Der Poesiegalerie erster Tag …

erschienen auf poesiegalerie.at

Achtzehn Uhr. Der Raum ist noch leer. Statt der Stühle bloß die Bodenmarkierungen. „Jetzt gibt es eine Vernissage. Bitte die Masken tragen. Es wird eine Performance geben.“ Die Performance wird wohl die angekündigte mit dem Titel fünf minuten in die zukunft von Jörg Piringer sein und ein bissl verspätet anfangen. Inzwischen unterhalten sich drei Kolleg*innen (Vallaster, Jotakin und Krcmarova) über die Möglichkeiten der Instagrampoesie angesichts der Ausstellung – oder ist das am End‘ schon der Beginn der Performance im Geiste von Augusto Boals unsichtbarem Theater? Rhea Krcmarova erzählt Interessierten über ihren Beitrag zur „transmedialen poesiegalerie. digital und analog“, kuratiert von Günter Vallaster

Augsburger Gespensterkiste

erschienen in TAGEBUCH #10/2021

Wir können Bruder aller Bilder als Roman einer endlich gelingenden Sozialisation in einer beliebigen kleinen Großstadt lesen. Jede Konkretisierung des Schauplatzes ist aus dem Text nicht so sehr getilgt als für ihn überflüssig; keine der Figuren erwähnt je einen Ort, ein Detail der Lokalhistorie, den oder das es nicht genau so überall sonst in Deutschland gibt, wo die Einwohnerzahl zwischen 150.000 und 400.000 beträgt. Einzig das gelegentlich erwähnte Wäldchen lässt sich googeln und erschließt der interessierten Leserin, dass wir uns in Augsburg befinden. »Endlich gelingende Sozialisation« heißt, am Ende hat sich die hermetische Schließung einer Lebenswelt vollzogen.

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Geckos einer Ausstellung

erschienen auf poesiegalerie.at

Zuerst eine reine Äußerlichkeiten: Die Parasitenpresse hat scheint’s den Umschlagkarton für ihre „nummernlosen Bücher“ geändert. Dieser hier, in den Astrid Nischkauers neue Gedichte gehüllt sind, erinnert in der Haptik ungefähr an österreichische Schulbücher um 1990 – dünn, aber mit Wachskartonstruktur. Zum Lesen in der Badewanne eine deutliche Verbesserung.

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Das kleine Würstchen

erschienen in TAGEBUCH #5 / 2021

Derzeit läuft auf Netflix die deutsche Produktion Tribes of Europa. Sie war Teil einer »deutschen Bestellinitiative«, ausgelöst durch den Erfolg der Serie Dark. Wie Dark ist Tribes of Europa unfreiwillig komisch, weil darin Fernsehdialoge nach Stadttheater klingen. Aber Dark ist zumindest vertrackt. Tribes nicht: Vom Standard-Plot aus ihrem »friedlichen Waldleben« gerissen, führen uns drei Point-of-View-Figuren durch kaum erklärungsbedürftige postapokalyptische Zivilisationen (SM-Faschos, das Römische Reich mit Marschflugkörpern usw.). Ausstattung, Drehbuch und Regie sind darauf aus, jenes (deutsche) Publikum anzulocken, das Game of Thrones mochte. Interessant ist an Tribes das Update der Ideologie, die der Kulturindustrie-Apparat hervorbringt, wenn der Autopilot erst einmal auf »deutsche Qualitätsware« gestellt ist. Sagen Deutsch sprechende Figuren stets »tribe« statt »Stamm«, macht das niemandem was vor; schon gar nicht, wenn die Helden ausgerechnet dem »tribe« der »Origines« angehören – lausbübische Laubwald-Cherusker (und im Gegensatz zu den fiesen »Crows« garantiert hetero).

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Beugung, Stehsatz, Zollfreiheit

erschienen in TAGEBUCH #5 / 2021

Wir wissen, wie anders das Feld sich entwickelt hat. Hito Steyerls Aufsatzsammlung Duty Free Art von 2018 bietet, trotz kunstweltlicher Fragerhethorik, eine gute Übersicht über den aktuellen Stand dieser Entwicklung: Was am Verhältnis von Echtheit, Marktwert, Qualität und den (Re-)Präsentationsorten der Kunstwerke ändert sich unter dem Eindruck neuester Informationstechnologie und angesichts der massiven Zuspitzung sozialer Konflikte weltweit? Welche neuen Erkenntnisinteressen werden in der bildenden Kunst denkbar?

Theodor W. Adorno führte 1966 ein Gespräch mit Arnold Gehlen über »soziologische Erfahrungen an der modernen Kunst«. Aus heutiger Sicht beide rührend altväterlich, sahen der fortschrittliche und der konservative Denker in der damals neuen Praxis staatlicher Kunstkäufe fürs Depot als »Standortförderung« einhellig eine Entwicklung, die sich wieder einrenken müsse: Bleibe doch der Kern der Kunst als sozialer Praxis die persönliche Beziehung des Sammlers zum Werk, mit dem er dann lebe

Ungleich weniger wissen wir über mögliche Endpunkte der Entwicklung, die derzeit, mit fünfzig Jahren Verzögerung, das benachbarte Feld deutschsprachiger Kunstliteratur durchläuft. Einen Überblick zumindest darüber, was in diesem Zusammenhang gerade jetzt frisch denkbar wurde, bietet Christian Metz’ Essay Beugung. Poetik der Dokumentation, erschienen 2020. Metz dokumentiert als Literaturwissenschafter seine Quellen sorgfältig, und er scheint den Anspruch zu haben, sein Thema auf einen verständlichen, nicht unnötig komplizierten Begriff zu bringen.

Ob dieser Begriff etwas tatsächlich Neues an zeitgenössisch ästhetischer Praxis bezeichnet oder, wie bei der bildenden Kunst vor zwei Generationen, »nur« neue Arten, wie Leute über das (eigene) Schreiben schreiben, ist auf den ersten Blick nicht leicht zu entscheiden. Reden wir von der Produktion oder »nur« vom Reden über die Produktion – ein Meta oder zwei? (Und ist das just im Fall von Literatur nicht das Gleiche, da die Produkte aus demselben Stoff gemacht sind wie die Produktbeschreibungen, nämlich Sprache?)

Metz’ These, viel zu kurz gefasst: Zeitgenössische Dichtung habe neuerdings den Impuls entdeckt, dokumentarisch zu wirken. Lyrik sei also nicht mehr notwendig mit subjektivem Befinden und dessen Ausdruck befasst.

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Radiohören und anschließend delirieren

erschienen auf KiG!

ORF-Mittagsjournal: “Sie haben jetzt bereits angesprochen, dass es da durchaus Mängel gibt, wenn es um das Wohl der Kinder geht. Immer wieder wird in derartigen Fällen ja kritisiert, dass nicht auf jene Menschen gehört wird, die am nähesten [SIC] dran sind, also etwa Nachbarn, Mitschüler, oder andere, die am besten beurteilen könnten, wie gut integriert Asylwerber tatsächlich sind. Zu welchem Schluss kommt denn da die Kommission bis jetzt?”

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Ein „daß“ mit scharfem ß

erschienen auf poesiegalerie.at

Um die österreichische Lyrik zweifach verdient gemacht hat sich Daniel Wisser mit dieser Herausgeberschaft eines Auswahlbandes mit Gedichten von Andreas Okopenko. Dies erstens, weil es zehn Jahre nach dem Tod des Dichters seine einzelnen Gedichtbände der Fünfziger-Sechziger-Siebziger bloß noch in den Bibliotheken zu finden gibt – und Leuten, die diese dort gezielt zu suchen wissen, nicht zwingend auffällt, dass sie inzwischen vergriffen sind, während das jüngere Publikum nicht weiß, dass es was verpasst. Wohl ist die Gesammelte Lyrik weiterhin lieferbar, von Okopenko selbst 1980 für Jugend&Volk zusammengestellt und heute im Vertrieb des Droschlverlags, aber die ist an der Entstehungszeit einzelner Gedichte orientiert.

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Längen von Buchstaben

erschienen auf poesiegalerie.at

Der von Günter Vallaster herausgegebene Sammelband schriftlinien.transmediale poesie ist ein Dokumentationsband zu einem Komplex an Veranstaltungen und Workshops zwischen 2017 und 2021 – vier Leseabenden der Grazer Autorinnen Autorenversammlung im Literaturhaus Wien unter dem gleichen Titel wie das vorliegende Buch, zwei Workshops des Berufsverbands Österreichischer SchreibpädagogInnen, überschrieben „Text und Bild / Text als Bild“ sowie einer mehrgliedrigen Veranstaltung (mit Workshops, Lesungen usw.) in Sankt Petersburg.

Jedes der vier Lesungskapitel wird eröffnet von einer Variante des folgenden Programmtexts, jeweils mit anderen Akzenten und Formulierungen.

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„Das Mädchen Parzival“

erschienen auf poesiegalerie.at

Es gibt in Thomas Ballhausens Gedichtband „Das Mädchen Parzival“ eine „behauptete“ oder, sagen wir, äußerliche Struktur, die sich in den Kapitelüberschriften – „Karbon, Kartografie“, „Postantike“, „Das Mädchen Parzival“, „Genealogie“, „Instabile Elemente“ –, den Fotografien Chris Sauppers und über die basalen Eigenschafen der einzelnen Gedichte vermittelt. Beginnen wir damit, diese nachzuzeichnen:

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Feyrer zaubert

erschienen auf poesiegalerie.at

Heute habe ich geträumt, ich müsse die Zahl 26 vor die Zahl 20 oder die Zahl 21 stellen. Ich müsse also das Nachfolgende vor das davor Kommende stellen, das Danach vor das Davor, das MorgeN vor das Heute stellen und ziehen und somit mein Gesicht dem Himmel voranstellen (…)

So beginnt, von einem Vorwort abgesehen, Gundi Feyrers Der Tempel des Nichts (Das Zaubern). Dieser erste Halbsatz, „Heute habe ich geträumt“, leistet dabei Schwerstarbeit. Zum einen verankert er den Text, oder das Geflecht mehrerer Texte, als das wir das Buch lesen können, in einer plausiblen Sprechsituation – stets werden wir zu dieser einfachen Tatsache zurückspulen können, X habe geträumt und spreche jetzt darüber – zum anderen ist der Halbsatz so unaufdringlich, dass wir ihn rasch vergessen können – erleichtert also das immersive Sicheinlassen. Der Band lebt, man sieht es im obigen Zitat, vom höchst systematischen Abarbeiten höchst arbiträrer Setzungen, oder, genauer, von der Behauptung, der wir mit der Kenntnisnahme dieses Systematischen unmerklich mit-zustimmen:

Zu Asja Bakić, „Mars“

erschienen in TAGEBUCH #3/2021

Das Mindeste, was sich über die zehn Erzählungen der kroatischen Autorin Asja Bakić (ins Deutsche übertragen von Alida Bremer) sagen lässt, ist, dass die Sammlung Mars auch solche Leser nicht langweilen wird, die normalerweise fetten Romanen oder, gegenläufig, Gedichten und experimentellen Formen den Vorzug geben: Der Band ist einerseits romanhaft auf das Durcharbeiten von zwei Motiven – oder zwei Seiten eines Motivkomplexes – hin organisiert; andererseits geben die einzelnen Prosastücke auch formal mehr her, als dem Mindestanspruch zu genügen. Keiner der Texte ist völlig frei von Genre-Elementen verschiedener Subkontinente der Fantastik, doch die je aufgerufenen Genrekonventionen dienen hauptsächlich als Set-up-Vehikel, und häufig ist die Vermittlung zwischen »hoher Literatur« und (Genre-)Wirklichkeit nicht einfach Subtext, sondern greifbarer Gehalt der Geschichten. 

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„Spoiler Warning“ – zu Kaśka Bryla, „Roter Affe“

„Roter Affe“ ist ein dichter, abwechslungsreicher Thriller um eine Konstellation mehrerer plastisch und schlüssig gezeichneter Figuren, der sich auch sprachlich über die engsten Grenzen des Genres hinauswagt. Letzteresbesonders deutlich gegen Ende, nach dem Höhepunkt der Handlung, wenn die Autorin das Durcheinanderreden ihrer Figuren, alle zum ersten Mal zusammen in einem Raum, als den Bewusstseinsstrom eines Gruppenwesens inszeniert, ohne die individuellen Motivationen und Charakteristika aufzugeben. Zugleich handelt es sich um die Sorte Buch, bei der nicht verkehrt sein wird, die folgende Rezension mit dem popkulturell ubiquitär gewordenen Hinweis „Spoiler Warning“ zu versehen …

Die Autorin meistert es, uns auf falsche Fährten zu locken, was die Bedeutung einzelner Szenen betrifft; sie bedient sich dabei der kulturell unvermeidbaren Kenntnis von Krimitropen auf Seiten ihrer Leser, ohne übermäßig dick aufzutragen. So legt uns zum Beispiel das Eröffnungskapitel nahe, wir würden der Protagonistin (namens, ausgerechnet, Mania) dabei zuschauen, wie sie ihren Job als Gefängnispsychologin ohne zu zögern einer privaten Verpflichtung unterordnet. Wenn wir viel später verstehen, was da in Wirklichkeit geschehen ist, erscheint natürlich auch die Protagonistin uns in einem ganz anderen Licht. Die wiederholte Inszenierung dieser Erfahrung – wir denken, wir lesen von der einen Sache, und merken später, es war in Wahrheit eine andere – ist sozusagen der Erzählmotor von „Roter Affe“.

Gleichwohl sind es gerade alle diese guten Eigenschaften von Kaśka Brylas Roman, diejenigen, die ihn empfehlenswert und wohl erfolgversprechend machen, an denen sich Kritik festmachen lässt – Kritik an der bestimmten Romanform, in deren Tradition sich Bryla einschreibt; nicht unbedingt Kritik an ihrem Roman.  Denn wenn die Story wie gesagt „dicht“ und „spannend“ ist, bedeutet das auch, dass auf sich anbietende, geradezu aufdrängende Exkurse und Nebenschauplätze verzichtet wird, auf ineffiziente, aber reizvolle Verästelungen, die zur Spannung und zur Plotstruktur zugegebenermaßen nichts beigetragen hätten.  Etwa der titelgebende „Rote Affe“: er ist ein Rätselbild aus einem Traum der Protagonistin, und es ist eben der einzige solche Traum, den wir zu lesen bekommen, obwohl sich da manches entfalten ließe. Oder jene Ereignisse in der Arbeit Manias, die dem Beginn der Handlung vorausgehen: sie werden an gegebener Stelle beim Namen genannt, aber nicht erzählt. Warum sie diesem Rezensenten dann überhaupt wünschenswert erscheinen, die Verästelungen? – Zum einen, weil er gern schlicht mehr davon zu lesen gehabt hätte. Zum anderen wohl , weil der Tonfall der einzelnen Absätze eine thematische Stringenz aufweist, die über den Rahmen des Ganzen als einer prinzipiell verfilmbarer Noir-Story stets wieder hinauszuwollen scheint, aber von den Erfordernissen der Story zurückgehalten wird.

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Bodycheck, Gedächtnistheater. Zu Max Czollek, „Gegenwartsbewältigung“

Es gibt ein Kapitel in diesem neuen Essay von Max Czollek, das ausgeht von nicht-mehrheitsdeutschen Wahrnehmungen des Mauerfalls 1989, und im Endeffekt über die  polit-künstlerischen Interventionen des heutigen Zentrums für politische Schönheit spricht. Über jenen 9. November 1989 heißt es dort unter anderem:

Die mit dem Begriff Wiedervereinigung markierte Vorstellung des gemeinsamen identitätsstiftenden Deutschseins wurde vonseiten etwa jüdischer, afrodeutscher, queerer und migrantischer Marginalisierter als (…) Bedrohung erlebt, gegen die sie sich zur Wehr setzten.

Damit ist erstens schon ungefähr angedeutet, wie geartet und wie weit verknüpft die einzelnen Theorie- und Recherche-Schauplätze des ganzen Bandes sind. Zweitens aber legt es nahe, den Band zusammen zu denken – aneinander zu denken – mit Durs Grünbeins ebenfalls jüngst erschienenen und auf Fixpoetry besprochenen Oxford Lectures, einem Buch, das sich ebenfalls, und ausschließlicher als das von Czollek, dem subkutanen Fortwirken der Hitlerei im Zeitgenössischen widmet, und aufs Ehrlichste, teils Unbequemste widmet – aber eben explizit genau aus der Perspektive eines Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft, für den der Mauerfall essentiell das erfreuliche Ende einer langen Nacht bedeuten konnte.

Max Czollek ist von Haus aus Lyriker und, wie das wohl heißt, Theaterimpresario, und hat mit dem Band „Desintegriert Euch!“ 2018 das Projekt begonnen, in unmissverständlicher und nach Maßgabe des Feuilletons hinreichend unterhaltsamer Weise den Hinweis in die Gegenwartsdiskurse einzuspeisen, dass das Selbstbild des zeitgenössischen „guten“, „bunten“, „besseren“ Deutschland  durchaus problematisch bleibt – egal, wie viel „Vergangenheitsbewältigung“ da betrieben werde. Die Inszenierungen von „Versöhnung“ nach der Shoah beispielsweise unterstellen die Bereitschaft zur Versöhnung beim (jüdischen) Gegenüber als selbstverständlich; die Rede von der Offenheit dieser Gesellschaft für Integration behält die Scheidung der Welt in „uns“ und „die“ bei, und ändert bloß den Modus, mit dieser so geschiedenen Welt umzugehen. Das ist nicht nichts, aber nicht die Hauptsache: wer als das handelnde Subjekt der deutschen Geschichte gesetzt ist – das Volk – und was dieses „Volk“ ausmacht, hat sich mit seiner „Gutwerdung“ kaum geändert.

Der neue Essay, „Gegenwartsbewältigung“, aktualisiert Czolleks Thema, fokussiert es aber auch andres, nämlich vom Integrations- auf den Heimatbegriff, und darauf, welche Aus- er neben all den Einschlüssen produziert; wie auch ein vorscheinlich fortschrittlicher Begriff von „Heimat“ und „Nation“ gruselige Zustände entweder verschleiern hilft oder hervorbringt:

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Sprache und Historie. Zu Durs Grünbein, „jenseits der Literatur“

Auf Seite 109f von Durs Grünbeins kürzlich unter dem Titel „Jenseits der Literatur“ erschienenen Oxforder Lord Weidenfeld Lectures aus dem Jahr 2019 stehen diese Sätze:

So war erst der Fall der Mauer für mich das erlösende Ende. Es war das Erlebnis eines totalen Hierarchiezerfalls: Ein Staat hatte sich aufgelöst, die Diktatur der Arbeiter-und-Bauern-Führer. Erst mit dieser letzten Korrektur starb der deutsche Untertan – der realsozialistische Kleinbürger, Renegat der großen Weltrevolution. Erst damit war Preußen wirklich zu Ende (…)

Das kann man – um es diplomatisch auszudrücken – auch anders sehen. Daran ändert jenes einschränkende

für mich

nichts; selbst dann nicht, wenn wir uns vor Augen halten, worauf es im Kontext von Grünbeins vier Vorträgen verweist: auf eine persönliche Lebens- und Lesegeschichte nämlich, die früh berührt wurde von der untoten Präsenz der Naziverbrechen im Nachkriegsalltag West wie Ost, ihren Spuren in der Sprache, im Denken, selbst im Schweigen, wenn es sozusagen auf Deutsch geschah. Also: nicht nur vom Fortwirken jener Verbrechen, jenes Denkens und Schweigens, sondern insbesondere auch von der Erfahrung, dass es das gibt: untote Sprache, untotes Denken. Und es ist schlechterdings ein ebenso glaubwürdiger Teil dieses Erlebens, wenn Grünbein im

Fall der Mauer für mich das erlösende Ende

sieht, wie auch, wenn er in Faschismus und Kommunismus (mehrmals im Band, in diesen Worten)

zwei Drachen

erkennt, die einander belauerten – wenn also einer der zu Recht bedeutendsten Dichter Deutschlands sich ganz ungebrochen affirmativ auf die zeitgenössisch deutsche, staatstragende Lesart der Arendt’schen Totalitarismustheorie bezieht, im Volksmund als „Hufeisentheorie der politischen Systeme“ bekannt.

(In dieser Hinsicht …

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Ein Schiff nach Nirgendwo

Dass der Roman Auwald just im Jahr 2020 mit seinen Lockdowns und Corona-Ausnahmezuständen erscheint, ist Zufall. Trotzdem ist es verlockend, so zu tun, als könnte Jana Volkmann, die auch für das TAGEBUCH schreibt, ihn, in Echtzeit, als Reaktion auf die Atmosphäre dieses Jahres geschrieben haben – als Intervention vis-à-vis den Vereinzelungsphänomenen in den Heimquarantänen. Denn unsere »neue Normalität«, von der allenthalben medial die Rede ist, sie scheint in dieser Erzählung einer Frau, die aus ihren Bindungen fällt, präfiguriert. (Freilich: nicht eins zu eins präfiguriert. Das Menschenleer-Werden der Stadt ist in Auwald sozusagen atmosphärisch angelegt; der Ausnahmezustand selbst ist viel diffuser.)

Ganz wörtlich sehen wir der Ich-Werdung der Protagonistin Judith zu: …

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„mein kopf folgt seltsamen gesetzen“

Im März 2019 erhielt Yevgeniy Breyger für den Zyklus „Königreiche“ den Leonce-und-Lena-Preis. Die zehn Gedichte dieses Zyklus sind sämtlich nach der gleichen strengen Weise gefügt (vierzeilige Strophen aus meist alkmanischen Versen, gelegentliche Auftakte und drei- oder fünfhebige Abweichungen) und scheinen dabei doch verlustfrei im leisen, ungezwungenen Understatement-Sound der Lesebühnen vorgetragen werden zu können. Mit ihren verketteten, größenverschoben immer wieder- und wiederkehrenden Motiven lesen sie sich wie ein einziges langes Hermetisches Gedicht. Die titelgebenden „Königreiche“ sind dabei einerseits als Wahrnehmungsebenen, „Phylae“ im Sinne der Taxonomie zu denken („Königreich der verschluckten Muschel“, „… des Ahornblatts“ usw.), weisen andererseits auf den thematischen Grundton der ganzen Anordnung:

Heimat, dörfliche Heimat, einer Generationenfolge eingeschrieben, als Kategorie von ich-stiftender Erinnerung. Der Text stellt „Hinweisschilder“ vor die ganz bestimmten Traumata und Gewalterfahrungen (mutmaßlich) ganz bestimmter Leute – ohne dann aber das jeweilige Ding auch unzweideutig beim Namen zu nennen … ganz, wie in den wirklichen Familienchroniken und Kindheitserinnerungen, die wir alle kennen, Mäntel des Schweigens über gleichwohl faktisch-schrecklich fortwirkende Ereignisse sich breiten … an den Märchenbegriff vom Zauberbann lässt sich denken, und nicht zufällig tönt vieles in diesen Zeilen auch als Zauberspruch …

Angesichts all dessen finden sich überraschend langen Strecken durchaus greifbarer Schilderung. Das verstärkt den Eindruck, es gebe durchaus auch eine ganz konkrete, intelligible Handlungsdimension, durch welche hindurch jenes hermetische Ganze wirke. Doch die unzweideutige Handlung – Breyger entzieht sie uns immer wieder, indem er stets gekonnt oszillieren lässt, welche Textelemente den „Zeichen“ und welche den bezeichneten Gegenständen zugehören.

(Natürlich ist auch eine naiv-phantastische, ganz sinnlich-identifikatorische Lektüre der „Königreiche“ als eines Heldinnenepos voller Verwandlungen möglich; vom vierten Gedicht in der Folge, „Königreich der überbrachten Nachricht“, wird uns dies geradezu, tongue-in-cheek, nahegelegt, wo jener Text von den Beschlägen einer Truhe gerade so spricht wie die Ilias vom Schild des Achill …)

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TRAVERSO LA CITTÀ

Participants are invited to explore hidden aspects and playfully test new usages of the public urban space in five performance-modules of Rainer Prohaska’s project at Kulturjahr Graz 2020.

The FUTURAMA LAB*’s project Traverso La Città transforms the urban space with performative essays on the future of the city of Graz. These interventions will be realized on several spots throughout Graz’s cityscape and engage in discourse on social and ecological changes in cities. On their daily routines through Graz, residents will encounter humorous interventions, which will discuss possible future urban scenarios.
Traverso La Città consists of five performative modules, engaging in different forms in mobility. Some interventions take place on mobile elements in the streets, others will use the river Mur as a waterway.

