Der Import des Begriffs „Anthropozän“ aus dem Bereich der Naturwissenschaften in den der Künste und Gesellschaftsdiskurse war die letzten ca. zwanzig Jahre sehr produktiv – zuerst, um unser weltveränderndes Wirken als Gattungswesen in Relation zum größeren Ganzen besser in den Blick zu bekommen, und dann, um neue Ethiken durchzuspielen, die einem solchen Blick gerecht würden. Solches Nachdenken über die Grenzen dessen, was menschliche Vernunft quantitativ gerade noch bzw. schon nicht mehr überblickt, erscheint als der passende Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse, denen ein Gefühl individueller Überforderung eigen war und ist. Jede Theorieproduktion korreliert schließlich notwendigerweise einer sozialen Gemengelage.
Folgerichtig, dass so ein Denken und so eine Kunst, die den Menschen vor geologisch groß gewordene Kulissen stellt, in sich schon eine Kunst und ein Denken präformieren, wo der Mensch vor der Kulisse ganz verschwindet. Und auch zu diesem weiteren Entwicklungsschritt gibt es eine zugrundeliegende gesellschaftliche Wirklichkeit – Cory Doctorow hat sie kürzlich ganz gut in seiner Rede beim Chaos Communications Congress 2025 beschrieben:
“Your boss is an easy mark for that chatbot hustler because your boss hates you. In their secret hearts, bosses understand that if they stopped coming to work, the business would run along just fine, but if the workers stopped showing up, the company would grind to a halt. Bosses like to tell themselves that they’re in the driver’s seat, but really, they fear that they’re strapped into the back seat playing with a Fisher Price steering wheel. For them, AI is a way to wire the toy steering wheel directly into the company’s drive-train. It’s the realization of the fantasy of a company without workers. AI dangles the promise of a writer’s room without writers, a movie without actors, a hospital without nurses, a coding shop without coders.”
(Daneben wirkt der andere, altbekannte Weg auf das Bild von der leeren Welt hin – der katastrophische Kollaps – seltsam abstrakt.) Noch in der Schwebe ist, wie so eine Kunst und ein Denken heißen werden können, deren Blick auf die Welt solchem sozialen Schrecken angemessen ist: Zwischen welchen begrifflichen Leitplanken wird sie unterwegs sein, die notwendig gewordene Kunst von der menschenleeren Welt? – Eine Schau, die derzeit und bis zum 10. Mai unter dem Titel „The World Without Us“ im LENTOS zu sehen ist, bietet mögliche Antworten auf diese Frage.
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Weiterlesen in Die Referentin #43 (März 2026)