen zu SPACE WASTE

[Schmitzer] zeigt die Kraft der Poesie. Auch wenn [er kritisiert], ist es doch ein starkes lebenszeichen der Poesie. (…) Es ist ein sehr vielschichtiges und ungewöhnliches Buch mit ganz vielen Ebenen.

Astrid Nischkauer im Gespräch mit Stefan Schmitzer im Literadio von der Leipziger Buchmesse 2026

Der österreichische Lyriker widmet sich in originellster, poetischer Weise anhand eines vom Bagger herunterfallenden Müllsackerls der Frage, was sich verschriftlichen lässt und was nicht. „Der rote Faden ist das magische Denken.“

Slata Roschal …

Man wird auf umwerfende Weise in den Sprachfluss hineingezogen. Ein Text, dem man sich vollkommen überlassen muss.

… und Dirk Uwe Hansen in ihrem Podcast „Lyrik im Dialog“

Stefan Schmitzer widmet sich in seinem Langgedicht „space waste“ dem Gegenteil des Urknalls, nämlich jenem Geräusch, das ein Mistsack macht, wenn er von der Baggerschaufel fällt. In jedem lyrischen Gehör beginnt sich bei der Beschreibung der Szene ein Geräusch aufzubauen, in dem sich vielleicht die Erfahrungen des Weltalls äußern, wenn sie auf einen jähen Augenblick treffen. Das poetische Geräusch der gegenwärtigen Menschheit ist mithilfe zweier unendlicher Gesten komponiert, einmal ist es der Weltraum, der nicht nur in Filmen episch als unendlich ausgerufen wird, zum anderen mal ist es der Müll, der mittlerweile in die letzte Ritze der Erdkruste gekrochen ist. Zusammen ergeben sie eine Art dystopische Milchstraße aus Abfall, der rund um die Erde aufgebaut ist wie eine Verspottung der kopernikanischen Wende.

Helmuth Schönauer auf lesen.tibs.at

„It’s only teenage wasteland“, heißt es in Baba O’Riley, „they’re all wasted“. To waste heißt im Englischen vergeuden (das Gegenteil oder doch das Homonym von vergolden?), der waste ist der Müll oder Abfall (was abfällt, Fallobst des Zivilisationsbaums, Gereiftes, Gerafftes) und wer wasted ist, der ist betrunken, high oder schlicht: im Eimer, im Mistkübel. So, are we wasted? Are we wasting []? Hören wir hin, wenn ein Müllsack von der Schaufel eines Baggers fällt, versuchen wir zu verstehen, was da passiert? Warum lassen wir zu, dass unsere besten spaces zugemüllt werden: Das Okösystem von unseren Konsumgütern, das Internet von AI Slop und Hassbotschaften, der Weltraum von Satellitenschrott. Wollen wir uns in Müll hüllen? Ist das der Sack in ‚Sack und Asche‘? Stefan Schmitzers Langgedicht ist eine mal als Tirade, mal als Off-Stimme posierende Rede voll spielerischem Beharren auf und entgegen der lächerlichen Monu/o-mentalität der Gegenwart. Ihr scheinbar willkürlich zoomender Fokus durchschlägt Glashauswände, lässt zwischen Stichworten Furchen entstehen, Kanäle. Sind diese Wasser tief oder nur trüb? Man steige hinein. Schlimmer als Lethe kann es auch nicht sein, denkt man. Falsch gedacht! 

Timo Brandt auf instagram.com/lyristix


(…) Nicht minder ambitioniert geht es der Grazer Stefan Schmitzer in seinem neuen Lyrikband an. Er verbindet in dem Langgedicht „space waste“ irdische Müllprobleme mit Weltraumschrott und fährt dafür die verschiedensten Stilformen auf.

Sebastian Fasthuner im Falter

[Diese] Lyrik führt in den Weltraum – ein wilder Ritt durch Zeit und Raum, Wissenschaft und Dichtkunst mit einem Linksdrall.

Vincent Sauer in einem Gespräch in der Jungen Welt

Ist der literarischen Gattung mit dem Mut zur Lücke ihre subversive Kraft abhandengekommen? Ist sie bloß noch selbstgefälliger literarischer Platzhalter, weil jedes Gedicht bereits geschrieben ist? Zudem sind da die aktuellen Schreibpraxen mittels KI-Generatoren, die längst auch Gedichte in hohlem Hochglanz reproduzieren. Auch der Dichter gibt einer KI Anweisungen, sogenannte Prompts, die als direkte Rede unter Anführungszeichen stehen und sich durch den gesamten Text ziehen: 

„du sollst mir als bild entwerfen was passiert wenn es jedes BILD wirklich immer schon gibt das sich sagen lässt“

Das demonstrative Sichherumärgern mit der KI namens dreamup AI – um ihre poetischen Limitationen zu demonstrieren – ist nur ein Strang in dem mit aktuellen bis altertümlichen Themen und Sprechformen angereicherten, ja überbordenden Langgedicht.

Worum geht es in space waste? Diese Frage ist nicht einfach oder, genauer gesagt, gar nicht abschließend zu beantworten. Absurdität, postmoderne Polyphonie als Konzept: Das macht mitunter das Lustvolle an diesem Text aus. Der Autor schreibt in seinem Vorwort, dass es in dem Band um „das Geräusch geht, das ein Mistsackl macht, da es von der Schaufel eines Baggers fällt“. Und widerspricht explizit der „Annahme, es gäbe in der Welt eine geheime Ordnung, eine tiefere Wirklichkeit, einen den Sachen selbst innewohnenden Grund zur Hoffnung; wohingegen sich tatsächlich bloß hoffen lässt, dass wir lesbar verschriftlicht bekommen, was sich verschriftlichen lässt, und ebenso lesbar verschriftlicht, dass sich etwas nicht verschriftlichen lässt, wenn es sich nicht verschriftlichen lässt – wie zum Beispiel das Geräusch, das ein Mistsackl macht, das von der Schaufel eines Baggers fällt.“

Dieser Alogismus fasst es treffend zusammen: space waste reflektiert und kritisiert aktuelle gesellschaftliche Fragen (betreffend ökosoziale Brandherde, den Sinn des Lebens oder den Wert der Kunst) – charmant als „Mistsackl“metaphorisiert. Zugleich liefert space waste eine Kritik des zeitgenössischen Gedichts, seiner epistemischen Abbildungskapazitäten.

(…)

Reinhard Lechner auf poesiegalerie.at