Künstlerisches Team
Rainer Prohaska – Konzept / Künstlerische Leitung / Grafik
Carola Schmidt – Performance / Sound / Inszenierung
Stefan Schmitzer – Texte & Essays / Performance / Inszenierung
Jürgen Gerger – Performance / Inszenierung
Anita Fuchs – Rollfährenbeauftragte

Produktionsteam
Sabrina Stadlober – Kostüme
Florian Sorgo – Produktion / Aufbau / Medien
Bernhard Werschnak – Produktion / Genehmigungen
Julia Gaisbacher – Dokumentationsfotografie

DIE ROLLFÄHRE
Datum: 23. – 27. September 2020
Ort: Augarten am Murufer
Dauer: Täglich von 13:00 – 19:00
Route: Augarten zwischen linkem und rechtem Murufer
Einige Meter stromaufwärts der Augartenbucht wird eine temporäre Seilfähre über die Mur installiert. Diese Seilfähre wird von einer Person händisch betrieben. Das Boot selbst hat nur Platz für zwei Gäste. Am gegenüber liegenden Mur-Ufer wird auf einem kleinen Ponton eine poetische Bar installiert, die ebenfalls nur wenigen Person Platz bietet. So einsteht für wenige Tage ein sehr intimer, temporärer Platz, wo die Essays zu dieser Intervention zu hören sein werden. Ebenfalls werden den ZuhörerInnen Getränke angeboten.

SCULPTURES EN FLUX
Datum: 24. September 2020
Ort: Erzherzog-Johann-Brücke zum Augarten
Dauer: 10:00 – 16:00
Route (auf der Mur): Erzherzog-Johann-Brücke – Marburger Kai – Augarten
(Ersatztermin: 25.09.)
Fünf Personen schwimmen mit je einer aufblasbaren Skulptur als Schwimmkörper die Mur stromabwärts. Das Publikum steht am Mur-Ufer und beobachtet von dort aus das Geschehen, das, ähnlich wie bei einem absurden Ski-Rennen über Lautsprecher moderiert wird. Die Essays, die zu dieser Arbeit gehören, sind in die lautstarke Moderation verpackt.

MÜHLGANG GANG
Datum: 01. Oktober 2020
Treffpunkt: 15:00 • Marienplatz
Dauer: 15:00 – 19:00
Route: Marienplatz – Volksgarten – Oeverseepark – Schützgasse – Taggerwerk
(Ersatztermin: 02.10.)
Eine Gruppe von Personen geht durch die Stadt. An vorher definierten Versammlungspunkten macht die Gruppe halt, um einem Sprecher beim Vortrag von Essays, die sich mit der städtischen Entwicklung rund um den „Mühlgang“ drehen, zuzuhören. Die Personen bewegen sich am Gehsteig, gelegentlich ist auch eine Überquerung der Fahrbahn notwendig. Mit einem Band werden geometrische Formen gebildet, so dass sich das Publikum innerhalb dieses „menschlichen Zaunes“ befindet und sich so durch die Stadt bewegt.

CHARIOTS OF SADNESS
Datum: 04. Oktober 2020
Treffpunkt: 12:00 • Schloss Eggenberg
Dauer: 12:00 – 19:00
Route: Schloss Eggenberg – Wasserturm – Seidenhofstraße
(Ersatztermin: 05.10.)
Zwei sehr protzige Autos werden wie bei einem historischen Wagenrennen von ca. 10 Personen als Fuhrwerk durch die Stadt gezogen. Am Autodach sitzt der “Kutscher” mit einer Peitsche, um die ziehenden Personen entsprechend zu motivieren. An vorher definierten Versammlungspunkten machen die Fuhrwerke halt, um für inszenierte Fotos als „Model“ zur Verfügung zu stehen. Die Fuhrwerke bewegen sich dabei wie normale Fahrzeuge auf der Fahrbahn. Die dafür entwickelten Essays, abgespielt vom Autoradio, dröhnen aus den offenen Fenstern des jeweiligen Fahrzeugs.

SIESTA FÜR GRAZ
Datum: 08. Oktober 2020
Treffpunkt: 10:00 • Hauptbahnhof
Dauer: 10:00 – 19:00
Route: Hauptbahnhof – Lendplatz – Kunsthaus – Herrengasse
10 Holz-Objekte werden von einer Gruppe von Personen durch die Stadt gerollt. Grundsätzlich bewegen sich die Objekte am Gehsteig, aber gelegentlich ist eine langsame Überquerung der Fahrbahn notwendig. An vorher definierten Versammlungspunkten macht die Gruppe halt, um mit bzw. auf diesen Objekten zu verweilen, sich auszuruhen und um Tee zu trinken. Dort werden dann den ruhenden Personen spezielle Gutenachtgeschichten erzählt.

Burroughs beim König von Ungarn

Es gehört zum Tagesgeschäft der Literaturwissenschaft, minutiae über das Leben der Autorinnen zusammenzutragen – Referenzmaterial für die Beschäftigung mit Texten, Publikationshistorien und was sonst anfällt. Das betrifft im Normalfall das Publikum außerhalb der Wissenschaften nicht. Diesem reicht es, im Fall des Falles irgendwo nachschlagen zu können, wann und in welchem Landgasthof Adalbert Stifter das Gulasch nicht schmeckte. Auf den ersten Blick gehört das jüngste Buch von Thomas Antonic über den Aufenthalt des legendären Beatnik William S. Burroughs im ständestaatlichen Wien in diese Ordnung von Materialsammlungen, zur weiteren Verwertung durch die Fachkreise. Tatsächlich aber bietet die kleine Studie auch uns, der Laufkundschaft, einiges.

Im Kern handelt es sich um einen nur knapp fünfzigseitigen Aufsatz, nebst umfangreichem Material-, Literatur- und Abbildungsteil, auf einer längeren Zugfahrt leicht wegzulesen. Wie schon Antonics eigener Gedichtband Flackernde Felsbilder übler Nachtvögel aus 2017 ist das Buch übrigens zweisprachig publiziert, von vorn auf Englisch, von hinten auf Deutsch zu lesen, mit den Bildern in der Mitte. Als zentralen claim verspricht der Klappentext:

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Wenn’s denn sein muß. Zu Lisa Eckhart, „Omama“

Um fair zu sein: „Omama“ ist, im Ganzen, doch unterhaltsam. Was auch immer sich sonst über den knapp vierhundert Seiten langen Roman sagen lässt – dass er nicht unterhalten würde, kann keiner behaupten. Es ist dies auf die Kombination von zwei stilistischen Eigenheiten zurückzuführen, derer sich Lisa Eckhart massiert bedient – erstens einen Grundgestus, der Vokabular, Grammatik und Rhythmus ländlich-österreichischer Umgangssprache punktgenau abbildet, und zweitens, „darübergelegt“ und in scharfem Kontrast zum dialektalen Fließen, einen Drang zur je gesuchtesten, entlegensten Formulierung: jeder Absatz eine Pointe. An dieser Kombination ist vor allem bemerkenswert, dass Eckhart sie tatsächlich durchhält, und wie klar ihr Gespür für den je bestgeeigneten Registerwechsel ist. Hinzu kommt die wirkungsvoll durchdachte Gliederung der einzelnen Kapitel, die zugleich wie spontan mäanderndes Geplapper wirken und doch ganz ökonomisch je um ein Thema herum oder auf einen Lacher hin angelegt/montiert sind.

Der komischen Fallhöhe zwischen gewählter Formulierung im Einzelnen und dialektaler Sprache im Allgemeinen entspricht der Inhalt: Die Erzählerin berichtet titelgemäß vom Leben ihrer „Omama“ in Vignetten – eine Kriegskindheit und Nachkriegsjugend auf dem Dorf, in Konkurrenz zur bevorzugten, hübscheren Schwester; (beinahe Zwangs-)Heirat in die Wirtsfamilie eines anderen Dorfs; „Karriere“ beim Direktverkauf irgendwelcher Quacksalberwässerchen auf Messen, dann als „Mastermind“ einer mehrjährigen Salamischmuggel-Operation über die ungarische Grenze; mit der Erzählerin im ungarischen Thermalbad; mit der Erzählerin auf Kreuzfahrt; beim Begräbnis der verstorbenen Freundin Gitti – alles extra nicht glamourös, mit Mut zum heiteren Grind, unter steter Betonung der Unfähigkeit dieser Figuren zur Reflexion und Veränderung ihrer Verhältnisse. Zusätzlich eingebettet sind diese Vignetten in eine pseudosoziologisch kabarettistische Typenschau des ländlichen Raums in Österreich.

Alles dies ist lustig. Man muß – Ausweis der unleugbaren Qualität der Prosa dieser Autorin – sogar gelegentlich lachen, wenn man, was Eckhart da tut, insgesamt durchschaubar und ungustiös findet und das Buch nur unter dem Zwang liest, es zu rezensieren.

Denn Eckharts Humor funktioniert hauptsächlich über das Treten nach unten; über die Kontrastierung der erwähnten gewählten, reflektierten Formulierung, zu der die Erzählerin fähig ist, mit den hilf- und geistlosen, unreflektierten Daseinsäusserungen der kabarettistisch überzeichneten Gruselfiguren, auf die sie unseren Blick lenkt. An keiner Stelle – wirklich: an keiner einzigen Stelle – wird diese reflektierte Sprache vom bloßen „Kontrastmittel“ zum Medium der Kritik an den ausgestellten Verhältnissen. Schlimmer: wenn Eckharts Erzählerin ihren Figuren gegenüber auch nichts als Verachtung übrig zu haben scheint, so kehrt sie doch wieder und wieder zu dem Gedanken zurück, dass die depravierten Verhältnisse, die diese Figuren hervorbrachten, doch sicherlich viel besser – viel stabiler – waren und wären als jene, die aus den Versuchen resultieren mussten und müssten, irgendetwas gesellschaftlich zu verbessern.

Dass diese erzdoofe Trope plausibel erscheinen kann, ist ein Artefakt der zahlreichen kabarettistischen, vereinnahmenden Verkürzungen, die die Erzählerin aufbietet, um irgendeinen Sachverhalt für die (noch unsichtbare, aber hinter der nächsten Ecke lauernde) Pointe passend zu machen: „Wir“ stimmen beim Lesen selbstverständlich zu, dass „Weiber“ (wie es in „Omama“ nämlich kaum Frauen gibt, sondern stets „Weiber“) so und so sind, und Männer so und so, und deshalb etc. pp. und hahi haha und schaut euch die dummen Weiber an! … Dass „wir“ an jener Stelle aber lesend zustimmen, ist halt bloß der Notwendigkeit zur Identifikation geschuldet, nicht der Richtigkeit des Gelesenen – wir könnten, statt der Erzählerin zu folgen, bloß das Buch weglegen.

Eine optische Täuschung also, die uns den Effekt einer Lesekonvention, angewandt auf eine lustig-arrogante Erzählerinnenstimme, als die Erkenntnis erscheinen lässt, früher wäre alles besser gewesen, gerade WEIL es den weniger hübschen, klugen, talentierten Individuen schlechter gegangen sei … Wir kennen diese Selbe Täuschung von Houellebecq … den von Eckhart unterscheidet, dass er einerseits viel, viel weniger unterhaltsam zu lesen ist, weil er andererseits mit seinen Romanen irgendeinen Anspruch hat außer dem, uns möglichst reibungslos zu bespaßen.

„Omama“ ist so lustig wie unerfreulich, weil es sich entweder um die Einladung an „Gewinner“ handelt, über „Verlierer“ zu lachen, aufs Olympischste zu lachen (die „eigentliche Handlung“, betreffend die Beziehung zwischen der Erzählerin und ihrer Omama, ist davon natürlich ausgenommen, bildet aber wirklich nur den notwendigen roten Faden für Eckharts „Gag-Feuerwerk“) oder um eine ernstgemeinte literarische Intervention, die hinter die Errungenschaften der Moderne zurückwill. Beides hinterlässt einen Nachgeschmack, der eher soso lala ist.

War sonst noch was? – Ach ja: der Skandal mit dem kuratorischen Missgeschick: Autorin ein-, öffentlich aus- und dann verschämt wieder einladen; dann doch nicht; erst wegen „Drohungen“ angeblicher Linksradikaler, dann waren’s nur Bedenken von Nachbarn usw. Das geht einerseits alles gar nicht. Es hätte der Autorin andererseits nichts Besseres passieren können: Die Schaufenster der Buchhandlungen sind voll mit Eckharts Buch; nicht dagegen auch mit den Büchern jener andere Autor*innen, die zu dem skandalumwitterten Wettbewerb eingeladen waren. Ohne zu googeln, weiss ich jetzt nicht mal, wer das gewesen wäre. Oder den Namen des Wettbewerbs.

Dann auch noch: Diese Feuilleton- und Facebook-Diskussionen darüber, dass man in der Textrezeption – von Kabarett ebenso wie von Romanen – einen Unterschied zwischen Autor und Erzählerstimme machen müsse; die Interpretation einer Aussage im Text als unmittelbare Autorenintention natürlich Quatsch sei. Eh. Behauptet halt auch niemand. (Auch wäre dieser Gesichtspunkt vermutlich deutlich weniger wichtig für die medialen Rezipient*innen, wenn der Autorin nicht schon wieder [eh nur] einer dieser Kalauer, bekannt aus ihren Kabarettprogrammen, mit „Juden“ und „Geld“ eingefallen wäre, und an anderer Stelle was ganz Lustiges über „deutschen Selbsthaß“) …  Und es ist eben andererseits auch nicht so, als böte uns der Text von „Omama“ Gelegenheit, uns über die fiktionale Erzählerin in derselben Weise erhaben zu fühlen wie über die dörflichen Witzfiguren, über die sie spricht; und just die Verhaberung von uns mit ihr treibt den ganzen „Spaß“ wie ein Schwungrad voran …

Der Triumph übers Schöne wird vom Humor vollstreckt, der Schadenfreude über jede gelungene Versagung. Gelacht wird darüber, dass es nichts zu lachen gibt. Allemal begleitet Lachen, das versöhnte wie das schreckliche, den Augenblick, da eine Furcht vergeht. Es zeigt Befreiung an, sei es aus leiblicher Gefahr, sei es aus den Zwängen der Logik. Das versöhnte Lachen ertönt als Echo des Entronnenseins aus der Macht, das schlechte bewältigt die Furcht, indem es zu den Instanzen überläuft, die zu fürchten sind. Es ist das Echo der Macht als unentrinnbarer. (…) Das Lachen über etwas ist allemal das Verlachen, und das Leben, das da (…) durchbricht, ist in Wahrheit das einbrechende barbarische, die Selbstbehauptung, die beim geselligen Anlass ihre Befreiung vom Skrupel zu feiern wagt. Das Kollektiv der Lacher parodiert die Menschheit. (…) In solcher Harmonie bieten sie das Zerrbild der Solidarität. Das Teuflische des falschen Lachens liegt eben darin, dass es selbst das Beste, Versöhnung, zwingend parodiert.“

(Aus: Adorno/Horkheimer, „Dialektik der Aufklärung“)  

[Beitrag zuerst erschienen auf Fixpoetry]

writer und wirt

Die Sammlung „Relativität ist Freiheit“ von Herbert J. Wimmer umfasst laut Untertitel „200 Gedichte“, verteilt auf zwei Kapitel. Eines dieser beiden heißt „Fenster wie Tage“ – damit ist schon gesetzt, dass wir durch die Texte wie durch Fenster schauen, und diese glichen darüber hinaus Tagen  … aber inwiefern? Was meint die Gleichsetzung konkret? – Um das zu beantworten, scheint in einem der beiden Verzeichnisse im Anhang (jenem, das die „entstehungsdaten“ auflistet) zu jedem Gedicht auch noch vermerkt worden zu sein, es handle sich um einen „sonntagstext“, oder „dienstagstext“, oder (häufig) einen „pfingstmontagstext“ und so weiter. Tage also wie Großwetterlagen, die das Licht auf den Gedichtgegenständen so oder so beeinflussen; und erst im nächsten Schritt Fenster wie Tage – Gedichte wie Fenster …

Womit wir schon mitten in der Textrezeption sind, denn so wie in diesem Titel operiert Wimmer in seinen (meist) aphoristischen Gedichten häufig genug. Uns die einzelne Kippfigur oder Verknüpfung, um die das Gedicht geordnet ist, gedanklich durchspielen und auf ihre erste Permutation zurückverfolgen zu lassen, ist sein Kerngeschäft. Er scheint darin stilistisch eher vom österreichischen Radiokabarett der Ära „Guglhupf“ und der dazu korrespondierenden schönen Literatur zu kommen, die zu gleichen Teilen zum Selberlesen, für die Kabarettbühne (in Figurenrede) und den Vortrag (ohne Figurenrede)  geschrieben schien … 

Texte, meist mit der groben Struktur des Witzes, und damit auch mit dessen Vorschein von dem, was mit Recht Volkstümlichkeit hieße, wenn es das schreckliche Genre „volkstümlicher Musik“ nicht gäbe – Mündlichkeit, antiautoritäre Stoßrichtung –, aber ohne den Zwang zur lustigen Pointe, der dem Witz auferlegt ist. Kostprobe: …

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Drüberfahren

Zunächst registrieren wir bei diesen Gedichten von Hans Thill die Bereitschaft, einmal eröffnete Muster in der Luft hängen zu lassen, etwas „mittendrin“ abzubrechen – Sätze, Strophen, Sinnzusammenhänge, Redewendungen, Parabeln – und uns damit Strukturschablonen, wie auf Autopilot geschaltete Poesieroboter, in den Vorstellungsapparat zu setzen, der weiter vor sich hin arbeitet, wenn wir in Wirklichkeit mit dem jeweiligen Gedicht (oder kleinerem Stück Text) abgeschlossen zu haben glauben.

Außerdem finden wir viele paradoxe Formulierungen, bedeutungsverschobene Wendungen wie

ein Zug fuhr
durch die letzten Minuten der Stadt

– und viele Anlässe, bei denen Thill aus den Trennstellen von Zeilen- bzw. Strophenbruch Sinn und/oder Effekte erzielt:

Wenn du den Löffel in die Hand
nimmst, ist schon Krieg in den Gärten
und Brunnen werden unter Sand
gelegt.

Selbe Farbe, selber Preis: Du hast den
Sand im Haar und der graue Wind
müht sich, aber wirklich tief
schläft

der Älteste unter den den Toten. Das
Geld ist eine Maske, eine Verschwörung
der Gesichter. Du nimmst es in die
Hand

wie Wasser, das die Augen reizt.
Du bist ein Wanderer über diesen
Hügel, auf dem Weh des rätselhaften
Hungers. Du sagst wenig,

aber in Brocken. Wenn du den Löffel
wieder neben den Teller legst, ist
der Krieg nicht aus. Das Geld reift in den
Fässern des Schlafs und dein Haar

(…)

Es verhält sich auch so, dass in vielen, nicht allen, der Gedichte die Strophen nummeriert sind, sodass sie gegen das, was jeweils im Text selbst steht, den Anschein erwecken, sie wollten gelesen werden  wie „Kränze“ vieler einzelner Zwei- oder Vierzeiler, und diese Zwei- oder Vierzeiler hätten auch für sich, als Miniatur, Gültigkeit … während doch das Syntagma des Gedichts über diese Nummerierungen einfach drüberläuft, „drüberfährt“. (Wir denken ggf. an das Bonmot, dass die Kunst Sinn machen müsse, nicht jedoch das Leben …)

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„Ich rede von der Cholera“

Tim Jung hat für Hoffmann und Campe ein Büchlein herausgegeben, das aus Heinrich Heines „Französische[n] Zustände[n]“, die jener ab Dezember 1831 für die Augsburger „Allgemeine Zeitung“ schrieb, diejenigen Abschnitte versammelt und aufbereitet, die direkt von der Choleraepidemie im Frühling 1832 handeln und also „Parallelen zur Corona-Krise“ nahelegen.

Der Band bietet ein locker-feuilletonistisch zu lesendes, aber inhaltlich konzises Herausgeber-Vorwort, er bietet den Text selbst – knappe 30 Seiten – und er bietet das Faksimile der damaligen Zeitungsseiten, leider so sehr verkleinert, dass sie nicht ohne Weiteres lesbar sind. Über Heines Text selbst … [Weiterlesen auf Fixpoetry]


Sehr viel sprachig

„Leipzigيّاt“ ist der Titel eines Büchleins von hochroth München, in dem Autor und Gestalter ausloten, was Mehrsprachigkeit bedeuten kann. Die einzelnen Worte oder Satzglieder der zwölf Gedichte, die je auf der linken Seite jeder Doppelseite stehen, alterieren zwischen Deutsch, Englisch, Kurdisch, Arabisch, Spanisch; rechts findet sich jeweils eine Tabelle [fast] aller verwendeten Begriffe und Wendungen in allen fünf Sprachen (und zwei Schriften). Zusätzlich gibt es je noch einen QR-Code, um den Text, wie er da steht, auch vom Autor gelesen hören zu können.

Die Fremdheit, die dieses Leseerlebnis erzeugt, ist profund: Der Moment, da wir lesend vergessen können, dass wir lesen, um uns stattdessen der Struktur zu überlassen (identifikatorisch oder sonst wie anders), er wird uns vom Gebilde verweigert. Dafür … [Weiterlesen auf Fixpoetry]


Zu Caca Savic, „teilchenland“

Das allererste, was auffällt, ist das wiederholte Auftauchen von (ich vermute) serbischen Wörtern im Textfluss – und zwar nicht besonderes hervorzuhebenden Wörtern, sondern einfachem Alltagsvokabular. Dies geschieht ohne nähere Erklärung, ohne Übersetzung, es handle sich bei dem abgebildeten Sprachschatz zwischen Deutsch und Serbisch eben um den verfügbaren.  Auch die Namen der vier Kapitel sind serbisch. In dieser Reihenfolge lauten sie2: „obris“ – Gliederung, „utopija“ – Utopie, „tjelo“ – Körper, „iluzija“ – Illusion. Dass nun der erste Teil der Gliederung selbst „Gliederung“ heißt, und zwar in einer Sprache, die dies nicht unmittelbar offensichtlich sein lässt, darf als Beispiel für das zweite konstitutive Element von „Teilchenland“ gelesen werden:

Im Klappentext steht nämlich u. a. … [Weiterlesen auf Fixpoetry]


Sprachraum und Auffassungsunterschied

2020 erschien bei Limbus Preziosen das Märchen-Triptychon „Der gute Bruder Ulrich“ von Marlen Haushofer, wohl auch anlässlich des aktuellen hundertjährigen Geburtsjubiläums der Autorin, versehen mit einem lesenswerten Nachwort von Herausgeber Markus Bundi. Zu jenem Buch (das auf Fixpoetry bereits von Marcus Neuert besprochen wurde) gibt es aber auch einen kurz zuvor erschienenen Sekundärband aus der Feder Bundis: „Begründung eines Sprachraums. Ein Essay zum Werk von Marlen Haushofer„. Mit diesem Begriff – „Sprachraum“ – nähert sich der Linguist und Philosoph Bundi den im Werk Haushofers auf besondere Weise gesetzten Sprech-Situationen – ihren mehrfachen Rahmenkonstruktionen, den klarer als bei anderen Autor*innen definierten Ebenen zwischen Erzähler*in, Leser*in, Protagonist*in und ontischer Autorin – als einem wesentlichen Charakteristikum ihrer Prosa. Wir müssten, so Bundis zentrale und plausibel belegte These, Haushofers Texte von der Begründung des Sprachraums im jeweiligen Narrativ her lesen.

Auch sind die literarische Referenzmodelle, die Bundi auf Haushofer anwendet, (mir) neu, kenntnisreich gewählt und aufschlussreich (die erste Konsequenz der Lektüre seines Aufsatzes für mich war, … [Weiterlesen auf Fixpoetry]


Alfred Kolleritsch 1931-2020

(…) Als kein Blut mehr herausfloß, brach das Schwein zusammen, blieb liegen und hörte zu zucken auf.

Zählingsar, der Poet und der schöne August hatten den Vorgang beobachtet. Sie lehnten es ab, das in heißem Fett gebratene Blut zu essen. Zählingsar ging zwar in die Küche des Brauhauses. Als sie das Schwein hereinbrachten, um es auf dem bereitstehenden Schragen zu häuten und zu zerlegen, forderte er die Freunde auf, zu gehen. Auf der Heimfahrt schien die Sonne blaß, dein Dunstkreis rückte sie weiter weg. Der schöne August wagte nicht, vom Gesetz der Natur oder vom Gesetz des Lebens zu sprechen, wie Zährlingsar befürchtet hatte. Während er erklärte, dass Fledermäuse nie gegen Gegenstände fliegen können, flog dem Poeten eine Fledermaus in den Mund. Zählingsar meinte, daß der Widerstand, den die Welt leiste, auf ein falsches Training der Sinnesorgane zurückzuführen sei.

Dieser Ausschnitt stammt aus dem Debütroman von Alfred Kolleritsch, „Die Pfirsichtöter. Seismographischer Roman“, der 1972 bei Residenz erschien. Kolleritsch war – durch die Gründung der Zeitschrift manuskripte 1960, durch sein Engagement für die Eröffnung des Kulturzentrums Forum Stadtpark, und vor allem durch seine unermüdliche, kulturpolitisch klarsichtige Herausgeber- und Förderertätigkeit – neben Emil Breisach und dem Politiker Hanns Koren einer der entscheidenden Impulsgeber, die in Graz und Österreich der damals noch höchst lebendigen Ästhetik und Kultur der verbliebenen Nazis und Austrofaschisten mit ihrem Kitsch, Blut und Boden als Erste etwas entgegensetzten.

Er verantwortete zum Beispiel als Veranstalter die für die konkrete poesie so wichtige Grazer Lesung von Ernst Jandl 1964, oder gab Oswald Wieners „Die Verbesserung von Mitteleuropa. Roman“ heraus – beides stieß auf Bedenken und Widerstände von Milieus und Medien, die ihn Jahrzehnte später als Symbolfigur feiern würden, ohne sich je auf genauere Auseinandersetzung mit einzelnen Texten einzulassen.

Wikipedia listet zahlreiche Autor*innen auf, die ihm ihre ersten Veröffentlichungen, oder auch weitere Förderung, verdanken. Sein Verhältnis zur weiteren Literaturzeitschriftenlandschaft in Graz und Österreich war spätestens ab den Achtzigern und Neunzigern nicht ohne Verwerfungen. Das wird auch daran liegen, dass es diese Landschaft in ihrer vorliegenden Form – man scherzt, Graz, „Die heimliche Literaturhauptstadt der Steiermark“, hätte inzwischen die größte Zahl an relevanten Zeitschriften pro Einwohner überhaupt – ohne ihn nicht gegeben hätte.

[Beitrag ursrpünglich erschienen auf Fixpoetry.]

Episoden, in denen Deutsche sterben

roße Empörung löste 2017 die Linke-Politikerin Sarah Rambatz aus, als sie auf Facebook, nach Filmempfehlungen gefragt, für »grundsätzlich alles, wo Deutsche sterben« plädierte. Selbst Funktionäre ihrer eigenen Partei stimmten in den Shitstorm »besorgter Bürger« ein, der auf ihr Statement folgte. Ihren Listenplatz für die Bundestagswahl war Rambatz los. Dabei hatte sie nichts Aufregenderes artikuliert als eine Vorliebe für Produktionen der Unterhaltungsindustrie, die ihren normativ erwarteten, freudvoll-kathartischen Gewalt-Slapstick eben gegen die Körper von Nazis richten (statt gegen Aliens, Vietcong, Zombies, Terroristen oder Autos) – ein wohlbekanntes Setting zur Befriedigung eines wohlverständlichen Bedürfnisses. 2009 war es … [weiterlesen in TAGEBUCH #6]


Altar und Selbst und Überschätzung

Ein Gespräch mit Raphaela Edelbauer über „Das Ritual“

Zahlreich sind derzeit die Literatur-Im-Netz-Projekte in Österreich. Sie verdanken sich der Gemengelage von (a) Fadesse unter Quarantäne, (b) fehlenden beruflichen Perspektiven bei den  Kulturschaffenden sowie (c) unserer gut eingeübten Haltung, zu jedem Thema auf Zuruf „was machen“ zu können (und, viel wichtiger: auch zu sollen).

Manche dieser Projekte und Reihen transferieren schlicht die klassische Lesung mit allen ihren zwölf Besucher*innen als Stream ins Netz. Andere bemühen sich um alternative Formen, die etwas mit den geänderten Anforderungen des „neuen“ Mediums zu tun haben (etwa Jörg Piringers QuarantineArtTV). Manche waren vor allem als praktische Lösungen für die Frage gedacht, wie man von institutioneller Seite dem drohenden ruinösen Einkommensausfall so vieler KollegInnen begegnen soll (etwa die Benefizlesung von Camus‘ gesamtem Roman „Die Pest“). Allen diesen Sorten Quarantäne-Programm war gemeinsam, dass sie uns in den letzten sieben Wochen mitunter gut unterhalten haben, und dass sie relativ leicht in unseren neuen, abgeschotteten Alltag integrierbar waren: Man wusste ungefähr, was man jeweils bekommen würde.

… nicht so mit dem Programm, das am Donnerstag, den 14. Mai, von 20:00 bis 21:30 von dem Duo Edelbauer/Goritschnig auf Youtube gestreamt werden wird. Der Text zur Facebook-Veranstaltung lautet:

Edelbauer/Goritschnig (…) führen aus Edelbauers Garten den ersten Live-Stream-Exorzismus aus, dessen Patient die ganze Welt ist: Das Coronavirus wird ausgetrieben. Das Setting: Ein kolossaler Altar, ein Dreibein, ein Schafsschädel, ein Gong, ein chymischer Topf. In höchster Komprimiertheit werden sämtliche mittelalterlichen Techniken – Alchemie und früher Katechismus, pagane Strömungen und Runen – zusammengezogen, um mittels symbolischer Übertragung das Virus zu bannen. Das Ergebnis zeigt eindrucksvoll die metaphorische Bannkraft der Kunst: der Therapie namens Selbstüberschätzung.

Über diese wuchtige Ansage und das, wofür sie steht, unterhielt ich mich für fixpoetry mit Raphaela Edelbauer.

Schmitzer: Liebe Raphaela! Freundlicher als in diesem Schlusssatz eurer Veranstaltungseinladung ist schon länger keine Fundamentalkritik mehr an der Selbstwahrnehmung der Intellektuellen geübt worden …

Edelbauer: Ja, ich habe das rezent in einem Blogeintrag für die Schule für Dichtung, die „Krisentagebücher“ von AutorInnen macht, so paraphrasiert:

Es sind dies (klassische Lesungen, Anm.) allesamt Formate, in denen zumeist einem alphabetisierten Publikum Texte vorgelesen werden, um des Reizes Willen, den es auszumachen scheint, die auratische Präsenz der Autorin im Raum zu spüren. Bar dieser „physischen Repräsentation“ der Kunst – weil sie nun einmal momentan virologisch untersagt wurde – emaniert aus dem was übrig bleibt (nämlich gar nix) in unvergleichlich majestätischer Weise die vollkommene Leere.

Ich finde es also spannend, wie wir einer ohnehin schon sehr umstrittenen und immer unbeliebter werdenden Praxis, der Lesung, zusätzlich eine Skypeversion entgegensetzen, und was diese Form des Relevanzanspruchs über den Literaturbetrieb aussagt.

Schmitzer: Was sagt sie denn?

Edelbauer: Ich beantworte es zunächst jetzt einmal auf einer politischen Ebene: Die … [Weiterlesen auf Fixpoetry]

Lesen mit Schmitzer: Till Lindemann, “100 Gedichte”

Vermutlich möchte über Corona, oder über die Folgen von Corona, oder über den Sinn der Regierungsmaßnahmen gegen Corona, oder über die Perfidie der Machtergreifung von (mindestens) Bill Gates vermittels der Regierungsmaßnahmen gegen Corona, oder über die Blödheit der Leute, die an die Perfidie der Machtergreifung von (mindestens) Bill Gates vermittels der Regierungsmaßnahmen gegen Corona glauben, niemand mehr was lesen. Deshalb, hier, bitte, frisch aus der jüngsten Vergangenheit knapp vor dem Lockdown – ein unschuldigeres, weniger problematisches Thema: Vergewaltigungslyrik.

Till Lindemann, der Sänger von Rammstein und laut einer Fanseite auf Facebook “poet of rock”, hat nämlich seinen zweiten Gedichtband publiziert: “100 Gedichte”. Das Titelbild – Stiere als Genitalien, aufeinander los galoppierend wie auf dem Red-Bull-Logo – lässt mancherlei hoffen: Bekommen wir surreale, pornographische Lyrik, brachiale erotische Attacken gegen die lustfeindliche Werbebildchen-Welt? Oder in Gegenrichtung, streng-poetische Kritik an der Übersextheit-und-Unterbumstheit jener Konsumwirklichkeit im Spätkapitalismus? So oder so: Archaisches! Besonders die zum Stierkopf gewordene Vulva – in sich eine widersprüchliche Chiffre – reizt erst einmal (… und dann reizt sie auch noch zum Lesen). Doch leider, leider: Pustekuchen, bzw. false advertising. Das Wort “archaisch” bezeichnet Lindemanns Band nur genau, insoweit auch die Wachskreide-Kritzeleien kleiner Kinder “Archaisches” an sich haben.

Betreffend die Wahl der Stilmittel und die Formsicherheit gibt es keinen großen Unterschied zwischen diesen “100 Gedichten” und einer Sammlung besinnlicher Festtagesgedichte, wie wir sie uns gut neben angegilbten Hummelbildchen aus Großmutters Tagen vorstellen können. Das Alleinstellungsmerkmal demgegenüber ist bloß inhaltlicher Natur. Es besteht in Lindemanns verschwitzt-pubertärem Transgressionszwang. Dabei geht es nicht um Erotik, sondern um das Ausmalen einer Identität als böser Bube, die jedoch als Sprecherposition konkret kaum mehr hergibt als die wenig überraschende Beobachtung, dass man verschiedene Körperteile von Frauen gut findet, und mitunter sogar noch besser, wenn man sie angreifen kann – darin bestehe das Böser-Bube-Sein, so der Gestus dieser Texte, und weil man sich das sagen traue, sei man ganz besonders wild, und sein Kinderzimmer – ich extrapoliere – habe man auch schon lange nicht mehr aufgeräumt.

Mit anderen Worten: “100 Gedichte” bietet identifikatorisches Zielgruppentheater, das wenige innere Widerstände aufweist und insofern als “niederschwellig” angesehen werden darf. Soll sein. Man kann sich, als Begleitgeräusch dazu, Musik von Rammstein vorstellen, oder wahlweise von Helene Fischers Backgroundkapelle – dann fällt die eklatante Schlichtheit der Verse des “Poeten des Rock” nicht ins Gewicht. Lieder sind strukturell einfacher als “bloß-gedruckte” Gedichte, sie müssen es sein, und das allein spräche nicht gegen sie.

Der Rede wert ist an dem Band nur der – offenbar auf dem Reißbrett geplante – Skandal um ihn. Eines der “100 Gedichte” ist nämlich ein Text namens “Wenn du schläfst”, welcher den Übergriff auf eine mit Rohypnol ruhiggestellte Frau beschreibt. Dieses Gedicht nun entfaltete in den sozialen Medien, den Onlinezeitschriften und den paar wenigen Printmedien, die sich für Gedichte überhaupt noch interessieren, seine vorprogrammierte Wirkung.

Folgende Spielzüge wiederholen sich, mit kleineren Unterschieden in Eleganz und Gewichtung je nach Plattform: Zuerst … [Weiterlesen auf KiG!]

„Ohnmacht, Schwerkraft, Reh“

„bezüglich der schatten“ heißt der jüngst hoch ausgezeichnete dritte Gedichtband von Levin Westermann. Das Zitat, das den Titel bildet, bezieht sich im Textkontext, aus dem es stammt, auf nichts Entlegeneres als einen Schatten in der Magnetresonanz-Tomographie des Subjekts. Der Stummelsatz

(…) bezüg-
lich der schatten. die wuchern. im off.

stellt dort ein Aufbegehren dar: gegen die groß-mythologischen und/oder fein gesponnenen Zusammenhänge, die der umgebende Text atmet. Nicht sie, sondern die blanke Angst davor, ob man an etwas Schwerem, gar Tödlichen erkrankt sei, bildeten die erste Ursache des so verdichteten Erlebens, Sprechens, Denkens, das bzw. über das wir rundherum lesen. ‚Erst vom Tode her‘ sei das ganze andere Zeug überhaupt zu denken. Gleichzeitig sagt der Titel „bezüglich der schatten“ – nicht als jenes Zitat gelesen, sondern „unschuldig“ als die Überschrift über gerade diesen Versen –, dass es um die griechisch-antike Auffassung (oder schon damals: die literarische Fiktion) dessen gehen solle, was, als ein „Schatten“, nach dem Tod vom Menschen bleibe, und um unsere akut-reale ‚Bezüglichkeit‘ gerade auf diese Auffassung (oder Fiktion). Unsere Inadäquatheit – individuell vom Ende her gedacht, als Gattung von der Zukunft her.

Westermann gibt seiner Lyrik ein unaufgeregtes Gepränge: betont schlicht der Stil, wenig extravagant das Vokabular. Die Einfachheit der ersten Verse entwickelt das Programm, dem das Buch folgt, und das wichtigste Stilmittel der folgenden etwa 150 Seiten:

Über Nacht
haben sie den Wald
mit Wald ersetzt,
die Vögel
mit Vögeln, den Fuchs
mit einem Fuchs.
Und draußen
in der Dämmerung
fällt Schnee, ein Auto-
wrack wird weiß
an einem See, im Garten
weder Bienen noch
Libellen noch
ein Kind –
Wir brechen auf.

„Den Wald / mit Wald ersetzt“ – die Setzung verwandelt Identes in bloß noch Homonymes. Oder hier:

Die Grenzen unsrer Sprache
sind die Grenzen
unserer Welt.
Das Schlimmste
ist vorüber. Das Schlimmste
steht noch aus.

An uns Lesern ist es jeweils, mittels der Anhaltspunkte aus der Grammatik oder dem Inhaltlichen nachzuvollziehen, was es denn sei, das die Dinge in der Welt transformiert. (Hier: Wie „das Schlimmste“ einmal etwas ist, von dem wir reden können, und einmal ein Unnennbares. Wie darin zwei verschiedene Arten davon skizziert sind, in der Welt zu sein.) Oder das gelingt uns nicht, soll, wie im ersten Beispiel, nicht gelingen, und wir müssen den Sachverhalt der Metamorphose schlicht zur Kenntnis nehmen, uns für später im Text merken, aufmerksam bleiben. Das setzt dann die darauf folgenden Verse unter vergrößerte Spannung … Diese Operation gibt Westermann auch deutlich komplexer als in den eben zitierten Ur-Beispielen. Etwa … [Weiterlesen auf Fixpoetry]

„barocke Petersilien“

Zur Abwechslung verspricht uns ein Klappentext mal nicht zu viel, sondern zu wenig: Alexandru Bulucz‘ „was Petersilie über die Seele weiß“ sei ein

Buch voller Begegnungen. Neben Briefen (…) [und] Geistergesprächen

handle es sich um

[…] Gedichte, die aus Erzählgebilden hervorgehen, mal humorvoll, mal ironisch oder bitter, mal narrativ, mal metrisch und rhythmisch – wie die Klänge jener orthodoxen Mönche, die, mit Holzhämmern auf Stundenhölzer schlagend, ihre Rufe zum Gebet improvisieren

– und abgesehen von jenem einen konkreten Bildmotiv, dem Stundenholz, und dem Background, den es impliziert (als Kirchenglocken-Ersatz in den ehemals osmanisch beherrschten Gebieten Europas), ist diese Schilderung recht allgemein gehalten. ‚(Geister-)Gespräche wechselnder Partner, bei wechselnden Stimmungen‘ – so etwas finden wir bald einmal in einem Band deutschsprachiger Gedichte. Doch Bulucz‘ vorliegende Sammlung von neun (oder, je nach Zählung, elf) Zyklen verfolgen ein viel enger gefasstes, viel stringenteres Programm.

Klar, den Texten ist allen das Element von Zwiesprache gemeinsam, innerer Zwiesprache mit einem abwesenden Gegenüber, aber von Interesse für uns sind die bestimmten Formen, die diese Zwiesprachen annehmen, und, was in ihnen verhandelt wird. Dieser thematische Gehalt wäre dann, ungefähr, „Memento Mori“: Umgang mit Sterblichkeit, mit Verschwinden, mit Erinnerung. Das bietet uns auch Gelegenheit, Bulucz‘ Gedichte als Texte-über-das-Schreiben zu lesen, so, als behandelte jeder Text, wenn er vom Verschwinden spricht, sein eigenes Verschwinden explizit mit.

Formal schlägt sich … [Weiterlesen auf Fixpoetry]

»Wir werden leuchten«

„Ousia“ ist das dritte Buch von Verena Stauffer und ihr zweiter Gedichtband. Der Roman „Orchis“ aus 2018, mehrfach ausgezeichnet und inzwischen schon als Taschenbuch nachgedruckt, war zugleich eine selber sehr sinnliche Angelegenheit und eine Dekonstruktion jener Allüren von Sinnlichkeit, wie sie die deutschsprachige Erzählliteratur der letzten hundertfünfzig Jahre in den orientalisierenden Schilderungen und Topologisierungen von allerhand außereuropäischen Schauplätzen und außer-bürgerlichen Milieus gern aufkommen lässt – ein wissenschaftsgeschichtliches Planspiel über ungefähr jene Ideen, die wir in Foucaults „Wahnsinn und Gesellschaft“ finden.

Eine Möglichkeit, den neuen erschienen Band zu interpretieren, ist nun, ihn in unmittelbarer Anknüpfung an Orchis zu lesen. Beide Bücher haben auf der Ebene geschilderter Inhalte die Häufung eines, sagen wir, Dreischritts gemeinsam: von der, erstens, Pflanze, meist Blume – zur, zweitens, Körperwahrnehmung, Selbstvergewisserung – zur, drittens, Ausbreitung einer Theorie- oder einer Technik-Sprache. Die Autorin verneint auf persönliche Rückfrage hin, dass es sich da um absichtsvolles Fortschreiben eines ca. „Orchis-Textkosmos“ handelt. Wir dürfen also in dem Dreischritt ca. das poetische Sensorium, das Denken der Autorin, im vorbewussten Arbeitsmodus vermuten.

Der Buchtitel, Ousia, weist auf das altgriechische Wort für „Essenz“, „Wesenskern“ oder „(innere) Natur“ – wobei es mit der genauen Übersetzung des Begriffs so seine Bewandtnis hat, und zwar eine Bewandtnis für diverse Teilgebiete der Scholastik und der frühchristlichen Konzilsgeschichte; ebenso wie mit seiner Etymologie, die sich ganz ursprünglich von einem „Besitz“ herschreibt.1 Das Wesen einer Sache als das Eigentumsverhältnis, in dem sie steht … oder: wie die Idee einer Essenz, historisch später(e Bedeutung), dem blanken Besitzen entwächst … jedenfalls lässt sich das Kräftefeld des Titelbegriffs praktisch anwenden:

„Ousia“ besteht nicht nur aus filigran, aber streng geformten Naturgedichten, aber es gibt ihrer doch einige. Die Erde als ganze ist der Schauplatz, von dem die Dichterin singt – und was ist das „Wesen“, die „Essenz“ der Erde laut Stauffers dezent-präsenter Didaktik? – Ihr, der Erde, Öl: Erdöl, Petroleum. … dessen Besitz letzter Konfliktgrund von so manchem der menschlichen unter den geschilderten Dramen darstellt … dessen geologische Entstehungsprozesse Stauffers Lyrik … [Weiterlesen auf Fixpoetry]

Kosmisches Leuchten aus Katzenfell-Kotzball

Der Band „Kleine Korrespondenzen“, der bei Das fröhliche Wohnzimmer – Edition erschienen ist, folgt einem einleuchtenden Spielprinzip: 

„Neunundzwanzig Autor*innen sendeten ein Gedicht oder eine visuelle Arbeit. Diese wurden sodann nach dem Zufallsprinzip eine*r der Autor*innen zugeteilt, aufdass diese darauf literarisch oder bildnerisch reagiere. Somit hat jeder Teilnehmer, jede Teilnehmerin einmal einen Ausgangstext geschrieben und einmal auf einen solchen reagiert.“ 

Was dieses Verfahren laut dem Vorwort des Buchs abbilden will, das sind die verschiedenen Arten, auf welche künstlerische Produktionen einander beeinflussen, initialisieren, bedingen können. Es leistet solches auch durchaus: Aus dem thematischen Schlagwort des einen Texts wird die Formvorgabe des anderen – oder es erfährt ein gleiches Motiv zwei ganz unterschiedliche Deutungen – oder aus einem Spaß wird Ernst, bzw. umgekehrt – oder von einem Medium geht’s in ein anderes … doch wesentlich interessanter als das intendierte Objekt der vorgelegten Schau – der, sagen wir, Einfluss-Fluß zwischen den Autor*innen und Texten – erscheint zumindest mir die „Tönung des Glases“, durch welches wir in „Kleine Korrespondenzen“ auf die, nun ja, die Korrespondenzen schauen: 

Was die Sammlung nämlich über 29 Modi des Korrespondierens hinaus sichtbar bekommt, ist, was man den höchst eigenen Zungenschlag der zeitgenössischen „Wiener Szene“ nennen könnte, oder zumindest einer Wiener Szene. Dieses zu Tage tretende Idiom ist tendenziell unprätentiös; offen hin zur aphoristischen Sonderform des Witzes; firm verankert in einer Textwelt, in der die Errungenschaften der Sprachkritik (a) Teil der Inneneinrichtung, aber (b) auch nicht mehr das Neueste sind; es scheut Einfachheit nicht und unterwirft sich ohne Umschweife der Forderung, die eigenen Gründe nennen können zu sollen. Darüber hinaus sind die gemeinsamen Referenzmaterialien, -orte, -texte und -sounds, wie sie als Hintergrundrauschen sicht-, hör-, spürbar werden, näher dem Erfahrungsschatz von Alltag in Ostösterreich als den diversen sogenannten Elfenbeintürmen.

Dass die bildnerischen Beiträge eine leichte Schlagseite in Richtung Fanzine-Ästhetik aufweisen, und die literarisch weiterverarbeitete „Ur-Rede“ vieler der Texte eine Art vor-diskursiver Unbekümmertheit inszeniert – das sind dagegen Effekte, die wir vielleicht eher dem Kraftfeld des Verlags als der Gravitation Wienerischer Literatur zuschreiben sollten: 

Das Fröhliche Wohnzimmer – Edition ist, wie die interessierte österreichische  Leserin vermutlich weiß, … [Weiterlesen auf poesiegalerie.at]

radiohören mit schmitzer

Der Aschermittwochmorgen. Das Radio. Die einzig überhaupt diskutable Qualitätsradiostation. Die Regisseurin einer Produktion des Theaters in der Josefstadt spricht über die Familienkonstellationen im Stück. Es geht um jugendliche Depressionen und elterliche Überforderung. Die Regisseurin wählt zur Einleitung ihrer (ansonsten erhellenden) Schilderung die Formulierung, es würden da vier Figuren “versuchen, miteinander (…) ein Leben zu organisieren und positiv zu gestalten …”

Wenig später: Eine Musikerin erzählt über ihr neues Album. Welche Erkenntnisprozesse sie beim Liederschreiben anstrebt? – “Ich glaube, dass es viel in unserer Welt gibt, das es zu verändern gilt, und in dem Moment, in dem wir uns eingestehen, dass wir nicht genau wissen, was Sache ist – dass wir verletzbar sind, dass viele Fragen offen sind – in dem Moment begeben wir uns auf die Suche nach den Antworten, die vielleicht kompliziert ausfällt, aber hoffentlich nachhaltig ist.”

“Leben (…) positiv gestalten”

“Suche nach Antworten (…) hoffentlich nachhaltig”

Managementjargon, elendiger.

Schrecklicher.

Blöde wie benutzte Schneuztücher, die keiner wegräumen will, in den verborgenen Ecken aller Lebensbereiche gammelnder Managerjargon.

Stinkert an alle Echokammerwände wie noch-zähflüssiger Raclettekäse geschmierter Managerjargon.

Die schöne Geradheit der Sätze durch Schnörksel – mit “s”! – verunzierender Managerjargon.

Managerjargon, dialektische Rache des Gespensts von Margaret Thatcher an den Intellektuellen.

Managerjargon, dein Name ist die widerhallende Bewusstlosigkeit der fünfzehnjährigen Trampel im Nahverkehr.

Managerjargon positiv.

Managerjargon Nachhaltigkeit.

Managerjargon zeitnah, ganz bewusst, effizient, ein Stückweit.

Synergien Managerjargon, Steigerungspotenzial Managerjargon, self-care optimization Managerjargon.

Ich schau dir in die Augen, Managerjargon, und sehe also deine Seele, und sie ist ein Kind im teuren Siebziger-Jahre-Anzug deines Vaters, leitender Angestellter bei Siemens oder so, sehe also das Kind, das sich mit einem kindgerechten Bastelhammer in die Fontanelle drischt, wieder und wieder und wieder, während draußen, hinterm Fenster, die Vöglein vom besseren Leben zwitschern, mit Stimmchen wie aus jenem einen Disneyfilm.

Managerjargon, Gebrabbel der traurigen blutgierigen Schatten drunt’ im Hades.

Managerjargon, Schlafspritze in der Hand des psychiatrischen Pflegers.

Managerjargon, Gummigeschoß im ewigen Mai ’68 der Seele.

Managerjargon Bullentonfa.

Managerjargon Katzenscheiße unterm Esstisch, nein, halbe Maus in Katzengekotz-Sauce unter dem Esstisch, und ich soll das dann wegräumen, weil ich sonst nicht essen kann oben drüber, geschweige denn Gäste empfangen, aber welches Werkzeug auch immer ich anfasse, die Katze war schon da und hat ihren Schlatz hinterlassen, es ist beachtlich, Managerjargon, soll ich jetzt hier hocken und verhungern oder was?

Fehler im GPS-Grid Managerjargon.

Entkoffeiniertes Koffeinbier ohne Alkohol Managerjargon.

Walpurgisnacht Managerjargon, aber schieche Walpurgisnacht, nicht sexy, sondern knöchern und staubig und kalt kalt kalt ausgeleuchtet vom Scheinwerfermond.

Managerjargon der durch Treppenhäuser hallt, in denen wir uns verlaufen, obwohl’s nur den Hauptschacht gibt, komisch.

Managerjargon wir können nicht mehr darüber reden was einmal die Zukunft gewesen sein wird.

Managerjargon wir … [Weiterlesen auf KiG!]

„auf der Wiese die Blumen im Licht“

Es sind 2520 (zweitausendfünfhundertundzwanzig) nummerierte Verse, aus denen Nikolai Vogels Band „fragmente zu einem langgedicht“ besteht – die Genrebezeichnung „Langgedicht“ lügt also mitnichten. Wobei … der Titel verheißt uns „Fragmente“, Plural, und die 2520 Verse weisen keine Anzeichen weiterer Untergliederung auf … hieße es da nicht richtiger „Fragment“, Singular?

… oder bedeutet uns der Plural, es sei jede einzelne Zeile für sich als eines jener Fragmente zu lesen – und der Band insgesamt bilde diese Fragmente vollzählig ab, umfasse also bereits das ganze (und eben nicht mehr: fragmenthafte) Langgedicht? Entweder, dies letztere ist der Fall, oder mit den „Fragmente[n]“ sind die einzelnen Szenen gemeint, die der uns vorliegende Text schildernd durchmisst – dann wäre er, dieser vorliegende Text, wiederum just nicht das im Titel verheißene Langgedicht, sondern ein anderes, eines, das in dem bei gutleut 2019 erschienenen Buch namenlos bleibt.

Nur auf den ersten Blick sieht also alles ziemlich einfach aus – irgendwas mit Langgedicht, und irgendwas ist Fragmenten; beides Indikatoren, einfach mal drauflos zu lesen – aber wenn wir (selbst nur den Titel) ein wenig genauer lesen, stellt sich sofort Unschärfe ein, die uns zwingt, zwischen mehreren gleichermaßen paradoxen Optionen zu wählen.

Wir dürfen darin das Programm des Verfassers erkennen. Vogel zwingt uns, unsere eigene Position als Leser*in mitzubeobachten, wenn wir seinen Gedichtband lesen – der seinerseits tendenziell die Totalität einer Lebenserfahrung wiedergibt, die vollständige Menge der konstituierenden Einzelbestandteile eines Lyrischen Ich. So legt der Text uns, bevor wir noch weiter sind als auf der ersten Seite, nahe, es gehe ums Eingemachte, nämlich uns-selbst; wir dürften uns getrost dem Prosaversfluss Nikolai Vogels anvertrauen, er spreche, je individuell, zu uns von uns, bzw. von uns zu uns.

Eine der Methoden, um den Effekt dieses solchen vertrauensvollen Ichverlusts beim Leser zu erzielen, mag zugleich als Schwäche von Vogels Herangehensweise erscheinen: je plausibler in den Ordnungen der zeitgenössischen Lyrik verankert die Sprache ist, kraft derer sich das Innenleben von Vogels Textsubjekt entfaltet, desto generischer erscheinen notwendigerweise die einzelnen Details der dazugehörigen Außenwelt – oder zumindest überzeugt uns Vogel versuchsweise davon, dass das Wirklichkeitssubstrat zu jeder seiner Erfahrungen und Beobachtungen recht allgemeinverständlicher, allseits unkontroversieller Natur wäre.

Spektakulär ist also [Weiterlesen auf Fixpoetry]

„das Fleischherz dem Maß enthoben“

Sehr Punk und sehr urgewaltig ist „Die Anthologie der Gedichte betrunkener Frauen“ von Lisa Jeschke, ein 2019 bei hochroth München erschienenes Büchlein. Ursprünglich war „The Anthology of Poems by Drunk Women“ eine englischsprachige Publikation der auch in London sozialisierten Autorin, umfassend ungefähr die ersten zwei Drittel des Bandes in seiner jetzigen, von Jeschke selbst ins Deutsche übertragenen Gestalt.

Reicht es zur Veranschaulichung des Sachverhalts, zu sagen, dass die Stimmen der „betrunkenen Frauen“ bei Jeschke ungefähr so klingen, als würde uns Mark E. Smith Donna Haraways Cyborg Manifesto weniger erklären und mehr performen? Vermutlich nicht …

Die Texte sind nicht um Geschlossenheit bekümmert, um Wohlverständlichkeit ebenso wenig; doch gerade darin bieten sie ihren Kosmos als ein geschlossenes und klar nachvollziehbares Ganzes dar: bilden in dieser Hinsicht die im Titel genannten „betrunkenen Frauen“ hervorragend ab. Immer wieder mal bricht ein brillanter, oder (besoffen-)begeisterter, oder auch schon mal selbstbewusst pathosgetränkter Textfaden ab oder verläuft sich in einem Gestammel, welches sich, in Gegenrichtung, auch oft genug als Medium so überraschender wie zwingender Denkbewegungen vernutzen lässt. Oder halt ebenso oft auch nicht – darin, in der Lizenz zur Nutzlosigkeit des rebellisch-schmutzigen kleinen Details, liegt die Selbstgewissheit von Punk als Grundgestus, und wäre die nicht gegeben, das Ganze könnte nie richtig zu sich kommen.

Man muss allerdings, als habitueller Konsument sanfterer, bildungsbürgerlicherer Lyrik, eine Mindestbereitschaft mobilisieren, sich auf diesen Gestus auch einzulassen – denn sie sind mitunter böse, stellen sich gern auch primitiv, nehmen keine Rücksicht auf Verluste oder Haltungsnoten. Das dürfen sie auch nicht, denn worum es geht – wovon Jeschkes „betrunkene Frauen“ dichten – das ist die Frau, die frau nicht ist, sondern zu der frau, mit de Beauvoir gesprochen, gemacht wird; das ist der Umgang mit (dem Verlust von) Würde (aus Geld- und Geschlechts-, überhaupt lauter sehr diesseitigen Gründen).

Hätte Jeschke zur Stimmung (sehr betrunken), zum Ur-Befund (zur Frau wird frau gemacht), zur strategisch-naiven Neugier und zum spürbaren inhaltlichen Ausdruckswillen nicht auch noch einiges an Ahnung zu bieten – sprachliche Ahnung, akademisch-theoretische Ahnung – die Texte kämen inhaltlich nicht über ca. „Community-Kabarettabend im besetzten Haus“ hinaus. Da sie das doch tun, ist die „Anthologie“ unbedingt zu empfehlen, insbesondere solchen Leser*innen, die mit der Möglichkeit bis jetzt unvertraut waren, es könne derzeit gänzlich verwirklichte, auf der Höhe ihrer Möglichkeiten operierende Sprache geben, die sich zugleich nicht – nicht hauptsächlich – aus den institutionellen Gedächtnissen der Unis und Redaktionen herschreibt.

Der vorletzte Text des Buches (einer von denen, die es nicht zuerst in der englischsprachigen Version gab) macht – aber das ist vielleicht nur die gelungene Anordnung des Materials – den Eindruck, in ihm würde so etwas wie eine Befreiung des betrunkenen Subjekts geschehen – Ernüchterung, mitten in der Nacht, (wir kennen das:) plötzlich hellwach den Gedankenstrom, der einen ins Jetzt gespült hat, neu sortieren, überrascht sein, wie ruhig man sich selbst zur Kenntnis nimmt. Das klingt, in Auszügen, dann so:

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POESIEGALERIE 2019, TAG 2

Zweiter Tag, 18:08, „Das Publikum“, so Kawasser, „ist noch sehr ausgewählt„, sprich: heiße zehn Leuts in den Rängen, da die Anthologie „Wo warn wir? Ach ja …“ von ihren Herausgebern Robert Prosser und Christoph Szalay präsentiert wird. Ungerecht. Jetzt geben die beiden über das Projekt – eine Sammlung jüngerer österreichischer Lyrik – und seine Geschichte Auskunft, und langsam, langsam trudeln unterdessen weitere Publikumme ein (zwei gingen inzwischen, drei neue kamen).

Time for disclosure inzwischen: Wie gestern gilt, dass es sich hier nicht mehr um Rezensionen handelt, aber hoffentlich auch noch nicht ganz um freies Assoziieren; irgend etwas Energieschonendes dazwischen als gestern; berichterstatterliche Gerechtigkeit jedem Beitrag gegenüber bleibt auf der Langstrecke des Leseformats liegen.

Zurück … Um 18:22 betritt Graz in Gestalt Helwig Brunners den Raum und lacht leise … schon vierzehn (!) Zuhörs, wo gestern um die gleiche Stunde siebzig-achtzig waren … Wo sind sie nun alle, die Damen und Herren Szene? Was werkt das Netz? Ist gar die wahre Lyrik nur im Kopf und nicht in der IG Architektur, also hier? Die Vielfalt österreichischen Schreibens, von der gerade Szalay/Prosser reden? Gut: Es ist Essenszeit an den Familientischen …

… Kawasser stellt gerade Christian Metz‘ literatursoziologisches Thesenbuch vom letzten Jahr neben die Ergebnisse der Anthologisierungsbemühungen von Szalay/Prosser. 18:27 – fünfzehn Zuhörer – jetzt Lesung in Auszügen … und die beiden Sammler lesen Vermischtes anderer Autor*innen aus der Sammlung; das ist reizvoll: Prossers kraftvoller Vortragsgestus (ca. „Sepp Forcher als belesener MMA-Fighter“) und Szalays leiserer, borduntonhafter (sagen wir „Ezra MC Pound“) – beide je angewandt auf Texte, von denen wir nicht sicher wissen, mit was für einem Klang im Ohr ihre Verfasser*innen sie je geschrieben haben. Gleichungen mit zwei Unbekannten zu lösen. Könnte man einen ganzen Abend draus machen.

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POESIEGALERIE 2019, TAG 1

Die Poesiegalerie, heuer zum zweiten Mal von Udo Kawasser, Monika Vasik und Team am Rande der Buchwien ausgerichtet, versucht ca. die Totalität des österreichischen Lyrik-Outputs im jeweiligen Jahr zu fassen. Gemeinschaftliches Szene-Wasserloch mit Schaulauf-Bahn, Büchertisch und Buffet – das umfasst dann dreimal sechs Stunden Lesung …

… und wenn man eine solche sechs-Stunden-Lesung mehr oder weniger live mitschreibt, so liegt in der Natur der Sache, dass die relative Länge der Notate zu den einzelnen Darbietungen niemals „fair“ sein kann: Ausführlichkeit oder Knappheit, Freundlich- oder Flapsigkeit der Statements verdankt sich da mindestens so sehr dem wellenförmig brandenden Denk- und Schreib- und Hörvermögen des Verfassers wie etwelchen Eigenschaften des Materials …

… warum dann aber überhaupt in dieser Form, an dieser Stelle, über die Poesiegalerie schreiben? –  Atmosphäre bleibt dann doch hängen; die Zusammenstellung der AutorInnen sei dokumentiert und mit ihrer Wirkung auf den einen Hörer abgeglichen; die erwähnte Wellenbewegung selbst als scheints erwünschter Teil des als „Galerie“ hochgezogenen Kraftfelds wird dokumentiert.1 Will sagen: Der Sinn der Übung ist, dem/der geneigten LeserIn Appetit zu machen, morgen und übermorgen selbst vorbeizukommen (also, da dieser Text auf Fixpoetry erscheint, heute oder morgen), oder nächstes Jahr … Gumpendorferstraße 63 B, in der Nähe vom Haus der Meeres …

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Kulinarik

Den Titel dieses Gedichtbands wird man sich, passenderweise, erst einmal auf der Zunge zergehen lassen müssen: „Die Reduktion der Pfirsichsaucen im köstlichen Ereignishorizont“. Wir könnten jetzt natürlich „Pfirsichsaucen“ als poetisierte Körperflüssigkeiten lesen, und ihre „Reduktion im Ereignishorizont“ sowohl als Ankündigung von Orgasmen als auch im Sinne von freudscher Triebsublimierung, Zivilisierung, Charakterstiftung – doch der Klappentext schlägt uns einen mehr gesellschaftlichen Interpretationsmodus zu Titel und Texten vor: … (Weiterlesen auf Fixpoetry)

„We are Yes“

Diaphanes ist eine Zeitschrift für „Kunst · Literatur · Diskurs“, in ihren production values erkennbar orientiert an Ersterem und mindestens teilfinanziert über ganzseitige Werbeanzeigen für diverse internationale Vernissagen, Messen, Festivals. Das bedeutet auch – da es sich bei den meisten genuinen Beiträgen ebenfalls um ästhetisch irgendwie überformtes Zeug handelt – dass (zumindest mir) der Unterschied zwischen redaktionellen Beiträgen zur Kunst und künstlerisch gestalteter Werbung für Kunst nicht immer augenfällig ist.1 Das ist für das Verhandeln der Themen und den Informationsgehalt des Hefts kein Problem; es reproduziert halt in derselben Weise die institutionalisierten und informellen Netzwerke des kulturellen Feldes, wie das in „normalen“ Literaturzeitschriften, -instituten, -forschungskontexten geschieht, mit dem Unterschied, dass hier sichtlich mehr Geld im Spiel ist. (Ach, Produzent auf einem Markt für singuläre Originale müsste man sein …) Warum es dann lohnt, diesen ersten Eindruck überhaupt zu erwähnen? – … (Weiterlesen auf Fixpoetry)

steine unterm gleisbett

Zu sagen, es wäre der Band „Grenzwerte“ von Max Czollek so etwas wie die lyrische Nachreichung zu „Desintegriert Euch!„, ist nicht ganz richtig – nicht ganz. Denn wenn es Czolleks viel diskutierter Streitschrift aus 2018 vor allem um die diskursiv wirkmächtige Zurückweisung jener Identitäten ging, welche „Randgruppen“ (in erster Linie: Jüdinnen und Juden) von der deutschen Mehrheitsgesellschaft „angeboten“ (in erster Linie: umgehängt) werden, so geht es in dem Gedichtband, der soeben im Verlagshaus Berlin erschienen ist, um Geschichte/n, Orte und Figuren jüdischer Selbstverständigung im einundzwanzigsten Jahrhundert. Ein Identitätsdiskurs also, ja, aber nicht unter „Folklore“ abzuheften, und zwar genau insofern nicht, als die Grundbedingung des Textsubjekts hier seine prinzipielle Fremdbestimmtheit, Fremdbestimmbarkeit … (weiterlesen auf Fixpoetry)

Fernsehen mit Schmitzer mit dem Hl. Leopold

Nach dieser Wahl, wenn wir zur eingehenden Reflexion von Politik und Fernsehzeug uns anschicken, ist uns, als könnten wir in unsern Hinterköpfen die Dienerinnen der Khaleessi zirpen hören: “It is known …”

… nämlich erstens, dass wir eine unumgehbare, 2019 mit einer weiteren Zementschicht überzogene Mehrhheit rechts der sogenanten Mitte in Österreich haben. Und damit ist nicht das Übereinstimmen der Wähler*innen mit dem solchen oder solchen Programmpapier gemeint, sondern ihre Zugehörigkeit zum solchen oder solchen Stamme. Woraus sich wiederum erklärt, dass sich die Programme ändern und die dazugehörigen Leute aber die gleichen bleiben können; die Wunderbastisekte plus die ibizinischen Freischaren kommen gemeinsam auf jene knapp 55 Prozent, auf welche das politisch gewordene Identifikationsgefühl des Selbst mit dem jeweiligen Eigentum bei uns schon immer kam (Mein Auto! Mein Haus! Mein Grenzzaun!); dem stehen 43 Prozent gegenüber, die Pamela Rendi-Wagners Zweckoptimismus-Selbsthilfegruppe, oder die rosa Neigungsgruppe Haselsteiner, oder schließlich, (Gratulation!), die Partei für Webdesign, Psychotherapie und halbcoole Erdkundelehrer gewählt haben. An dieser groben Verteilung ändert sich seit dem geschichtlichen Fehler der Alliierten, 1955 das Land zu verlassen, nix: 5 von 10 Österreichern wählen denjenigen Kandidaten, der für sie glaubhaft verkörpert, dass man sich eben abzufinden, durchzuwurschteln, einzureihen habe; weitere 4 von 10 wählen den je bemühtest vernünftigen Vorschlag-zur-Güte betreffend mögliche Verbesserungen; macht zusammen 9 von 10, und fraglich blieb stets nur, was der Zehnte tut ( … und, ob die SPÖ es schafft, sich zeitweise als ebenso hemdsärmelig-autoritäre Oaschpartie zu tarnen, wie der Gegner eine darzustellen schien; was dank so ruhmreicher Performaces wie der von Landeshauptmann Dipl.Ing. Hans-Peter Doskozil auch immer wieder gelingt) (und die Mobilisierung wäre eigentlich auch nicht zu vergessen, aber die ist für unseren Vergleich wurscht, weil der auch Zeiten mit einbezieht, da wir noch eine Wahlpflicht hatten, und sich am Ergebnis trotzdem nix ändert).

… zweitens, dass es innerhalb dieser beiden ideologischen Lager mit ihrer größenmäßigen Stabilität jeweils die proletarisch geprägten Parteien waren, die zusammen sechzehn Prozent verloren, und die bürgerlichen Parteien, die ebensoviel dazugewonnen haben: NSDAP und SPÖ hier, Vaterländische Front und Grüne da. Nichts liegt also näher als eine “große”, das heißt der objektiven Tendenz entsprechende Koalition der Eigentümer an Produktionsmitteln mit ihren (nach fortgesetztem Wienaufenthalt entfremdeten) Kindern. Eine solche Koalition hätte den großen Vorzug, dass sie das verständliche emotionale Bedürfnis der Bessergestellten nach falschen, weil moralischen Antworten auf die richtigen, weil politischen Fragen in nützlichere Bahnen lenken könnte, als dies unter dem Regime der türksiblauen Volksfront gegen Fortschritt und Menschlichkeit möglich war.

Es wird am grünen Juniorpartner liegen, solche moralischen Antworten zu formulieren: als einen Haufen humanitärer, ökonomischer, ökologischer Maximalforderungen, die freilich trotzdem stets bloß an den Oberflächen der echten Probleme kratzen werden (weil: Abschaffung des Bauernstandes, der Kirche und des Bundesheeres im heutigen Sinne, Enteignung von allen G’stopften usw. usf. wird vermutlich sachlich nicht zur Debatte stehen).

Dann – wenn ihm Werner Kogler in den Sondierungsgesprächen mit einem Katalog solcher unverhandelbaren grünen Minimaximalpositionen gegenübersitzt – dann wird der Heilige Sebastian der Schmachthöfe, oder wird halt die Kabale aus Benko, Mahrer, Mateschitz und Dompfarrer Faber, die ihn im Labor gezüchtet und mit Fernsteuerung im Gnack versehen in die weite Welt hinausgeschickt hat, eine von zwei möglichen Entscheidungen treffen müssen:

Entweder, Kurz sitzt am Ende der Verhandlungen als Kanzler einer Bürgerregierung vor, die im Interesse des eigenen Machterhalts jedes ihrer schlechten, falschen, rückschrittlichen Ziele (Privatisierung, Eigenverantwortung, Waldorfschulen) an eine Sorte Rechtsstaats- und Sozialklimbim knüpft, unter der sich’s leben wird lassen und auf Sicht komfortabel Opposition üben. Eine solche Regierung wird Stabilität besitzen, weil die Grünen ein paar vernünftige Leute mit genug Selbstausbeutungsbereitschaft haben, um dem blanken Wahnwitz der Heiligen der Kurz’schen Tage entegenzuwirken und niemanden ernstlich aufzubringen, der wählen wird dürfen. Mit ein bisschen Glück und gutem Timing kann es uns in dieser Konstellation sogar passieren, dass Österreich in der sogenannten Flüchtlingsfrage auf EU-Ebene so zu agieren beginnt, dass es bei genauerem Nachdenken nicht sofort Ekel und Scham auslöst!

Die andere Variante wird sein, dass Sebastian (Sallallahu ‘alaihi wa Aalihi wa sallam!) angesichts der Kompromisslosigkeit Koglers entnervt das Handtuch wirft und sein Glück mit einer Minderheitsregierung sucht, oder mit einer Neuauflage von Türkisbraun; beides heißt weitere Neuwahlen im Frühsommer 2020, und dann sind wir ihn los, und das weiß er.



… natürlich alles immer vorausgesetzt, es knicken die Grünen nicht ein und machen nicht brav Männchen, kaum, dass ihre schwürkisen Verhandlungspartner mit der veganen Wurst der Macht vor der Nase rumwedeln. Denn dann wird es egal gewesen sein, wer wen gewählt hat. Dann werden wir nämlich wieder, und vielleicht zum ersten Mal seit Ende der Donaumonarchie, so eine richtige Obrigkeit bekommen. … also: so eine ordentlich unverkrampft-verkrampfte, kreuzbiedere, von der eigenen Bedeutung selbstverständlich überzeugte und dem normalen Leben normaler Menschen vollends entfremdete Clique reicher Bubis, Mädis, Herrenreiter und grand dames, die dann soeben die Erfahrung gemacht haben werden, dass demographische Verschiebungen wurscht sind; Wählerstromanalysen wurscht sind; Motivationen und Bedürfnisse “der Menschen da draussen” wurscht sind; dass alles wurscht ist, weil sich eh alle von ihnen blenden und an der Nase rumführen lassen (zuerst ein Jahr lang die Faschisten, dann aber auch die Gutmenscherln). Will sagen:

(…) (Beitrag zu Ende lesen auf KiG!)

„Unfreiwillig zugerüstet“

„Hier sind Löwen“ von Katerina Poladjan ist, für sich genommen, ein tadelloser Roman mit stringentem, schnörkellosem Aufbau. Eine Protagonistin, geboren und aufgewachsen in Deutschland, eignet sich Elemente einer Nationalidentität an – der armenischen –, die, nur der Herkunft nach, auch die ihre wäre, wobei sie tatsächlich nicht einmal die Sprache spricht. Dies vollzieht sich quasi mit Naturgesetzlichkeit: Einerseits die Bedürfnisse der Mutter, unzuverlässige und unstete Hüterin einer Familiengeschichte; andererseits die Erfordernisse des Restauratorinnenberufs der Protagonistin, der sie nach Armenien führt, wo sie eine Bibel restaurieren soll, die sie, … (weiterlesen auf Fixpoetry)

ich wünsche mir …

abschaffung des AMS und seine ersetzung durch indoor-spielplätze mit riesenballpits und kuschelecke (ohne schweinkram) für alle, ermöglicht durch abschaffung des arbeitszwangs bei sozialhilfebezug; ebenso abschaffung der bewaffneten verbände des heeres (katastrophenhilfe ist eh lieb); umwandlung der kasernen in landschaftsgärten mit fkk-bereichen, saunas, wasserrutschen, minigolf; öffnung aller grenzen; gesamtschule mit zehnmal soviel geld wie jetzt und latein sowie altgriechisch auf dem lehrplan ab dem zehnten lebensjahr; wahlrecht allen, die hier sind; vollbeschäftigung durch den flächendeckenden ausbau und betrieb von luxuriösen gratis-öffis bis in alle käffer; der jedermann bei den festspielen muss ab jetzt jedes jahr von einem anderen unterhaltsam verwahrlosten fpövp-bezirksfunktionär gespielt werden; entschuldigungstour der … [weiterlesen auf ausreißer. Die Grazer Wandzeitung]

„(Zusammendrehen mehrerer Fäden)“

Beim Passagen-Verlag ist Anfang des Jahres unter dem Titel „zwirnen“ ein Text von Gertrude Maria Grossegger erschienen, den wir ungefähr einen Gesang werden nennen dürfen, oder ein Epos, oder, wohl am passendsten: ein grob 150-seitiges Garn, gegliedert in ca. zwanzig- bis ca. hundertzwanzigzeilige Abschnitte. Der Klappentext (bzw. die Seite mit den Auskünften zur Person, die bei einem Hardcover die Innenklappe wäre, und die sich hier auf Druckseite drei befinden) erklärt das Unterfangen:

Vom ursprünglichen  Wortsinn des Wortes „zwirnen“ (das Zusammendrehen mehrerer Fäden) ausgehend, werden unterschiedliche Bewusstseinsebenen, fassbare äußere und traumhafte innere Bilder, miteinander verzwirnt.

Aha. Eine nicht neue, aber doch entlegene Generalmetapher für das Verhältnis Ich-Welt-Sprache; zu Grunde gelegt einer nicht neuen, aber doch eher entlegenen Textform … Wie sieht das dann in der Praxis aus, fragen wir uns; denn … [weiterlesen auf Fixpoetry]

„cinema“

Es handelt sich bei der Lyrikanthologie „Cinema“ um ca. 170 Seiten deutschsprachige Gegenwartslyrik über das Kino, großteils bisher unveröffentlicht – für einen Gedichtband also eine ziemlich geballte Dröhnung, bestückt mit Beiträgen eh der meisten üblichen Verdächtigen1 und dank ihres rein inhaltlichen Fokus völlig unbelastet von jenen Erwägungen zu Kanon und Theorie, die sonst für Anthologien meist konstitutiv sind. Über die Auswahl schreiben die Herausgeber Wolfgang Schiffer und Dinçer Güçyeter in ihrem Vorwort:

Der ELIF VERLAG hat Lyrikerinnen und Lyriker eingeladen, Gedichte über das zu schreiben, was sie mit CINEMA verbindet.

Klug, an diese Stelle das Wort „CINEMA“ zu setzen und nicht „Kino“ oder so – so wird den 64 (!) Autor*innen ermöglicht, auch von allerhand Serien u. ä. zu sprechen, die sich ihrerseits auf den Erfahrungshorizont Film beziehen, und vermittels derer auch die veränderliche Wirklichkeit unseres Medienkonsums in den Blick zu bekommen ist – von den diversen Wirklichkeiten der Institutionen, die ein CINEMA heißen können, noch geschwiegen.

Das Konzept des Bandes geht auf, weil Gedichte und Filme sich (trügerisch) leicht in einander übertragen lassen. Eine der … [weiterlesen auf Fixpoetry]

über Max Wolf, „Glücksreaktor“

„Glücksreaktor“ ist ein Roman über Raves, Jugend und Drogen gegen die öde Kleinstadtkulisse ca. Mitte der Neunziger, also: darüber, Raves, Jugend und Drogen darauf zu verwenden, dass die öde Kulisse selbst verschwinde; über ein drängendes Bedürfnis nach Wirklichkeit, welches sich am Reflexionsniveau des Icherzählers ebenso zeigt wie am Niveau seines Drogenkonsums.

Das Buch lässt sich sehr kurzweilig lesen. Sein Verfasser verschwendet keine Zeit und eröffnet es mit einem klaren, elegant aufgebauten mission statement; die Verschiebung des Tonfalls auf den ersten paar Seiten – von der abstrakteren, entspannteren Beinahe-Anrede-an-die-Leser hinein in die spießige Kleinstadt, „Samstags, nach dem Frühstück…“, an und in der sich das Revoltenwerk des Techno vollziehen soll, sie geschieht unmerklich. Eine gekonnte Setzung, die sich in ähnlicher Weise oft wiederholen wird: Hier das souveräne, an keinen Zeitpunkt innerhalb der Erzählhandlung gebundene Ausbreiten von naturwissenschaftlicher Theoriesprache als Medium der Selbst(ab)setzung, der inneren Distanz unseres jugendlichen Helden Fred zu seiner Umgebung – da die Ereignisse einer gestörten (zu störenden) Reproduktion des Systems „Siemensmitarbeiter“-Kleinfamilie nebst Drogenerlebnisse – und die Übergänge zwischen den beiden stets fransenlos, unaufdringlich, effizient gesetzt.

Überhaupt ist die Komposition … [Weiterlesen auf Fixpoetry]

Fernsehen mit Schmitzer mit Bordieu: “Too Old to Die Young”

eit dem 14. Juni können wir uns auf Amazon “Too  Old to Die Young” ansehen, eine dreizehn Stunden lange, auf zehn Folgen unterteilte Extravaganz des dänischen Filmemachers Nicolas Refn (“The Neon Demon”) und des Comicautors Ed Brubaker. ( https://www.youtube.com/watch?v=I4Dol6VpmWc ) Das Gebilde, das technisch gesehen als Fernsehserie durchgeht, ist ein sorgfältig symmetrisch angelegter, halluzinatorischer, streckenweise ultrabrutaler Neo-Noir. Jede der neunzigminütigen Folgen ist um vielleicht zehn-zwölf gemäldehaft statische Tableaus herum gebaut, mit Menschen, die in farbübersättigten, körnigen Frames weniger agieren als vielmehr herumstehen, auch mit kunstvoll bedeutungsschwangeren Dialogen, mit komplexen, stoischen Antihelden und einem moralischen Kosmos, in dem das harsche Macht-Ohnmacht-Gefälle eine vorsintflutlich enge Verknüpfung von Ethik, Schicksal, Zauberei bewirkt: Kapitalismus –> Flachbauweise zwischen den Highways von Los Angeles –> Märchenwaldlogik.

Manifest ist “Too Old to Die Young” eine Erzählung über Rache und Schuld: Sie kommt in Gang, weil ein Narco-Prinz Rache für den Tod seiner Mutter zu üben versucht, aber dabei zunächst den Falschen erwischt; der “Richtige”, ein korrupter Polizist, arbeitet derweil an seiner Transformation vom nebenberuflichen Auftragsmörder zum moralisch gerechtfertigten Vigilanten. Was Refn und Brubaker uns mit diesen beiden Hauptfiguren auftischen, ist eine Gegenüberstellung unterschiedlicher Ethikmodelle oder Sinnstiftungsmodi, und der tatsächliche Gehalt des Spektakels besteht darin, dass beide gleichermaßen hohl erscheinen.

Sehr knapp unter dieser Oberfläche geht es  für die beiden spiegelbildlichen Protagonisten um die ödipalen Verstrickungen der Ich-Werdung / Mann-Werdung: Der Prinz bezieht für seinen Kreuzzug, das verlorene Territorium der Mutter zurückzuerobern, deren Villa, wo er umgeben ist von Bildern dieser Mutter, und seine Braut – die “Hohepriesterin des Todes” (nicht fragen) – schlüpft beim Sex explizit in die Rolle dieser Mutter; dem gegenüber mutet die Figur des erwachsenen Bullen mit seiner siebzehnjährigen Freundin und deren grindig-jovialem Vater beinahe subtil gezeichnet an …

Zusammengefasst: Alles das hat ordentlich mythologische Wucht, aber es fragt sich, wer sich “Too Old to Die Young” ansehen soll: dreizehn Stunden Lebenszeit, von denen erstmal ungefähr sieben nur darauf vergehen, dass wir unseren Figuren beim Schweigen zusehen, während sich die Kamera langsam von hier nach dort bewegt, und erst, wenn diese Bewegung zu Ende ist – plus nochmal ein, zwei Sekunden – sagt wieder wer was … und damit ist von der Effizienz der Szenenfolge noch gar nicht mal geredet. Freilich, es gibt Effekte, die sind schlechterdings nur genauso zu erzielen, vermittels eines Flows, der eintritt, wenn solche Langsamkeit nur konsequent genug durchgehalten wird. Aber Unterhaltung in einem intuitiv verständlichen Sinn des Worts ist das nicht. Es ist vielmehr Arbeit, sich durch diese Serie zu beißen, so, wie es Arbeit ist, sich die Bilder ins Gehirn zu schaufeln, die in der Albertina hängen, oder ein selbstgesetztes Fitnessstudio-Regime einzuhalten. Also: Lohnende Arbeit, potentiell genießbare Sublimation, aber Arbeit nichtsdestoweniger. Man könnte den Sachverhalt so deuten, dass …

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Weltenraum und Plattenbauküche

Márió Z. Nemes‘ Nachwort leistet einen knappen Überblick über den geschichtlichen Kontext der Gedichte, die Herausgeber*innen Orsolya Kalász und Peter Holland in ihrer deutschsprachigen Anthologie ungarischer Gegenwartslyrik versammeln: Die Texte stammen von Autor*innen mit Geburtsdatum ab 1980, die vor dem Hintergrund einer schwindenden Bedeutung der Gattung und zerbröselnder ideologischer Gewissheiten schreiben. Der programmatische Bogen ist aufgespannt zwischen einerseits (pseudo-)privaten „End-of-History-Schreibweisen“ mit oder ohne explizit postmodernem Theoriegehalt, und andererseits der Strömung einer „Neuen Ernsthaftigkeit“, die sich tendenziell gegen den ironischen Gestus wende, eine „Virulenz von Körperpoetiken“ aufweise und sich

immer mehr vom humanistischen Menschenbild und dem anthropozentrischen Subjekt entfernt. Anstelle eines anthropomorphen Naturbildes steht in den Texten (…) die Natur als Textgenerator im Mittelpunkt, die ihre Formlosigkeit (…) entfaltet.

Wir können, was Nemes über diese beiden Pole ungarischer Gegenwartsdichtung im Einzelnen schreibt, mit den jeweils von ihm referenzierten Einträgen in die Sammlung selbst einigermaßen zur Deckung bringen. Das steigert die Gewissheit, es werde an seiner Darstellung alles seine Richtigkeit haben, und so überlassen wir uns der Anthologie als einem, sozusagen, Zoobesuch unter fachkundiger Führung: Auf … [Weiterlesen auf Fixpoetry]

In automatensprachlicher Klammer – zu tau #2

Unter dem Menüpunkt „über tau“ steht auf der Homepage der seit Anfang 2018 halbjährlich (also zweimal) erscheinenden Hamburger Literaturzeitschrift unter anderem dies zu lesen:

tau widmet sich der zusammenführung von literatur und leser*innen über die hanseatisch-nordische perspektive hamburgs. uns vereint das gemeinsame interesse an neuentdeckungen sowie neuem von bereits bekannten autor*innen, dazu das anliegen, zeuge und förderin eines spannenden umschlagplatzes frischer texte – des literarischen pendants zum hamburger hafen – zu sein.

Thema von tau Nummer 2 ist das Schlagwort „Wertekind“. Das ist eine kluge Setzung: Literatur reagiere hier auf die Feuilleton- und Talkshow-Behauptung von „Wertedebatten“, „Europäischen Werten“, auf die stets mitgemeinte, rhetorisch vernutzte Mehrdeutigkeit des Wertbegriffs (postmarx‘sche Wertkritik; wirtschaftlich-greifbarer Wert vs. metaphysischer Besitz, ethisches Substrat), auch auf den Hauch von Alte-Männer-Dunst über den so diskutierenden Hinterzimmern der Republik; sie reagiere aber vor allem – „-kind“ – mit verjüngender Geste und planvoll unangreifbar, selbst-zurücknehmend, ambivalent. (Das Editorial schlägt darüber hinaus noch die Brücke vom „wertekind“ zum frühlingserwachenden „Wedekind“, aber der bleibt uns dankenswerter Weise auf den folgenden ca. 220 Seiten weitgehend erspart). Die weit gefächerte Auswahl hält, was die oben zitierte Homepage verspricht (wir verkneifen uns an dieser Stelle die Metapher vom grobmaschigen, weit in die hanseatische Nordsee gehängten Fangnetz; wir müssten sonst den einzelnen Autor*innen emblematische Typen von seafood beiordnen). 

Anfang und Ende von tau 2 gehören mit Texten von Hannes Bajohr und Gregor Weichbrodt dem Algorithmus; der Erkenntnis …

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zu Sonja vom Brocke, „Düngerkind“

Unter „Düngerkind“ steht auf der Innentitelseite von Sonja vom Brockes Engstler-Heft das Wort „Gedicht“, Singular. Gut zu wissen: Was uns vom Brocke aufbietet, ist keine Sammlung und kein Zyklus, sondern eine einzelne, 33 Seiten umfassende Sprechbewegung. Eingerahmt wird diese Bewegung vorn von drei Motti –

gescheitelt werden im /dreckigen Wetter, das sollst du
Oskar Pastior

Das Wehen der Luft das Rieseln des Wassers das
Wachsen der Getreide das Wogen des Meeres
das Grünen der Erde das Glänzen des Himmels
das Schimmern der Gestirne

Adalbert Stifter

Wenn wir weinen, sprechen wir mit den Sternen
Marianne Fritz

– und hinten von einer einzelnen Quellenangabe:

S. 9: kommt … kamen
Vgl. Invocations to the U‘wannami
(rainmakers), in: Technicians of the Sacred.
A Range of Poetries from Africa, America,
Asia, Europe, and Oceania. Hg. J.
Rothenberg, Epigraph und S. 437

Diese Angaben versichern uns des Settings, und unserer Leseweise darin: Brocke hat ein langes Naturgedicht gebaut, das die Funktionsweise der klassisch Stifter’schen Naturmetaphern anerkennt, aber über sie hinausgeht: Weder meinen die Erdkrumen und Gebüsche in „Düngerkind“ eigentlich irgendeine Wirklichkeit in der Psyche eines Textsubjekts, noch (…)

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Fernsehen mit Schmitzer mit beispielsweise Arthur Harris: Zeit im Bild 2, Kulturzeit, …

Wir denken uns ein paar Kraniche, die sich gemeinsam im Besitz eines Fernsehempfangsgeräts befinden. Nun stellen wir uns den Abend über dem Schilf am Neusiedler See vor, und das Surren der Mücken, und den Gatschgeruch von der Böschung her, und wie der Wind den Gatschgeruch immer wieder mal mit sich fortträgt – nicht ganz vorhersagbar, und nicht immer, aber doch regelmäßig genug, dass man den Gestank auf Dauer irgendwie aushält und fast heimelig zu finden lernen kann, wenn man denn möchte. Es handelt sich hierbei um eine ausgesprochen fein gesponnene Metapher.

Die Kraniche jedenfalls, da die Sonne sich senkt, sie glotzen und brüten, glotzen und brüten. Was sie glotzen, sind Programme des Österreichischen Rundfunks. Der Fernseher, den sie sich gemeinsam angeschafft haben, er steht auf einem biedermeierlichen Stockerl, welches im Schlick stakt und vor sich hin verrottet. Der Empfang ist leidlich gut, nur ein bisserl blaustichig, aber das gibt eh gute Kontraste im Zwielicht über dem See. Die Kraniche glotzen und brüten, brüten und glotzen, und gelegentlich klappern sie glotzend mit ihren langen Kranichschnäbeln in den Mückenhimmel.

Zuerst sehen sie, also wir, auf diesem Fernseher die “Zeit im Bild 2” vom 23. April 2019 – das war jene Sendung, wo Harald Vilimsky, EU-Spitzenkandidat seiner Partei, den Interviewer Armin Wolf vor laufender Kamera wissen ließ, der Stil seiner Fragen werde “nicht ohne Folgen bleiben [können]”. Dann ist Werbung (schaut aus, als wär’ die aus der Vorweihnachtszeit 2016), und nach der Werbung kommt der Kulturmontag vom 06. Mai 2019, wo sich die arme Clarissa Stadler namens des Rundfunks von ausgerechnet Jan Böhmermann distanzieren muss, bloß, weil der zuvor zutreffenderweise erzählt hat, es habe in Österreich derzeit Faschos in Regierungsämtern, das sei Oarsch, und es wäre seit den Tagen Thomas Bernhards die Anzahl der Debilen nichts als gewachsen (und freilich drückt er das alles viel gewählter aus, der arrogante Piefke). Hintendrauf flimmert eine Folge “Columbo” durchs Schilf, ganz, wie es früher mal war.

Nun ist es in der wirklichen Wirklichkeit ja so, dass jene erwähnten, zeitlich disparaten Stückeln ORF-Programm nur deshalb direkt hintereinander laufen können, weil es sich hier um einen äußerst unernsten und rasch zusammengeschusterten Text handelt. Innerhalb der fiktionalen Bubble dieses solchen Texts aber befindet sich das Land, und mit ihm der Neusiedler See, und mit diesem wiederum die Kranichkolonie da, in so etwas Ähnlichem wie einem Time-Loop … nein, stimmt nicht, es ist kein Loop, es ist mehr so ein Moment, wo das Gewebe der Zeit dünn und brüchig ist. Fast, dass du durch die Zeit hindurchschauen und die perspektivischen Hilfslinien dahinter sehen kannst, wenn du gegen’s Licht in den flach dunstigen Himmel blinzelst, so, wie es die Kraniche jetzt tun … will sagen: Alle Zeiten, nein, nicht alle Zeiten, aber doch mehrere Momente fallen da in eins unter der Dunstglocke, die der Himmel über Österreich ist; und mit ihnen sind nicht alle, aber doch einige ORF-Programme ebenfalls eins geworden. Geschichte reimt sich.

Von irgendeinem Rascheln aufgestört, fliegen die Kraniche davon. Sie streben dem Horizont zu. Werden sie gegen die Dunstglockenwand knallen, die den Himmel über dem Land zusammenhält, und dann leblos zu Boden fallen, von der Schwerkraft der sehr geehrten Voralpenlandschaft bis zum Ersticken in den braunen Bodensatz gedrückt wie so viele andere Textsubkjekte vor ihnen? Oder werden sie die Bubble durchstoßen und dabei die Souveränität unserer Außengrenzen zerstören? Wir sehen es nicht, denn sie verlieren sich in der Ferne. Ihre zurückgelassenen Eier frisst im Lauf der kommenden zwei Tage zitzerlweis’ der Fischotter. Der Fernseher läuft weiter, durch die Nacht und das Morgendämmern und den ganzen folgenden Tag weiter, und woher die Elektrizität kommt – auf welche waghalsige Weise das Teil verkabelt ist – fragen wir uns erst gar nicht.

So, wie sie da auf den wackeligen Biedermeierbeinchen ihres wackeligen Fernsehtischerls steht, hat diese alte Röhrenglotze durchaus das Zeug, ein möglicherweise bald vorbeischwimmendes Liebespärchen vermittels eines Stromschlages zu killen – muss nur eins der Tischerlbeinchen im Gatsch hinreichend vermodert sein, um von der achtlosen Berührung eines Schwimmerfußes umgeworfen zu werden. Auch dies ist eine ausgesprochen fein gesponnene Metapher, und wir wissen immer noch nicht, woher das Gerät den Strom ursprünglich nimmt.

… genauso gut nun, wie wir uns den solchen Unfalltod des solchen Schwimmer*innenpaares in den wirklich sprichwörtlichen Binsen vorstellen können – als Nebenereignis, wenn ein altes Österreichisches Fernsehen in dem braunen Gatsch kaputt- und untergeht, der ausgebreitet ist unter der Oberfläche eines heimlich-heimatlichen Nest- und Nistgeheges (das aber niemand sieht, weil niemand mehr zusieht, nichtwahr) …

… genauso gut können wir uns auch, im Sinne eines feierlichen Chorgesangs aus jenen Binsen, die da stehen, vorstellen, dass inzwischen alles das hier fürn Oarsch ist … Wir können dem Verschwinden der Kraniche zusehen; oder wir können das Stillleben der hinnichen Eier im hinnichen Neste kontemplieren, unter Röhrenglotzen-Röhrenstrahlung; oder wir können das Kräuseln des Neusiedler Seewassers anschauen, und uns dabei besinnlich vorkommen, höchst gleichnissig können wir das finden, wenn wir uns dazu denken, dass inzwischen eh alles fürn Oarsch ist:

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zu schreibheft #92, 02/2019

Die Schwerpunkte, die den beiläufig 170 Seiten starken Kern dieses Schreibhefts (Nummer 92, erschienen Februar 2019) ausmachen, werden flankiert von: Erstens ganz vorn Gedichten aus dem Nachlass von Inger Christensen, zweitens einem kurzen Text, der nicht nur als Nachruf Thomas Stangls auf Oleg Jurjew gelesen werden zu wollen scheint, und drittens Texten der jungen weißrussischen Lyrikerin Valzhyna Mort ganz hinten. Den beiden poetischen Blöcken ist dabei gemeinsam, dass sie auf unterschiedliche Arten einen vage archaisierenden Eindruck erwecken – was wohl mit dem knapp unterschiedlichen Stellenwert von Metapher, Natur, Strophenformrequisite zwischen den Lyrikmuttersprachen zu tun hat.

Die großen Themenkapitel dazwischen behandeln das hundertjährige Jubiläum von Kurt Pinthus‘ Expressionismus-Anthologie „Menschheitsdämmerung„, die Stadt Glasgow sowie den schwedischen Künstler Öyvind Fahlström in seiner Eigenschaft als Autor.

Wer, wie der Rezensent, von Fahlström noch nie gehört hat, wird von diesem letzteren Kapitel wohl am meisten profitieren. Der Reader, zusammengestellt von Stefan Ripplinger, vermittelt uns einen Überblick über die literaturgeschichtliche Einbettung und das Wirken Fahlströms sowie, in zwei Texten von Peter Weiss, einen Eindruck von seiner Präsenz als Kunstwelt-Kunstfigur. Vor allem aber legt er uns das Primärvergnügen der Lektüre seines Gegenstands nahe bzw. ermöglicht es erst. Er präsentiert nämlich Übersetzungen von Texten Fahlströms, die es (soweit halt eine rasche Google-Suche als Recherche durchgeht) nirgendwo sonst auf Deutsch zu lesen gibt: Eine Kritik, Texte und Bilder an der Kante von bildender Kunst und konkreter poesie sowie, von Ripplinger selbst übersetzt, drei sehr lustige Auszüge aus der Prosa „Der heilige Torsten Nilsson“. Hier (…)

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Fernsehen mit Schmitzer mit Shatner: Game of Thrones

Da müssen wir jetzt durch. So sicher, wie die Kirschblüten an den Bäumen uns vom Frühling künden, so sicher weist uns das Auftauchen von Emilia Clarke und Kit Harrington in unseren YouTube-Feeds, dass es soweit ist. Am vierzehnten April blüht uns die erste Folge der letzten Staffel von Game Of Thrones, oder blüht halt zumindest jenen unter uns, die entweder überteuertes Bezahlfernsehen oder ein minimales Bissl kriminelle Energie haben.

Der weltweite kulturelle impact wird später mal vermutlich auf der gleichen Skala gemessen werden müssen wie jener der Beatles – und im eng analogen Sinne: GoT verhält sich zu dem ganzen aufkommenden, derzeit noch um langfristig plausible Geschäftspläne ringenden System des Serienstreaming-Fernsehens genau so, wie sich Anfang der Sechziger die Beatles zur industriell jüngst erneuerten recording industry verhielten (nämlich: als zu einem Feld, das durch technologische Veränderung in Monopolisierungsk/r/ämpfe gestürzt wurde und sich noch nicht einmal auf die praktikabelsten technischen Standards geeinigt hat): yin-und-yang-eske Verschlingung, gegenseitige Stiftung bedeutungsgebender Sachzwänge zwischen den studios/platforms und artists/producers in einem noch offen Prozess, dessen Zufälle auf Jahrzehnte hinaus die Normen eines ganzen Wirtschaftszweigs präg/t/en: “Wer bezahlt wen, wofür, in welcher Höhe?” “Was ist das urheberrechtlich geschützte Produkt, was ist das bloße Epiphänomen der Produktionskette?” “Was ist, mit einem Wort, der gesellschaftliche Ort jener Unterhaltungskünstler, deren Prototyp man da augenscheinlich vor sich hat/te?” “Wie wirk/t/en Geldmaschine, Publikum und Kunst zusammen?” “Wie soll/t/en sie zusammenwirken?” “Wer darf welche Ansprüche stellen?”

Dass unter all den vielen zeitgenössischen Serien just diese zum großen Branchenzugpferd (bzw. -drachen) werden konnte – also: dass die Serienmacher von GoT überhaupt mal in die Situation kamen, Budgets, um die anderswo opulente feature films hergestellt werden, für einzelne Fernsehserienfolgen zu verbraten – liegt neben nackten Zufällen argumentierbar auch an einer Eigenheit des Materials. GoT ist im Kern vollends desillusionierte High Fantasy und damit offen für zwei unterschiedliche Rezeptionsmodi mit distinkten Interpretationsspielräumen – Desillusion UND Fantasy eben; das vergrößert Kundenkreis enorm und ermöglicht dem Material, als alleiniges Kommunikationsanbahnungsvehikel zwischen Leuten zu dienen, die sonst nix gemeinsam haben.

Entweder, wir beschauen uns das Spektakel identifikatorisch. Wir finden dann …

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zu spritz #228 – „Holocaust als Kultur“

Wie Kertész gerade in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises gesagt hat, ist ’seit Auschwitz nichts geschehen […], was Auschwitz aufgehoben, was Auschwitz widerlegt hätte.'“

Dieser Satz findet sich in László F. Földyénis Beitrag zu jenem Imre-Kertész-Symposion an der Akademie der Künste zu Berlin von April 2018, dessen Materialien den Hauptteil des Hefts Nummer 228 von spritz („Sprache im technischen Zeitalter“ – „Begründet von Walter Höllerer“) ausmachen. Wir lesen ihn Ende 2018, Anfang 2019, also zu einem Zeitpunkt, da eine Regierung auf dem Gebiet, das mal ein deutsches Reich hieß, die Wiedereinführung von „Schutzhaft“ sowie“€ 1,50,- Maximallohn für Flüchtlinge“ diskutiert. Mehr ist denn auch nicht zu sagen über die greifbare politische Aktualität und Brisanz eines Ereignisses, welches sich gleichwohl strikt im Gehege der Gelehrtenwelt abgespielt hat: eines deutschsprachigen Poetik-Symposions über jenen 2016 verstorbenen ungarischen Autor, dessen Werk eine distinkte und einzigartige Position unter den Ansätzen markiert, mit dem Holocaust umzugehen, was stets auch meint: literarisch umzugehen

Die vierzehn Beiträge dieses Thementeils, deren Verfasser …

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Offen zur Formalität

Über Ver- und Misstrauen gegenüber dem Literaturbetrieb, über bildende Kunst und mangelndes Wissen spricht Stefan Schmitzer für Fixpoetry mit dem aktuellen Alice-Salomon-Poetik-Preisträger Christoph Szalay.

Schmitzer: … Du hast mir eben erzählt, dass du kein besonders Vertrauen mehr in den Literaturbetrieb hast, lieber Christoph …

Szalay: Das stimmt, ja.

Möchtest du elaborieren?

Ich kann’s direkt machen: Wenn mich jemand fragen würde, ob ich an die Literatur glaube, dann wäre meine Antwort: „Nein“. Damit meine ich dann aber nicht die Literatur an sich, sondern ich meine vor allem […]

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„Grüsse mir, Flieger …“

Verlagshaus Berlin, „Quartheft #68“ (irgendwer muss mir mal den Sachzwang erläutern, aufgrund dessen deutsche Literaturverlage nicht einfach Bücher, sondern stets Reihen machen) – ein Gedichtband von Crauss. Der Klappentext sagt so:

… folgt Crauss den Piloten der 60er Jahre auf DIE HARTE SEITE DES HIMMELS: Er setzt seine körperlichen, feinen, wie aus Porzellan gegossenen VErse den elementaren Kräften des Fliegens aus. Zwischen den Staubwolken der Rollfelder und der furchtbaren Schönheit von Nachtflügen liegen sehnsuchtsvolle Träume (…)

… und das darf uns ein bisschen hoch (in den harten Himmel) gehängt erscheinen. Bzw. ein bisschen gar zu fixiert aufs manifeste Oberflächenthema. Freilich, der Band versammelt Persona-Lyrik, extrapoliert ein pansexuell-cooles Ich und eine Bondfilmhaft drapierte Kosmopolitenwelt, aber das war’s nicht (es handelte sich dann auch bloß um die Fortführung der Modemagazinfotografie mit den Mitteln der zeitgenössischen Lyrik – das müsste wirklich niemand lesen). Erstens hat dieses Ich mehr zu tun als bloß in etwelchen Lounges und an international landmarks herumzuhängen, und es entfaltet Reflexionen, die über solches Inventar weit hinausgehen – in beispielsweise Kindheiten, Lektüren, Sozialwissenschaft. Zweitens geschieht hier sprachlich deutlich mehr als bloßes lyrisches Abmalen symbolträchtiger Settings; Crauss‘ lyrische Rede kommt durchaus zu sich selbst. Drittens wird nicht nur vom Ich des manifesten Gehalts über die Erdoberfläche geflogen, sondern auch von Crauss‘ Text über die Oberfläche eines anderen Texts: (…)

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„… die schwarzen see lert mich ain vas begreiffen …“

Der zweite Gedichtband von Tristan Marquardt, Ende ’18 erschienen bei Kook, heißt „Scrollen in Tiefsee“. Schon klar: es geht um die Verselbständigung der Interaktion Mensch-Maschinengedächtnis, eine neue Sorte aufmüpfigen Unterbewusstseins. Oder: Neuverhandlungen darüber, was zwischen Naturzeug und Menschenwelt die Metapher ist, und was das metaphorisch Bezeichnete … Wir rechnen also, bevor wir den Band aufschlagen, mit ca. folgendem:

Abgrundtiefe Kataloge, in denen versunken wird; Neuerungen der Technik als Neuerungen des Bewusstseins- und Sprachvorrats; Externalisierung->Internalisierung->Versinken->Vereinsamen im Sprachstrom der Maschinen, als wäre er ein menschenleeres Andersland under the sea; die Sprache zeitgenössischer Sachtexte als eine Sprache, die dem Unbewussten (drei Uhr morgens, den Finger an der Maus-Taste, nur noch ein! Wikipedia-Artikel …) zu Gebote steht.

Wie sich schnell herausstellt, wenn wir tatsächlich blättern, fehlt in dieser Liste etwas: nämlich das Mittelhochdeutsche, mit dem sich Marquardt gut auskennt, im konkreten Fall: Texte des Eschenbachers, Reinmars und Heinrichs von Morungen. Eine andere Sorte Tiefe, das, können wir denken: Grammatikalische, semantische, klangliche Kräftefelder, die so im Neuhochdeutschen nur noch halb vergessen herumliegen; Vorbewusstes, Tiefsee auch hier.

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Fernsehen mit Schmitzer mit Hayek. Über „She-Ra and the Princesses of Power“

Wir erinnern uns an den heldenhaften He-Man im Fernsehen unserer Kindheiten (+/- 1985): im ewigen Kampf mit seinem Gegenspieler Skeletor um die Macht auf dem Planeten Eternia befangen; so ostentativ überdrüber-heteromännlich und so spärlich bekleidet, dass er es rasch und verdient zur Camp-Gay-Ikone brachte; die Dialoge so eindimensional und hölzern, dass es das identifikatorische Schauen unterminierte und selbst noch den doofsten Knaben daheim am Empfangsgerät zu höherer Hermeneutik zwang; die immer gleichen paar Ringkampfsequenzen, wenn‘s nach fünf Minuten Exposition an die Action der jeweiligen Folge ging; karge (lies: unaufwändig zu animierende) Felslandschaften mit gelegentlichen Wäldchen und Burgen, durchaus ohne erkennbare Straßennetze oder sonstige Infrastruktur … Die High-Tech-Jungsteinzeit am Samstagvormittag im Kinderzimmer; und weil’s als Dauerwerbesendung für überteuerte Plastikmantschgerl angelegt war, auch noch der Serviervorschlag ans kindliche Publikum, wie denn mit diesen neuartigen Mantschgerln zu spielen sein werde: Schlachtensimulationen für eine Kindergeneration, der die Idee von Krieg selbst, zum Glück, wie ein völlig jenseitiges Phantasiekonzept erscheinen musste, mit dem man so unbefangen umgehen durfte wie mit all den anderen Spielzimmer-Phantasmen …

… nun kannten wir damals die abstruse Geschichte nicht – und hätten auch nichts mit ihr anfzufangen gewusst – der wir die Präsenz jenes Herrn He-Man und seiner rauflustigen Freunde in unseren Fernsehern verdankten. Zu jener Zeit, Anfang der Achtz’ger, hatte nämlich soeben George Lucas mit “Star Wars” das Prinzip der Werbung für Pastikmantschgerl im populären Bewegtbild perfektioniert und zur Haupteinnahmequelle eines ganzen Franchises gemacht. Das war neu und alle Welt wollte mitspielen. Doch was mit feature films funktionierte, war im US-Kinderfernsehen zu jenem Zeitpunkt noch explizit verboten. Es musste erst Ronald Reagan (…)

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LesArt zu Muriel Pic, „Elegische Dokumente“

Ein übersichtlich zweisprachiger Band, (links französisch, rechts deutsch). Drei sagen wir Zyklen, in sich zusammengehalten von strikten Gliederungen – stets drei Strophen, stets zehnzeilig im ersten Zyklus, zwölfzeilig im zweiten, vierzehnzeilig im dritten – und inhaltlich vom Bezug auf Archive – hauptsächlich denen des Seebads Prora, denen von Kibbuzim aus der Frühzeit des Zionismus, denen Kafkas und schließlich dem etwas sinnbildlicheren Archiv einer

… Fotografie vom Sternbild des Orions, aufgenommen von einem Amateurastronom zur Stunde, als der Zweite Weltkrieg erklärt wird.

Wir sehen schon am Stoff, es geht, passend elegisch, um den Auseinanderfall von Vision und Wirklichkeit, bzw. um verfehlte Hoffnung, bzw. um Möglichkeiten, die von ihren Verwirklichungsbedingungen verraten sind. Das gipfelt im ganz Weiten eines astronomischen Blicks, der über den heraufziehenden Weltbrand buchstäblich hinweg-sehen muss, um zu seinem Ziel zu kommen; und das meint natürlich in allen drei Iterationen die Ur- und Vorgeschichte jener Nachkriegsordnung, die derzeit (2018) ökonomisch, moralisch, intellektuell und selbst spirituell auch schon wieder beim Teufel ist.

Wir bekommen die Faktoren, die so zusammenlaufen und über denen Muriel Pics Text-Ich schwebt, dank der Orientierung an tatsächlichen Archiven auch tatsächlich auf dem Silbertablett serviert – es geht um Beweisketten, …

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„22. Iss gut. 23. Schreibe.“

Narr #24. Fast, dass es nicht mehr die aktuelle Ausgabe des narrativistischen Literaturmagazins ist, die mir vorliegt … fast. Hat lange genug gedauert, bis ich endlich dazu komme, es zu lesen, geschweige denn zu rezensieren.

Wohlverdient, das fällt als erstes ins Auge, ist die Nominierung für den Schweizer Design-Preis 2018 – die relativ wenigen, aber strikt durchgezogenen gestalterischen Entscheidungen entfalten klare Wirkung; es erzählen schon allein die zwei gewählten Schrifttypen in ihrem Spannungsverhältnis zueinander und in den Assoziationen, die sie aufrufen, recht genau, wenn auch auf ungewohnte Weise vermittelt, wie nach Ansicht der Zeitschriftenmacher*innen zu lesen wäre … wie erstmal das Narr zu lesen wäre, aber (denken wir uns) dann überhaupt die Literatur, oder zumindest das, was diese Crew recht junger Schweizer Autor*innen zu ihr beiträgt. Und wie ist nur zu lesen? – Sagen wir: Unsentimental (Schrifttype „Real Beta“), aber …

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Verprasst! Passt!

Robert Striplings „Verpasste Hauptwerke“ gehört in die Reihe jener Bücher, die man durchaus mit Gewinn lesen und wiederlesen kann, deren wahre Pointe aber im Konzeptuellen liegt: Stripling wählt das Zitat-mit-Quellenangabe – sagen wir: das Motto – als Textsorte, mit der er sich einen Spaß macht, und zwar gerade nicht den naheliegenden Spaß der nesting dolls und infiniten Regresse von Wirklichkeitsebenen. Statt dessen bekommen wir: eine Führung durch das Reich nie geschriebener Bücher von fiktiven, die jeweiligen Epochenklischees komisch übererfüllenden Autoren … und außerdem ein Nachwort, von dem wir nur sehr kurz denken, dass es uns tatsächlich etwas erklärt, oder dass es uns zumindest in das eh schon durchschaute Bauprinzip dieses Haupttexts nochmal autoritativ einführt. Tatsächlich aber funktioniert dieses Nachwort als eine kurze Erzählung von den Freuden der phantasievollen Hochstapelei (und hier tauchen sie dann auf, die nesting dolls, denn gewissermaßen macht das Nachwort retroaktiv aus dem ganzen restlichen Text eine weitere solche Erzählung).

Wären die „Verpassten Hauptwerke“, inklusive jenes Nachworts, nicht bloß lustig, sondern auch noch über irgendeine Bande tragisch-katastrophisch – man wäre versucht zu sagen, das Ganze habe den Charakter einer Modernisierung der Prosabauweise von ca. Alasdair Gray. Die Übermacht der Gesamtanlage gegenüber den einzelnen Elementen würde dazu passen, ebenso der Umstand, dass das Buch besonders anfällig für die Gefahr erscheint, sofort entzaubert und langweilig dazustehen, kaum, dass der Gestus des jeweiligen Pasticchios mal nicht genau getroffen wird. (Es gibt Textsorten und selbst Stilspiel-Konzepte, die da weniger gefährdet sind.) (Und dass aber die Entzauberung nicht eintritt, dass der Ton sich halten lässt, ist genau die Attraktion.) Indes – Katastrophen finden wir bei Stripling nicht, zumindest nicht im Großen-Ganzen. Das braucht auch nicht mehr zu sein als freundlich, gelehrt und gerade das entscheidende Bisschen frivol.

Kritisieren könnte man gegebenenfalls, dass …

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Alles richtig: Alles falsch.

Nicht beklagen dürfen wir uns angesichts von Christian Metz‚ umfangreicher Monographie „Poetisch denken“. Die Lyrik der Gegenwart“ über einen Mangel an Stringenz, Struktur und Materialfülle. In einem Eröffnungskapitel, vier erschöpfenden Fallstudien und einem knappen Outro nebst Apparat verfolgt Metz konzentriert das Projekt eines systematischen (oder sagen wir: theoriegeleiteten) Überblicks über Entwicklung und Gegenwart der derzeitigen deutschsprachigen Lyrik. Realgeschichte, Sozialgeschichte und Ästhetik werden zusammen gedacht. Dies wird dem*der interessierte*n Leser*in so übersichtlich und in so beruhigender, pointierter Folgerichtigkeit dargeboten, als würden wir dem BBC-Tierdoku-Onkel Sir David Attenborough zuhören.

Über die vier eingehenden Gedichtlektüren, die den Hauptteil des Buches ausmachen (je über eines von Monika Rinck, Jan Wagner, Ann Cotten, Steffen Popp), kann an dieser Stelle nicht gerechterweise gehandelt werden. Metz nimmt seine Vorgaben ernst, liest genau, verknüpft über das ganze Buch hin; über manche Details seiner Einschätzung mag man je anderer Meinung sein, aber das gehört dazu. Sie sind, was sie sein sollen, und lesenswert genug, um den Band um ihretwillen zu empfehlen.

Schwierig dagegen ist ein formaler Aspekt, der inhaltliche Eigendynamik gewinnt (was ja so ganz gut zu Metz‘ Gegenstand passt): Die …

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Fernsehen mit Schmitzer mit Kierkegaard. Über Lodge 49.

Lodge 49 ist eine schwer kategorisierbare, unaufdringlich tragikomische und ungefähr “realistisch” gemeinte Serie über einen vage freimaureresken social club in der krisengebeutelten Industriehafenstadt Long Beach, Kalifornien. Sie ist unbedingt empfehlenswert, denn erstens kann man, während sie läuft, ohne allzu flashy Ablenkungen bügeln oder kochen, wobei es einem aber auch nicht fad werden wird, und zweitens darf Serienmacher Jim Gavin für seine Hervorbringung ein zwiespältiges Alleinstellungsmerkmal beanspruchen: Im ersten Staffelfinale, also nach zehn Folgen und damit knapp ebenso vielen Stunden Programm (bei uns legalerweise anzusehen auf Amazon), gibt es eine Stelle, da erreicht der Triumph des bekanntermaßen alternativlosen Kapitalismus über eh alles in unserem Leben, die In-Dienst-Nahme auch der entlegensten Daseinsbereiche durch seine Verwertungslogik, eine neue Qualität:

Nicht bloß, dass die Hauptfiguren von Lodge 49 – Angehörige der sogenannten unteren Mittelschicht an der Kante zum Prekariat, von der sehr greifbarenDrohung der Obdachlosigkeit ebenso real zermürbt wie von ihren diversen emotionalen Krisen (die alle keine wären, wenn sie jeweils nur ein kleines Bissl mehr Geld hätten) – jede, aber auch jede Ressource und jede Facette ihres Soziallebens vernutzen und verwerten müssen, um irgendwie, und knapp, über Wasser zu bleiben; und nicht bloß, dass sie diesen mühsamen Zustand auch noch wacker toll finden und positiv denken sollen; nein: Während der letzten paar Takte des Finales legt sich die Serie (zumindest uns Zuseher*innen gegenüber, und vielleicht, Cliffhanger Cliffhanger, nur zum gut inszenierten Schein) darauf fest, dass die “mystischen Versprechungen” der namengebenden Lodge nicht alle bzw. nicht nur Bullshit sind. Man stelle sich vor, was das in diesem Zusammenhang und für die bis dort hin wie gesagt “realistische” Serie bedeutet:

Alle Kindergebete sind dann wahr – es gibt Magie – es obwaltet definitiv ein verborgener Plan hinter den Dingen, und er belohnt korrektes Verhalten wirklich – so etwas Ähnliches wie “erlösendes Eingeweihtenwissen” is a thing … aber selbst alle diese feinstofflichen, metaphysischen Instanzen sind dem Gesetz des galoppierenden Oarschloch-Neoliberalismus nach- und untergeordnet, will sagen: Selbst Gott in seinen Himmeln untersteht der gig-economy. Nicht mehr nur das Ende der Welt ist, wie der bekannte Kalauer geht, im Gehege der Unterhaltungskünste leichter zu denken als das Ende des Kapitalismus – auch die Option auf wie immer geartete individuelle Mystik wird, statt den bestehenden Scheißdreck in der jeweiligen Story zu transzendieren, von diesem ins Immanente herabgezwungen.

Wieviel gnädiger und menschenfreundlicher wäre das selbe Narrativ doch, wenn …

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Triebabfuhr

Thilo Sarrazin beschreibt im Vorwort dieses seines vorliegenden Islam-Buchs unter dem Titel „Feindliche Übernahme“ sein Vorhaben so:

An [den] Anfang [des Buchs] stelle ich die Frage nach dem ‚Wesen‘ des Islam. Meine Antwort suche ich im Text des Korans, so wie ich ihn als verständiger Laie ohne Kenntnisse des Arabischen (…) verstehe. Von daher versuche ich, das Spektrum der Deutungen des Islam aufzufächern …

… und es fiele uns wesentlich leichter, dieses Ansinnen als einen zwar strukturell rechten, aber redlichen und daher respektablen Beitrag zur sogenannten „Integrationsdebatte“ anzunehmen, wenn der Verfasser nicht in den wenigen einleitenden Absätzen, die diesem Zitat vorausgehen, gleich mehrere sich gewaschen habende Schenkelklopfer für die besonders feinsinnigen Freunde der rassistischen Implikation untergebracht hätte … und solchermaßen from the get-go klargemacht, dass er Religionssoziologie nur genau so weit bemühen wird, wie leider, leider unbedingt nötig, um es den doofen Gutmenschen mal so richtig reinzusagen.

Will sagen: dass wir es entgegen allem Vorschein eines Besseren (Fußnoten! Literaturapparat! Ganze Sätze!) mit xenophober Triebabfuhrlektüre für die bücherbesitzenden Stände zu tun haben, bemerken wirauf Seite +/- 16 von knapp 500, irgendwo zwischen Stilblüten wie den folgenden hier:

Der in Europa weit verbreitete Antisemitismus erklärte sich nicht nur aus der religiösen Sonderrolle der Juden, sondern auch aus ihren besonders großen Erfolgen in Wirtschaft und Wissenschaft. Das führte zu Neidreaktionen, die sich teilweise in Antisemitismus übersetzten.

Lies: Irgendwas muss ja dran gewesen sein an dem Gerücht von den Juden; ganz so umsonst hat da das deutsche Wir-Subjekt da keine „Reaktionen“ gehabt.

Umgekehrt ist es auch nicht gut, wenn sichtbar abgegrenzte Minderheiten, wie die Schwarzen in den USA, bei Bildungserfolg, Einkommen und Lebenserwartung deutlich schlechter abschneiden. Die vernünftigste Lösung wäre eine Aufhebung der Unterschiede durch Vermischung der verschiedenen Ethnien. Dies widerstrebt aber offenbar den Wünschen der meisten Menschen: Schwarze, Weiße und Ostasiaten heiraten in den USA zumeist unter sich.

Das letztere ist so blöd, dass noch nicht einmal das Gegenteil stimmt. Während wir aber Ausschau nach einem Soziologie-Zweitsemester halten, der Sarrazin und seinen Eleven vordeklinieren könnte, wie man Statistiken interpretiert und wie nicht (Korrelation und Kausation und all that jazz), dürfen wir …

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always with the nahverkehr . 1 geschehnis mit flügeln .

es trafen sich drei amseln . und tzschiwiwiwirpten mir ein lied das gieng :

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sie kreisten dabei über sanktus leonhard sein’ stadtbezirk. genauer : kreisten über der engelgasse zwischen elisabeth- und leonhardstrasse . so ging ich näher hin genauer zuzuhören . war eine riesenbaustell’ . lastautos und baufahrzeuge piep piep piep . und war krawall . weil auch der bim-ersatzbus der statt dem siebmer und dem einser fährt . muss durch die engelgasse umgeleitet werden . weil hinter den ursulinen alles gesperrt ist wegen noch einer anscheinend anderen baustelle . und dann gibts noch den ganz normalen busverkehr der da durch durchmuss . und die autos die autos . war auch erster schultag morgens morgens . so gieng ich näher hin genauer zuzuhören . und fand mich stehend an dem rand des solchen pandaemoniums piep piep . war erster schultag und es trafen sich drei amseln .

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und die busse wussten werder vor noch zruck . es standen zwei am ende engelgasse richtung elisabethstrasse . einer war eben links in die engelgasse hinein abgebogen und stand entsprechend nicht ganz hundertpro gerade . ihm versperrte ein lieferwagen die weiterfahrt der war fahrerlos stand schräg zwischen straße einfahrt gehsteig hatte die ladeklappe offen . der andere bus hielt in der gegenrichtung an der weißen linie und hätte wenn er weiter wär gefahren einen schlenkerer mit seinem heck gemacht das gänzlich proppenvoll gefüllt erschien mit menschen . der heckschlenker die sagenwir ausscherung sie würde unvermeidlich in der schnauze des anderen busses mitten darinnen geendet haben . das würde aua aua ergeben haben tatü tata . alles hupte und wartete und auf der elisabethstrasse stadteinwärts da bildete sich ein schweif eine linksabbiegerschlange . und der nächste schienenersatzbus richtung stadtauswärts wartete auch schon hinter den so solcherart verkeilten. und die vogerlan oben darüb sie zwitscherten

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so schien mir da ich sah und lauschte einen augenblick lang nicht mehr ganz so sicher dass das gattungswesen mensch der liebe haarlose trockennasenaffe wirklich und wahrhaftiglich die krone der schöpfung sei . wenn er es denn so gár nicht möcht’ vermöchten in der zweitgrößten stadt der siebtreichsten volkswirtschaft der erde am ersten schultag einen g’scheiten öffentlichen nahverkehr organisiert zu kriegen nichtwahr . da brauch’ ich dacht’ ich mir da brauch ich einen taschenrechner und zwei hawis die ein maßband halten können dann hab ich das (hinreichend steuergeld vorausgesetzt) an einem nachmittage ausbaldowert wo wann womit gefahren wird . zahlen abmalen und in eine excel-liste tippen können tatert auch nicht schaden . und die vogerln sie zwiepten und der wind er raschelte in baugeräten und er zupfte an den overalls des personals das zwischen hupen brummen piepen ächzgeräuschen von metall und glas und gummi auf asphalt und stein hin und her den vormittag durcheilte . wie muss dachte ich mir da : wie muss es droben in den lüften lustig sein wo diese amseln flatternd singen

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. wie muss es dort so schön und so viel freier sein . wie muss es lustig sein uns dodeln in der engelgasse zuzusehen da busse vollbesetzt und autos sich verkeilen bis nichts weiter geht . die amseln sahen mich ohne mitleid an und zwiepten . die leute in dem heck des einen und dem fonds des andern busses sahn mich ohne mitleid an und zwiepten auch schien’s mir . mir wuchsen flügel . tatsächlich brach die welt in massenchoreographiertheit aus . wir denken zirka sergej eisenstein . (wie das mit meiner kleidung funktionierte ob die auf schulterhöhe hinten riß oder sich schmiegte oder ob das anders (magisch) gieng vonstatten weiß ich nicht zu sagen wurscht oder ?) . dass ich geflügelt war hieß nun durchaus nicht dass ich fliegen konnt’ . im gegenteile . schwer hingen jene haut-und-daunen-lappen unter der schillerschicht aus schwarz-und-weißem deckgefieder an mir hinten runter . teil meiner selbst da rundherum die baustell’ . schwer schleiften sie am boden . ein arbeiter stieg beim verrichten von verrichtungen darauf . das schmerzte und ich musste erste federn lassen . eins zwei drei vier fünf federn die führten kleine wirbelwindchen an der bordsteinkante weiter weg.

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riefen die drei zauberamseln immer noch . und weiter glosten letzte sommerüberreste im septemberhimmel hin . stumpf sah man mich aus einem PKW der ratternd heißlief an . da nix weiterging . stumpf sah ich zruck und dann zu boden . mir fiel nun auf es waren elsternflügel die ich hatte . und führte eins zum andern und die ohrringe der damen im bus begannen mir zu glänzen . wurscht . schwer die flügel . schwer der nahverkehr verkeilt . so war ich (wie g’sagt) fest am boden festgemacht von dem gewicht der flügel . und ebenso der fluß von menschen durch die gegend von den bussen fest gehindert in ein blech gebannt . dies ist ein gleichnis nichtwahr . eine parabel . hier ich da der verkehrsfluß . hier die flügel die haängen und drücken satt schweben . da die busse die stehen und hindern statt fahren .

AANGEBOT SCHAFFT NACHFRAGEE
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ich sehe hilfesuchend zu den schwarzen gelbgeschnabel-viechern droben die sich eben niederlassen . und fühle mich wie so ein ganz ein dicker bub beim fangenspielen . ich so : ach koommts schon amserln ! gebts mir aan hinweis wie das geht mit fliegen ? die amseln zwiep : wie sollten wir ? was wissen wir von menschen schwergewicht und trägheitsdings (hihi haha) von grund auf ? ich drauf : ihr wissts doch was ? die amseln :

du musst die musskelln exerzieren
und tirillieren
dann könnt das was werden
mit dem abheb’ von der erden …

ich stirnrunzelnd gegen den amselhimmel auf der baustelle . dass der security-hawi mit dem funkgerät kommt und drohend fragend schaut so lang steh ich schon rum . und immer noch die buse an ort und stelle . wir stehen aug an auge in der gasse wo der ganze äusserts provisorisch angeordente verkehr der GVB für leonhard in richtung krankenhaus hindurchmuß . wir schauen uns an eisenstein . oder eastwood. steh auge in auge der security mit den guten jobchancen und ich . nichts rührt sich am wenigsten meine flügel . zwiep zwiep.

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während dem allem schiebt sich der statdauswärtse bus um zentimeter zentimeter quietschend weiter auf die elisabethstrasse . metall quietscht auf anderem metall. die buse reiben aneinander . woran ich denke da dabei mein linker flügel erstlich erstmals zuckt ist nicht der sittlichen entwicklung der jugend förderlich . jetz kommt außerdem der fahrer von dem kleinlaster hinzu der den stadteinwärtsen bus blockiert . der kann aber nicht wegfahren weil seinerseits von einem stapler mit palletten zugeparkt . oider hier gehts zu . und wuuuui ein auffahrunfall vorne in der stauung . hauptsach während der security und ich uns westernmäßig anstarren . hauptsach dass zumindest der eine bus ohnr fremde hilfe rauskommt . yay !

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schreien schon wieder die amseln und meine elsterflügel drücken unterm gwicht der baustellenschutzbefugtenblicke . da habe ich eine epifanie . so wie der bus irgendwie weitergekommen ist halt zumindest der eine . so kann auch ich . fliegen lernen .

und muss die musskelln exerzieren
und tirillieren
dann könnt das was werden
mit meinem abheb’ von der erden

ich habe dan mehrere jahre in den wu-dang-bergen im kloster verbracht und gelernt wie alles ist . und abenteuer und staub . und immer die flügel hinter mir her geschleppt . und meditiert . wasser vom fluß holen . flügel geschleppt . reis ernten . flügel vollgesogen . und schulterübungen . dass teile meiner flügel ließensich bewegen . nie richtig nie gscheit . aber langsam langsam . dann wars mir z blöd . bin ich nach amerika hab mir lassen geben pulver mit hormon . hat auh nur bissl g’holfen . und war ich in der mojave wüsenei . an einem abend . in einem großen dämmern . dass ich der vogerl über graz st. leonhard gedachte wie sie ihr lied gesungen:

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und fiel mir wieder ein . dies alles was mir wiederfahren . als parabel nichtwahr . erst weil ich elstern flügel an mir hängen hatte . zog ich das selberfliegen ernstlich in erwägung . und hatte nebenbei kungfu gelernt in den wudang-dings . und war jetzt in amerika . und konnte mich als superheld verdingen oder ? genauso mit dem nahverkehr in graz . also parabolisch . fiel mir wie schuppen von den augen : wenn man will dass die leute eine idee kriegen was sie in der stadt wollen sollen ausser arbeiten und daheim hocken . dann muss man bessere öffis einrichten . solche die nicht noch alles blockieren . nicht die pflicht sondern das geile und supere muß her . und da konnte ich . weil dies ein kitsch ist hier . endlich fliegen . da ging das endlich mit den schwren flügeln . und war das in den hellen himmeln eine parabel war das .

was aus den amseln und den bussen war was weiß ich . zwiep .

[Beitrag zuerst erschienen bei KiG!]

Reue, Herrschaft, Feuilleton

Die Kurzfassung der Positionen, die Max Czollek für dieses Buch aufbereitet, geht ungefähr so: Das offizielle Deutschland nebst seiner Exportwirtschaft und denjenigen seiner Bewohner*innen, die sich in der sicheren Gewissheit dünken dürfen, im Zweifelsfall noch jeder beliebigen Definition zur „Mehrheitsgesellschaft“ gezählt zu werden – sie profitieren alle immens von der immer wieder erneuerten Inszenierung eines bestimmten Geschichtsbilds und seines ideologischen Korrelats in einem sich geläutert, weltoffenen und unverkrampft patriotisch wähnenden Deutschland. An diesem Geschichtsbild und an dieser Inszenierung hat Czollek zunächst auszusetzen, dass sie den jüdischen Bewohner*innen Deutschlands einen sehr bestimmten Platz im „Erinnerungstheater“ zuweisen, nämlich: allzeit als Repräsentant der (Nachkommen der) Opfer des Nationalsozialismus zur Verfügung zu stehen, um die jeweils anstehende Läuterungs- bzw. Sühnegeste der (Nachkommen der) Täter abzunicken, dabei Versöhnlichkeit auszustrahlen und im Übrigen zur neuen Deutschen Vielfalt (resp. zum christlich-jüdischen Abendland) den einen oder anderen nicht zu sperrigen Beitrag1 bereit zu haben.

Diese Indienstnahme, so Czollek, werde den real im gegenwärtigen Deutschland anwesenden Juden2 weder historisch noch kulturell gerecht. Sie verwandle all die offiziell Deutschen Reuebekundungen über „das Geschehene“ in ebenso viele erneuerte Dominanzgesten – „Erinnern“ wird zur Herrschaftsideologie. Hieran hängt als zweite Beobachtung die, dass sich das Kollektivsubjekt der „Deutschen“, da es solcher Rollenzuschreibungen bedarf, über die eigene Natur belügt, wenn es

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Feuilletozän

Dass nicht nur die deutschsprachigen Lyriker*innen, sondern auch die Weltgemeinschaft der Geologen das Zeitalter des Anthropozän ausgerufen haben, entnehmen wir Hartmut Böhmes einführendem Beitrag in der eben erschienenen ersten Ausgabe der Zeitschrift „Dritte Natur“. Nicht ganz klar ist (mir), ob die Schlagworte „Technik – Kapital – Umwelt“ auf der Titelseite das Thema der Ausgabe oder das Motto des Zeitschriftenprojekts insgesamt darstellen. Böhmes Aufsatz deutet eine mögliche Leserichtung an –

Vergessen wir nie, dass dem biophysikalischen Universum der Erde ein semiotisches Universum entspricht. Die Erde ist auch eine aus Zeichen gesponnene Textur, seit der Urgeschichte bis heute ohne Unterlass besprochen, besungen, benannt, bezeichnet, beschriftet, vertont und bedichtet.

–, aber ob die vorliegende Textsammlung (meiner Interpretation) dieses Serviervorschlags gerecht wird, ist eine andere Frage. Es geht schon auch einen ganzen Abschnitt lang (vier Aufsätze und vier Gedichte) um „Wege der Literatur“ angesichts des Anthropozäns, und Herausgeber Steffen Richter, selber vertreten mit „Die große Erzählung. Literarische Narrative des Anthropozäns“, ist nicht umsonst Literaturwissenschaftler. Doch die Mehrheit der Beiträge (sieben der restlichen acht) darf eher der Textsorte „Naturwissenschaftsfeuilleton“ (bzw. halt Technikphilosophie) zugeschlagen werden. Gemeinsam ist den Beiträgen, dass sie um die prinzipielle Möglichkeit von Perspektivenwechseln (Plural) zwischen Welt, Mensch, Erde kreisen. Das heisst, hier kaum übersehbar, auch: um die Möglichkeit multipler Perspektivenwechsel zwischen Akademia/Diskurswelt, „erster Natur“ und dem Menschen als Gattungswesen:

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trifft!

Das poetologische Gespräch zwischen Pamela Granderath und Nora Gomringer beinahe am Ende des vorliegenden Bandes löst (in mir) das dringende Bedürfnis aus, dazwischenzurufen: Ihr verwechselt da, Kolleginnen, diese Effekte, diese Art von Schreiben-fürs-Ohr, diese Sorte Bühnenpräsenz mit den Effekten, der Ohrenschreibe, der Bühnenpräsenz überhaupt. Das verzerrt in my humble opinion Eure Selbstwahrnehmung, und dazu noch das Bild, das Ihr von Eurem gewählten Genre der slam-poetry zu haben scheint …

… und wir können die Dringlichkeit dieses (meines) Einspruchsbedürfnisses getrost als Zeichen verbuchen, dass es Herausgeberin Frauke Tomczak gelungen ist, mit ihrer Zusammenstellung „Bekannt trifft Unbekannt #2“ (zumindest diesen, aber wohl noch weitere) Nerven poetologischer Zeitgenossenschaft genau zu treffen.

Das Konzept ist dabei simpel und tragfähig: Der Band versammelt vier Paarungen eines/einer bekannten und eines/einer unbekanntern Lyriker*in1 (letztere, wenn ich richtig verstehe, ‚aus Düsseldorf‘), zum einen mit Gedichten, zum andern mit einem dezent moderierten Gespräch des jeweiligen Duos übers Schreiben, das bei einer Lesereihe aufgenommen wurde. Dem Buch liegt die Audiofassung sowohl der Texte als auch der Gespräche als CD bei. Erfreut kann man …

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… zusammen machen ist prekär

Das Vorwort zur aktuellen BELLA schließt mit den Worten:

Weich soll der Umgang miteinander sein und der Text beweglich, damit er anschlussfähig bleibt. Damit wir anschlussfähig bleiben, kommt die BELLA mit ausgestreckter Hand, zum Aufnehmen und Aufgenommen werden. Schön, dass ihr uns eine Weile begleitet.

Auch, wenn man das mit der Anschlussfähigkeit und der Weichheit nicht so selbsterklärend findet wie offenbar die Verfasser*innen (und man zumindest die Wortwahl, wenn schon nicht den Inhalt, für ein Symptom von triumphaler Markt- und Netzwerklogik in der Textwelt hält, welches freilich den einzelnen Beteiligten nicht als etwas aktiv Betriebenes vorgeworfen werden kann/soll) – man darf sich doch versucht fühlen, ihnen zu antworten: Danke für die Einladung! Gerne!

Sichtlich hat die BELLA sich auf ein Format eingespielt, das die Abbildung einer Pluralität von korrespondierenden, dabei aber nicht kongruenten Positionen ermöglicht; will sagen: auf einen komfortablen Gesamtumfang mit nicht zu vielen oder wenigen einzelnen Beiträgen, und auf einen ebensolchen Modus der Zusammenstellung. Es ist diese Art von stabiler Fundierung im Organisatorischen, die wohl ermöglicht, „Herkommen und Hinwollen immer wieder neu [zu] erzähl[en]“, wie es im Vorwort ebenfalls heißt, und: „Diesmal könnte alles anders werden.“ Dies „anders“ heißt konkret, dass wir uns acht Einträgen gegenübersehen, von denen sich einige mit Standortbestimmungen auf dem Feld der Identitätspolitik beschäftigen oder dieses zumindest streifen (und unter denen keiner ist, der sich gegen die hiervon emanierenden Obertonreihen sichtlich sperren würde).

Entscheidend für die Ausgabe ist die Kollaboration von Annette Pehnt und Guido Graf, „Lehm und Regen. Über kollaboratives und politisches Schreiben“, die ganz am Schluss steht. Nicht sofort erschließt sich, ob die streng gegliederte Form die eines Axiomenkataloges, eines Manifests oder eines, äh, Theoriegedichts ist, und natürlich stellt solche Unschärfe den Sinn der Übung dar. Behandelt der manifeste Text vermittels zahlreicher und kenntnisreich gewählter Zitate so etwas wie ein präsentes Bewusstsein für die Historie literarischer Kollaborationen, verschiedener Wir-Bildungsstrategien im Textfeld; so stellt der Subtext jenes „Wir“ in Frage, das sich da bilden kann – also: Auch das eigene Subjekt eines Texts, der mit den Worten beginnt

Was wir zusammen machen, ist prekär.

Heißt:  An zahlreichen Stellen, an denen es manifest um den soziologischen Ort eines Subjekts geht, das politisch wirksamer Rede mächtig sei (wie gesagt: „Moderne“ vs. „IdPol“), passiert entweder die Verschleierung eines grammatikalischen Subjekts – „Solidarität, die als Selbstzweifel … den Bewohnern demokratischer Staaten eingeimpft wurde“ (von wem?) –  oder Entgrenzung zwischen Text und Leser qua rhetorischer Frage – „… warum halten wir (…) so vehement an der anderen Geschichte fest, die von Eigenem und Ursprünglichem erzählt, von (…) Schöpfung, Ziel und Anfang?“. Wir tun gut daran, hierin …

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de consolatione philosophiae

… Und uns?! …

… uns, Schatzi, uns scheint derzeit nicht mehr und nichts Besseres zu tun zu bleiben, als dass wir das anscheinend unvermeidbare Herabsinken der zivilisierten Umgangsformen in Mitteleuropa schreibend begleiten. (Bekanntlich ist es gar nicht so lange her, dass man höflichkeitshalber davon Abstand nahm, jenes massenhafte Ersaufen von Negern und/oder Islamisten im Mittelmeer auch noch lautstark grölend abzufeiern, das man als stabil schweigende Mehrheit bislang bloß billigend zur Kenntnis genommen hatte …) Blöd, dass der Erkenntniswert unserer diversen Empörungen verschwindend gering bleiben muss, auch und gerade dann, wenn diese Empörung rechtschaffen, treuherzig und rhetorisch brillanter als hier vorgetragen wird (… und leider selbst noch im Bann des sonst so krisensicheren Textproduktionszweigs von faktenbasiertem Journalismus:

Der Neuigkeitswert noch der sauberst recherchierten Meldung, nach der ein österreichisches, ungarisches, u.s.-amisches Regierungsmitglied wieder irgendetwas atemberaubend Dummdreistes und/oder Bösartiges getan, veranlasst oder in die Propagandamedien hinein-diktiert hat … oder der zufolge es eine weitere offensichtliche Connäkschn zu rechtsradikalen Abenteurern und den von ihnen herbei-ruinierten Krisenherden im Umkreis gibt … oder wonach irgend jemand aus der bekannten Clique mit den Pfoten in einer der verbliebenen Steuergeld-Keksdosen erwischt wurde … er bleibt zwischen Washington, Wien und Wladiwostok äquivalent zu der Schlagzeile: “Bär scheißt im Wald”: Was sollen sie sonst machen, da sie sonst nix können, die Herren Hierarchietrotteln?)

Alles, was es über die derzeitige politische Lage in der “entwickelten Welt” zu sagen gibt, wurde in den letzten zwei Generationen Faschismusforschung und Kritischer Theorie bereits aberhundertfach gesagt, sowohl, was die psychische Verfasstheit der Akteure und die sozioökonomischen Ursachen ihres Treibens “gerade jetzt” betrifft, als auch in Hinblick darauf, womit hierzulande auf Sicht noch zu rechnen ist:

Aus Arriviertheit scheuebeklappt, oder sträflich naiv,oder schlicht blöd muss sein, wer das Aufploppen von “heimattreuen” Schlägertrupps nach Art der Hahnenschwanzler unseligen Andenkens oder der Nachtwölfein Österreich noch immer für unmöglich hält und weiterhin nicht fürchtet. Der derzeitige Vizekanzler der Republik hat nicht umsonst einen Teil seiner primären Sozialisation bei Wehrsportübungen erfahren; Männerbünde, “Kameradschaften” und Bikerclubs,die sich der männlichen Selbsterfahrung beim Einschüchtern politischer Gegner und Drangsalieren von Sündenböcken für die jeweilige Hysteriedujourhingeben,sie werden – sollten sie entstehen – nach anfänglichen Widerständen damit rechnen dürfen, polizeilich halbwegs unbehelligt zu bleiben, solange sienicht “über die Stränge schlagen” (also der Handelsbilanz schaden).

Appelle an den guten Willen der “politisch Gemäßigten”, sich dem Dreck en masse entgegenzustellen, sind zum Scheitern verurteilt. Was diese Gemäßigten nämlich gemäßigt macht, ist ja der Umstand, dass sie einerseits keine charakterliche Deformierung aufweisen, aufgrund derer sie das Drama der eigenen Unzulänglichkeit in den Augen des Übervaters wieder und wieder ausagieren müssten, und andererseits keine individuellen wirtschaftlichen Sorgen, die ihnen die Unterordnung unter solche Übervater-Obersöhne als plausible Karriereoption erscheinen lassen würden. Sie haben schlicht Besseres zu tun, als sich in jenen permanenten Ausnahmezustand einzuklinken, der für die Räuberbande, welche Kurz in die Regierung geholt hat, den einzigen Modus von Politik darstellt.

Es gibt von Theodor “Rückbezügliches Fürwort” Adorno in seinem Vortrag von 1967 …

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Mohn und Stroboskop

durch hohes gras, neben der spur, wo die kelchblätter des mohns schon am verblassen, kaum daß sie sich aufgefaltet, indes das licht ohne gnade hinfälliges richtet …

Solche Zeilen finden wir, unter der Überschrift „Neben der Spur“, im ersten der sieben Abschnitte dieses Gedichtbandes, und sie sind instruktiv: Prosagedichtform; eine Auftaktkette ohne Hauptsatz (dh: etwas verschwindet in einem Nichts); Naturmetaphern, und zwar so richtig fest konnotierte (dh: es gibt gleichwohl Kontinuitäten), deren genaue Darreichung zu kontemplieren wir eingeladen sind – was bei „Mohn“ und „Licht“ so aussieht: wenn die Blätter des Mohns „verblassen“, heißt das, die von ihnen signalisierte gnadenreiche Vergessenheit (wovon?) schwindet, und wir erinnern uns wieder (woran?), bei Tageslicht sozusagen, oder heißt das, irgendwas ist völlig gegessen und fertigverdaut von der Welt? Ersteres, dürfen wir vermuten. „I can’t forget, but I don’t remember what„, sang Leonard Cohen, und wir, zusammen mit Jayne-Ann Igels Textsubjekt in ihrem Band „die stadt hielt ihre flüsse im verborgenen“, wir erinnern uns also unserer Vergänglichkeit.

Die drei erwähnten Elemente – Prosagedichtform, traditionalistische Metaphernreservoirs, das Thema der Sterblichkeit – schrecken (mich) in dieser Kombination zunächst ab, gerade auch, da es sich um sehr konkrete Sterblichkeit handelt, von der (mir) nicht klar ist, warum sie uns Leser etwas angehen soll (und das ist dann der Nachteil einer solchen Schreibweise, die sich gegenüber ihrem Thema skrupulös zurücknimmt, nichtwahr? Wenn den Leser das Thema nicht zufällig von Anfang an interessiert, dann findet er zumindest auf der sprachlichen Ebene keine unmittelbaren Zusatz-Anreize, und zwar gerade, wo die Form gelungen und gut durchdacht ist). Igels Textsubjekt, darum geht es im Wesentlichen, erinnert sich des toten Vaters und besonders seines Sterbens, erinnert sich des eigenen Einst-und-Jetzt, da es (da sie) durchs Ostdeutsche reist, zur Mutter, die

nur noch über ein zimmer im heim verfügt, mit ein paar eigenen möbeln und dingen,

(wie das in dem Gedicht „Ohne geltung“ formuliert ist, in dem es um das wiederholte Aussortieren von Erinnerungsstücken, Hausrat, Büchern geht).

Wie gesagt: Geschmacksfrage, ob uns die individuelle Würde des individuell verstrickten Verlöschens dieser bestimmten Person/en so weit interessiert, dass wir uns auf einen ganzen Gedichtband einlassen, der sie, mit wie großer Genauigkeit, Einfühlsamkeit, Mittelbeherrschung immer, umkreist.

Ganz ohne Rückgriff auf zufällig-individuellen Geschmack können wir dagegen die Beobachtung machen, dass es Igel gelingt, …

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„Impeach Lyrik now!“

Kurzfassung: Es handelt sich um lustige Landschaftsgedichte, sehr sehr punk, sehr sehr meta, manche bestehend „bloß“ aus gedruckten Buchstaben, manche aus collagierten Schnipseln (der Klappentext dazu: „(…) z. B. zufällige Vorkommnisse von Distichen innerhalb der letzten Ausgabe der Financial Times Deutschland (…)“), manche aus Lego-, Barbie-, Playmobil-Figuren, angeordnet und abfotografiert im Grünen. Der Band bietet gebildeten Humor bzw. Gebildeten-Humor, ohne aber bildungsbesoffen zu sein, d.h.: Was daran lustig ist, das erschließt sich uns auch, wenn wir nicht jeden, oder auch nur jeden zweiten, LitWiss-Fachschaftswitz als solchen erkennen, und der Bonus-Track bleibt also erfreulicherweise ein solcher. Das Zitat1 auf dem Backcover verheißt:

„Es ist ein großer Abgesang auf das schöne Buch alten Zuschnitts, kein Gedichtband, sondern eher ein Gedankenbuch, harte Rhapsodie.“

Konstantin Ames scheint jedenfalls getreu der Maxime zu handeln, jede Permutation seines Materials durchzuführen, die sich „im Vorbeigehen“ noch mitnehmen lässt – Servierbeispiel:

Man fängt so  an/ders.

–  ohne dabei übertriebene Rücksicht auf konzentrierte Materialorganisation o.ä. zu nehmen. Das ist auch gut so, denn der „ernste Kern“ des Buchs – die faktische Kleinheit, Lächerlichkeit, Partikularität der europäischen (Stadt-) Landschaften angesichts jener „großen Ideengebäude“, mit denen sie von allerhand Ideolog(i)en in Eins gesetzt und zu Erinnerungslandschaften ausstaffiert werden (sollen) – wäre lyrisch wie humoristisch eher unergiebig. Das Spielerische erweist sich dagegen als die wahre Ideologiekritik – und ist von Ames durchaus absichtlich in diese Funktion gesetzt, wie an mehreren Stellen ausgestellt wird. Das geht von

Jedem Direktor sein eigenes
Gleiwitz. RTEs Gleiwitz
heißt Rotterdam. RTE ist
natürlich keine Abkürzung für
Ratte und reimt sich so ziemlich
auf RT, es fehlt nicht mehr viel.

            (Gefahr eines Augenreims<< 13.03.2017)

bis zu jener Assemblage, wo das Foto mit mit den Ortsschildern „Repente“ und „Heimland“ so überschreiben ist –

Factus est es gibt kein Bild dazu, doch Freundlichkeit,
Lump.

und folgendermaßen unterschrieben:

Klumpenweise. Blond ist die Schneise
            deiner braunen Freundin Lyrik.

… Das Ganze gipfelt schließlich in der der sechs Seiten langen (na sagen wir dazu:) Ballade „Man wird nur Ärger kriegen oder zu nah am Feld des Schweigens ernten“, die den Besuch …

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vademekum zu apesh*t

Das Hiphop-Gesamtkunstwerk, als welches wir die öffentlich ausgetragene Beziehungs- und Identitätskrise der Eheleute Carter bestaunen dürfen, hat nach Beyoncés “Lemonade” und Jay-Zs “4:44” ein drittes Kapitel: “Everything is Love“. Liegt eine damit abgeschlossene Trilogie vor? … Auf sehr altdeutsche Weise scheint sogar der Hegel’sche Dreischritt draufzupassen – von den “privaten” Emotionen der Alten (These) über die öffentliche Existenz ihres Hawis (Antithese) zur äh öffentlichen Zweisamkeit (Synthese).

Bereits für die beiden Soloalben galt, dass das Aushandeln privater-körperlicher-emotionaler Sachverhalte über die Bande von Einträgen in den Diskurs afroamerikanischer Identitätspolitik/en gespielt wurde – oder man liest’s umgekehrt, und das körperliche/emotionale Zeug ist nur als Begründungszusammenhang für pop-politisch/diskursiv intendierte Hervorbringungen da … Jedenfalls ist, was wir da haben, IdPol.

Jetzt kann man ja die konsequente IdPol-Haltung, wie sie vor allem in 4:44, und da wiederum vor allem in der Story of O. J. zu Tage tritt, fehlgeleitet finden: insofern sie sich zusammenfassen lässt als die Hoffnung, es ließe sich der blanke Kapitalismus gegen den gesellschaftlich verankerten Rassismus ausspielen; es könnte “Erfolg” zuerst individuell errungen und erst dann per auch ethnisch vermittelter Solidarität weitergegeben werden; es wäre, in letzter Konsequenz, an der real-oarschigen Klassenherrschaft hauptsächlich zu kritisieren, dass in den Aufsichtsräten und schicken Speckgürtelsiedlungen nicht eine genau paritätisch aufzuschlüsselnde Anzahl von Vertretern der verschiedenen ethnischen und religiösen Herkünfte bzw. der diversen Gender-Identities sitzen; als würden solche Ansätze nicht alles das, was sie loszuwerden antreten, erst recht zementieren, und zugleich noch die wahre Ungleichheit, den wahren Missbrauch im Kapitalismus als Naturgesetz verewigen …

Das kann man wie gesagt so sehen und auf Jay-Zs oben verlinkten, hervorragenden Track über O. J. einwenden. Man kann’s sogar noch viel weiter auseinanderklamüsern. Aber so hinterfragbar jede Theorie ist, so unhintergehbar als ästhetisches Dings eigenen Rechts zu behandeln ist die je ihr zugehörige Kunst. Die Katholiken beispielsweise können mit Fug und Recht sagen: “Wir haben keine Argumente mehr, aber kuckt mal: die Sixtinische Kapelle!” Ganz ähnlich verhält es sich nun mit der beschriebenen schwarzen/u.s.-liberalen/kapitalistischen IdPol einerseits und andererseits diesem Video, das als erster Auszug von “Everything is Love” auf Youtube erschienen ist – “APES**T“. Mit ihm ist nicht zu argumentieren. Es ist in seiner Spannweite, seiner Klugheit und seiner Wucht bloß pflichtschuldigst zur Kenntnis zu nehmen. Und das bedeutet auch: es sind die gezielt gesetzten kunsthistorischen Verweise des Videos mitzudenken.

(Ich warte hier, bis Sie, geneigteR LeserIn, das Video auch tatsächlich gesehen haben … fertig? – Gut:)

Wo sind wir? – (Zwischendrin …

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das gleichnis mit dem holzscheit. teil 2

was bisher geschah: in einem white cube mit „einer vielzahl österreichischer intellektueller“ darin erscheint als mene tekel, flammenschrift, ein textauszug aus dem neuen album des schlagersängers a. gabalier, in dem dieser die freuden der heimatlichkeit auf das denkbar stumpfsinnigste besingt, und zwar so, dass es von „ideologiekritischer“ parodie nicht mehr unterscheidbar ist. wir malen uns aus, wie die versammelten homini litterae reagieren – verfallen sie in panik und prügeln sich? kooperieren sie? vor allem aber: was ist das für ein erbärmlicher schaas, den sie da lesen müssen, wo kommt er her und was sagt er ihnen?

bevor die meisten österreichischen intellektuellen in jenem weißen weiten raume noch wirklich reagieren können auf die geisterhafte schrift vor ihnen an der wand – ja bevor sie’s fertiggelesen haben, das gedicht, das ihnen mit dem schlag der kuckucksuhr erschienen – passiert, mit den worten von wolf haas (ebenfalls im raume anwesend), schon wieder was:

irgendwo dröhnen motoren, nichtwahr, und ein jeder (…)

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das gleichnis mit dem holzscheit. teil 1

es hängt eine vielzahl österreichischer intellektueller in einem leeren weissen raum herum. man nimmt abwechselnd die rodin’sche denkerpose am jeweiligen kaffeetischchen oder den klassischen kontrapost ein; zweiterer bringt mit sich, dass die kolleg*innen mit ausdrucksvollen augen in eine ferne schauen, die sie wohl hinter (oder schlimmstenfalls in) jener weißen wand vermuten.

aus einem nebenraum ist leise, aber mit bestimmtheit eine kuckucksuhr zu hören. sie schlägt uns die stunde.

robert menasse runzelt die stirn. stefanie sargnagel hat vom herumsitzen einen krampf und schüttelt ihren linken unterschenkel aus. hans rauschers blick bringt zum ausdruck, dass er nicht weiß, wie er hier herein geraten ist. er hört auf, zu posieren, und macht sich auf die suche nach dem ausgang. zu diesem behuf quatscht einige kolleg*innen an, aber sie ignorieren ihn. jemand lässt, ganz anderswo im raum, einen hohen, langgezogenen pfurz. niemand in jener ecke bewegt sich auch nur einen millimeter. ronald pohl und michael scharang beäugen sich mißtrauisch.

hans rauscher hastet nun immer schneller hin und her. dabei stößt er in seiner hektik petra ganglbauer um, die auch bloß leise flucht. es scheint keinen ausgang zu geben. die wände sind glatt und weiß. die bodenkante entlang ziehen sich gute dichtungen. hahi haha.

hans rauscher sieht die vergeblichkeit seines treibens ein und belästigt niemanden mehr.

die meisten österreichischen intellektuellen verhalten sich still. was sollen sie auch tun. schön schaun sie aus. melodisch wabert, wie das meer, ihr atem.

mit dem letzten schlag der kuckucksuhr erscheint nun an der weißen wand eine flammenschrift:

groß ist nun das heulen und zähnefletschen. was wird weiter geschehen?

wird man (…)

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Bild: Facebook-Screenshot nach einem Artikel in der Printausgabe des Standard, hier -> auf derstandard.at nachzulesen, Text: Andreas Gabalier.

zu monika rinck, kritik der motorkraft

Ein Wort zur Aufmachung: Die (bisschen mehr als) achtzig Seiten dieses Buchs sehen ja, wie von Brueterich-Buechern auch sonst gewohnt, einnehmend gut aus. Aber sie sind leider wirklich gerade ein bisschen gar zu eng mit Blocksatzprosa bedruckt, um noch ohne Abstriche konsumierbar zu sein – Brueterich ist nicht Reclam, Zeilenabstände haben nichts an sich Verwerfliches, und der Mehraufwand an Papier, der mit ihnen einherginge, wird sicher nicht soo ins Gewicht fallen …

Nicht weniger dicht (aber in diesem anderen Zusammenhang erfreulich) ist der Inhalt dieser „Auto-Moto-Fiction in 13 Episoden“. Monika Rinck bürdet dem Fluss ihrer Prosa viel auf, sehr viel. Auch wenn es genug eindeutige Marker dafür gibt, dass wir es nicht mit einem planvoll sinnentleerten Rohrschachtest für die bereitwilligst interpretierenden unter den Lesern zu tun haben – Mitarbeit fordert uns das Ganze trotzdem ab. Es gibt …

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zu hendrik jackson, „panikraum“

Dieser Gedichtband umfasst, nebst „Interludien“, drei lange Arbeiten, bei denen man nicht recht weiß, ob man von „Langgedichten“ sprechen soll, von „Kapiteln“ oder „Gesängen“ … Gemeinsam ist ihnen jedenfalls, dass sie die Diskurs- und Realgeschichte(n) ihrer Gegenstände übereinanderlegen, also: auch außersprachliche Gegenstände haben.

„Russland-Transit“, der erste dieser Abschnitte, umfasst Reisegedichte aus russischen Städten; einige mit Anmerkungen, die das Zustandekommen der verarbeiteten Privatdiskurse zum Gegenstand haben; und irgendwoher anders, wer weiß woher, kenne ich zumindest dieses eine Tagebau-Gedicht noch, „Tscheljabinsk“, samt seinem bei Ernst Jünger (!) entlehnten Motto –

Das nächste Jahrhundert gehört den Titanen; die Götter verlieren weiter an Ansehen. (…)

– und erinnere mich noch gut an meine Überraschung beim …

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zu elke heinemann, „fehlversuche“

Im nun rasch anschwellenden Erzählfluss hat das Kind bereits sechs Jahre seines Lebens überlebt.

Dürfen wir uns, wenn wir solche Sätze lesen, schon an die österreichischen Siebziger Jahre erinnert fühlen? Also: Insofern wir es hier mit Sprache zu tun haben, deren stil- und strukturbildendes Lieblingsprinzip der Kippeffekt zwischen Inhalt und Selbstbezug ist, z. B. zur Vermittlung zwischen einer Innen- und einer Außenwahrnehmung? Das heißt: mit Sprache, der unter der Hand dasjenige, was in einem ersten Satz als poietisches-metaphorisches Annähern durchgeht, zum trocken beschreibbaren Gehalt im Folgesatz gerät … Texte mit solchen Verfahrensweisen umfassen dann naturgemäß einerseits jemandes Alltagsrede, andererseits die (Zweck-)Entfremdung derselben. Das vermutete man, siehe oben, in den Siebzigern, mal als das spezifisch Österreichische in der damaligen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. In jenem Kontext verdankte sich diese Art der Sprachreflexivität eher einer Nähe von Literatur und, sagen wir, Kabarett (dh: Unterhaltungsbühne), aber: …

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die dritte halluzination / zur lage der nation: gartengnome, powerpoint und facebook

Zwei sorgfältig animierte Gartengnome mit detailgetreu im sanften Wind wippenden Wichtelmützen betreten den Parkplatz vor dem Vorgarten vor dem Mehrparteienhaus. Aus den zahlreichen Rosen- und Hortensienbüschen am Zaun dringt vielstimmig, gerendert als ein Summen von Insekten und ein Tirilieren von Vögelchen zugleich, das Eurovisions-Thema (“Dà-dáaa dáda dáaa-dàaa dáaa-dàaa / dáaa dádà dàdádá dàdàdádádà …”) und verstummt erst, da die beiden Gnome das Setup ihrer nun anstehenden Powerpoint[TM]-Präsentation abgeschlossen haben.

Es haben sich etliche größere Käferchen versammelt, um sich den Vortrag anzusehen, außerdem ein paar leicht zernepften Elfchen aus dem nahen Wäldchen, weiters zwei von den Kinderchen da aus dem Hause nebst Schoßhündchen, Kätzchen, Püppchen (das letztere in einem Leiterwägelchen, welches die Kinder nur mitgebracht haben, damit es die älteren Leser*innen umso unwiderstehlicher an ihre alten Kinderbilderbüchlein erinnere).

Effekthaschend schnepft einer der beiden Gnome mit einem Zeigestab auf die Leinwand, als dort die erste Powerpoint[TM]-Slide erscheint. Mit jeder neuen Slide klescht der Zeigestab des Gnoms erneut auf die Leinwand, sein Mützchen wippt dazu, und die Vögelchen in den Hortensienbüschen machen Soundeffekte. Ansonsten herrscht Stille überm Parkplatz. Angestrengtes Mitlesen setzt ein:

Überschrift: Warum Facebook oarsch für das gedeihliche Zusammenleben ist. Ein Beispiel.

Wir sehen einen Facebook-Thread, der mit dem Screenshot aus einer anderweitigen Unterhaltung beginnt, genauer: mit einem Zitat der Geschäftsführerin einer Bezirksorganisation der Jungen Volkspartei. Dieses Zitat (…)

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sexy containerschiffe

Der Verfasser dieses Gedichtbands, Sjón, ist mit Romanen und Gedichten in ungefähr eh alle Sprachen übersetzt, ist isländischer PEN-Präsident und war  Oscar(!) nominiert als Liedtexter für Björk. Ihre Sorgfalt im Umgang mit seiner poetischen Sprache bezeugen die beiden Übersetzerinnen Tina Flecken & Betty Wahl, indem sie ihre beiden abweichenden Übersetzungen eines überschaubaren poetologischen Dreizeilers nebeneinander stellen und uns so ihre unterschiedlichen „Ohren“ oder „Zungenschläge“ unaufdringlich zur Kenntnis bringen. Trotzdem liegt zwischen uns und Sjóns „bewegliche berge“ ein Hindernis:

Es ist nämlich – zunächst mal unabhängig davon, was sich im Fortgang der abgedruckten Texte  daraus entwickelt – nicht von der Hand zu weisen, dass viele Texte des Bandes mit der absichtsvollen Setzung eines ungebrochen „naiven“, oder sagen wir eines als „organisch“ gedachten Verhältnisses …

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zu: tau #1

Erstmal: Offenlegen, dass Fixpoetry zu dieser neuen Literaturzeitschrift, tau, deren erste Nummer eben erschien ist, ein doppeltes Naheverhältnis hat, nämlich zum einen  über die Person Jonis Hartmann, und zum anderen über die Verortung in Hamburg (wobei: eher unwahrscheinlich, ob letzteres mehr als ein bloß atmosphärisches Phänomen ist).

Dann: Fragen, was für Signale bzw. Impulse die Herausgeber*innen (laut Impressum verfasst als GbR) mit „tau“ setzen wollen. Es gibt „Tau von etwas haben“, und es gibt Tau als das morgendliche Kondensat auf Wiesen, das ohne Regen (dh. sichtbares Ereignis) den Wasserkreislauf aufrecht hält. Zögen wir das zusammen, hätten wir ca. „von selbst wirksame Ahnung“, oder „unscheinbare, aber wirkmächtige Kompetenz“. Das wird’s sein. Die 184 vortrefflich designeten Seiten (ermunternd leuchten die Zwischentitel!) versammeln hauptsächlich Autoren der nichtmehrganz-aberschonnocheher-jungen Generation, sagen wir mitte-ende Achtziger geboren, wobei: Es handelt sich eher um ein zufällig wirksames Netzwerk als um eine vorsätzliche Spielvorgabe, denn nicht nur gibt es Ausnahmen, die nicht weiter als solche auffallen, sondern gerade einer dieser Ausnahmen ist es, der wir eine etwas explizitere programmatische Ansage entnehmen. Denn zum Abschluss finden wir einen Text von Franz Jung (1888-1963) abgedruckt, der sowohl in der Art seiner Welthaltigkeit als auch in seiner Formbetontheit bruchlos ins Jahr 2018 passt, soweit das in „tau“ zu überblicken ist. „Nichts Neues unter der Sonne“ also, tau? Ist das so gemeint? Was wir nicht finden, ist …

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zu: eribon, gesellschaft als urteil

Zuerst erscheint uns, wir hätten es mit einer losen Sammlung an anekdotischen Fußnoten und Nachträgen zu Entstehung und Edition des soziologischen Bestsellers „Rückkehr nach Reims“ zu tun, der (zumindest im deutschen Sprachraum) Didier Eribons Ruf bei einem breiteren Publikum begründet hat. Nicht abwegig erscheint es, bei der Lektüre des ersten der drei Abschnitte in dem Vorliegenden die präliminarische Materialiensammlung zu einer Selbstbefragung zu sehen, betreffend die Bedingungen jener anderen, vorhergegangenen Selbstbefragung. Aber – wir sind auf dem Planeten französischer Theorieschreibe – an den Details der einzelnen Formulierungen der Selbstbefragung, und am anekdotisch „Dahinerzählten“ hängt voranschreitende Theorie, wie andersherum an der Theorie klarer erkennbar als im z.B. deutschsprachig üblichen akademischen Schreiben gesellschaftliche Parteinahme hängt. (Das hat dann mit dem Band selbst wenig zu tun, aber: Registrieren wir da so etwas wie die Effekte eines verhältnismäßig klaren, eines unproblematischen Begriffs vom gesellschaftlichen Ort der Diskurssphäre, davon, was vom Intellektuellen als Typus zu erwarten wäre und wie, im weitesten Sinne, Sprache und soziale Wirklichkeit aufeinander bezogen sein können?)

Nun gibt es von ausgerechnet literaturkritischer Seite in doppelter Hinsicht wenig zu „Gesellschaft als Urteil“ zu sagen: …

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hausacher stadtschreiber-tagebuch (9) – re: kein schwarzwaldgedicht

Ach du zauberische Starkstrominfrastruktur, unter den Frühlingswiesen trafowärts surrend, und ach du sehr geehrte gute Blumenduftluft! Es sagt zu mir die Nachbarin von gegenüber meiner Hausacher Gastwohnung, ich soll mich melden, wenn ich mal ein Schwarzwaldgedicht fertig habe. Ich aber habe so etwas nicht wie ein Schwarzwaldgedicht. Oder, mit den Worten des (auch) Portraitmalers Otto Dix, »schön werden’s bei mir nicht«, und deshalb lass ich’s dann meistens lieber bleiben, Landschaften-als-solche und die Leute in den solchen Landschaften zu besingen. Was können, beste Kabel, die schon dafür?

Sagen wir (summsummsumm) es kommen als Schwarzwald-Besingsang-Thema die Greifvögel in Frage …

zu: niederberger, „misteln“

Zunächst ein Wort zum Format: Das kleinformatige Büchlein hat ein sinnvoll austariertes Layout – drei Erzählungen finden auf minimalem Volumen Platz, ohne dass wir das Gefühl haben, ein kleinklein bedrucktes, leicht zerstörbares Reclamheft in der Hand zu halten. Man merkt den verlegerisch-designorientierten Ehrgeiz, sieht auf der Verlagshomepage nach und darf berichten, dass die edition mosaik zumindest zu beabsichtigen scheint, bei dieser Aufmachung zu bleiben (will sagen: es ist 2018 neben dem vorliegenden Band von Niederberger noch ein zweiter, von Franziska Füchsl, erschienen).

Zum Buch selbst: Es umfasst drei Erzählungen, von denen die erste mit zwei Dritteln des Umfang die mit Abstand längste ist. Der Titel, „Misteln“, verweist uns sogleich ins Reich der Pflanzenmetaphern, Abteilung Ethnopharmakologie – Gift und Medizin / germanischer Weltenbrand und Coca-Cola-Weihnachtsküsse / das Parasitäre und der Zier-Zuchterfolg / … – uns werden also Stories …

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gesprächsverlauf, betreffend 1 dissens, betreffend 1 weiße fahne

erstens: frage: worum geht es? antwort: um das da auf dem bild:

zweitens: 20. 04., stefan schmitzer: weiße fahne, schwarzes herz, zensur

drittens: 23. 04., barbara steiner: Diskurs? Diskurs! Zur„Weißen Fahne“ von TEER

viertens: hier/jetzt:

Sehr geehrte Barbara Steiner!

Vorweg: Danke für Ihre Antwort auf die von mir vorgebrachte Kritik; es macht einen großen Unterschied, ob ich in den zufälligen Hallraum einer abstrakten Leser*innenschaft hinein über eine Arbeit spreche, oder ob es sich um ein Gespräch mit einer konkreten anderen Person handelt.

Dann: Bevor es hier um die „Weißen Fahne“ selber gehen kann, komme ich nicht umhin, über das Reden über das Reden zu reden1, dh. auf die Postskripten Ihrer Antwort mich einzugen. In Postskriptum 2 schreiben Sie zum Einen:

Warum nimmt der Autor vorauseilend an, dass wir als Kunsthaus an „ernstlichen Gesprächen“ nicht interessiert seien? Das Gegenteil ist der Fall.

Nun nimmt der Autor das nicht an und schreibt das auch nirgends. Worauf jene Textstelle sich – wie ich gehofft hatte, deutlich und ausschließlich genug – bezieht, ist der bekannte Typus von Gesprächsverläufen auf z. B. Facebook, der sich oft genug entfaltet: Jemand erfrecht sich, die Richtigkeit oder Angebrachtheit irgendeiner Äußerung in Frage zu stellen, und die Antwort ist eine Abdichtung jener Äußerung gegen die Kritik, indem diese Kritik als „Intoleranz“ bzw. „Zensur“ identifiziert wird. Es finden sich mehrere gute Beispiele dafür auch unter dem Link zur „Weißen Fahne“ auf der Facebookseite des Kunsthauses (was freilich nicht den Kurator*innen anzulasten ist; sagt auch niemand).

Im Postskriptum 1 hinwiederum fragen Sie, ob es nicht

ziemlich diskreditierend [sei] Künstlern (TEER), die sich engagiert und auch kritisch mit gesellschaftlichen Fragen (ob Teilhabe von Menschen mit Einschränkungen am öffentlichen und kulturellem Leben oder das Erbe des Nationalsozialismus) befasst haben und befassen (wie Wolfgang Temmel) so salopp, quasi im Darüber huschen, „Trickreichtum“ zu unterstellen?

… und das, ‚tschulligen, geht davon aus, es wäre „Trickreichtum“ schlecht und nicht gut, das Wort selbst sei schon Polemik, und – was mir am Wenigsten einleuchtet – es gäbe einen Gegensatz zwischen gesellschaftlichem Engagement und der „trickreichen“ Beherrschung künstlerischer Stilmittel. Wenn die Rezension über einen meiner eigenen Gedichtbände so beginnen würde wie mein Text über die „Weiße Fahne“ –

Trickreich trickreich, bzw. “g’lernt is’ g’lernt”, wie durch so einfache Mittel […] dieses Überangebot an Interpretationsoptionen (…)

– dann wüsste ich zwar, gleich kommt das „aaaber“ des Kritikers, doch immerhin seinen ersten Satz kann ich auf der Habenseite verbuchen … Nicht nur habe ich nichts gegen Wolfgang Temmel oder TEER – wie käme ich auch dazu? – ich maße mich auch nicht an, ernstlich etwas über die ursprüngliche Arbeit von 1987 zu schreiben.

Da alles dieses abgehakt ist – zur Sache selbst: Weiße Fahne 2018.

Ich schrieb, ich fände ein Hakenkreuz im öffentlichen Raum, kontextunabhängig, auch als Swastika gedreht, unerträglich; und wies darauf hin, dass das Spiel mit Ambivalenzen und unscharfen Bedeutungen 2018 – anders als 1987 – nicht mehr bloß eine legitime ästhetische Strategie ist, sondern auch als ein Machtmittel von ungeniert öffentlich präsenten Rechtsradikalen funktioniert; ich biete als ein Beispiel dieser Ambivalenzen das Wort „Ethnopluralismus“ aus dem Vokabular der Identitären an, aber es gäbe da noch so viel mehr. Sie antworten u.a.:

Die von TEER verwendeten Symbole (Kreuz, Pentagramm, Hexagramm, Hammer und Sichel, Swastika) sind nicht austauschbar, und schon gar nicht unschuldig, dazu haben sich bestimmte Bedeutungen viel zu sehr ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Jedes Symbol ist auf seine Weise kontaminiert, bei jedem haben sich im Laufe der Zeit bestimmte Bedeutungen (Hakenkreuz überlagert Swastika) in den Vordergrund geschoben und andere überschrieben. Dies hängt aber wesentlich davon ab wer mit welchem persönlichen und kollektiven Hintergrund wie darauf schaut.

Ich stimme Ihnen vorsichtig zu, gebe aber zu bedenken, dass in jenen letzten zwei Sätzen ein ganzer Berg an geschichtsphilosophischen Unwägbarkeiten eingefaltet ist; unter ihnen besonders wichtig die Frage, ob manche dieser Bedeutungen und persönlichen Hintergründe objektiv besser als andere dazu geeignet wären, gesellschaftliche Desiderata zu formulieren – oder ob das eben nicht so ist.

Klarer wird der Unterschied in unseren Auffassungen von Kunst in der Welt bzw. Welt in der Kunst, und damit auch von den je anzuwendenden Maßstäben, an anderer Stelle:

Den Vorwurf wir möchten den „Schrecken ‚fester Standpunkte und Ideologien’ hinter uns lassen, kann ich nicht entkräften. Natürlich kann ich jetzt nur für mich sprechen. Feste Standpunkte und Ideologien haben genau zu jenen Desastern geführt, die mit den hier gezeigten Symbolen verbunden sind: zu Kreuzzügen, Arbeits- und Vernichtungslagern, kriegerischen Konflikten, Menschenverachtung, Zerstörung und Tod. Eine ethische Haltung haben, sich verantwortungsvoll gegenüber Mitmenschen zu verhalten, sich sozial engagieren, ja unbedingt, aber wenn fester Standpunkt bedeutet buchstäblich unbeweglich zu werden, Annahmen über andere zu treffen, sich diesen „anderen“ nicht aussetzen zu wollen, Behauptungen in die Welt zu posaunen, Wertschätzung und Höflichkeit vermissen lassen – dann nein. Das erzeugt Verhärtungen und Frontbildungen, und das erscheint mir keine gesellschaftliche Perspektive zu sein.

Mir scheint, wir fürchten beide ein derzeit akut drohendes Abbrechen der Gespräche – den Niedergang der öffentlichen Sphäre. Ihnen, wenn ich richtig lese, erscheint dabei die Gefahr der unvermittelten Konfrontation bedrohlicher; mir dagegen die Gefahr, dass reale, materielle Frontbildungen sich verschlimmern, wenn sie unerkannt-unausgesprochen-unaussprechlich bleiben.

Und auf der Grundlage dieser Standortbestimmungen (oder halt anderer Standortbestimmungen, falls meine falsch sind) ließe sich dann im Einzelnen über die künstlerisch-ästhetische Dimension der „Weißen Fahne“ und ihre politischen Implikationen reden – also: Reden, nicht schreiben – und unser Dissens da sich immer genauer beschreiben. Bis er ggf. produktiv wird, der Dissens.


1 Ist das schon ein Sachzwang unserer Internet-Textkultur, deren Goldgrund unter den Diskursen vielleicht nicht den wichtigsten Unterschied zum ’87er-Kontext um TEERS „Weißen Fahne“ darstellt, aber doch mindestens einen deutlich sichtbaren? – dass jeder Text immer gleich mehrererlei Sets Metadata mitliefert, als sei er ein MP3-Track; und man diese besser gleich absortiert, bevor es mit ihnen verwirrend wird …

zu: horen #269, „die entführung aus dem serail“

Methodisch breitet das Vorwort des Mitherausgebers Bogdan-Alexandru Stănescu aus, was die zweihundertneunundsechzigste Ausgabe der horen leisten will. Was wir bekommen, soll ein Überblick über neueste rumänische Erzählprosa sein, und zwar genauer: Über solche rumänische Erzählprosa, die aus dem Kraftfeld der seit 2004 stil- bzw. zumindest identitätsstiftenden Edition „Ego. Proza“ stammt, und damit jedenfalls aus den beiden distinkten Netzwerke zeitgenössischer rumänischer Literatur (eins verortet in der Stadt Jassy, das andere an der Uni Bukarest); nur vollständige Erzählungen, keine Auszüge aus Romanen; weiters

auf Ersuchen der deutschen Verleger [vor allem] (…) Geschichten, (…) die ein nach Möglichkeit realistisches Bild der gegenwärtigen rumänischen Gesellschaft zeichnen, die seit drei Jahrzehnten in ständiger und stetig bestürzender Umwälzung begriffen ist.

Nun wäre über die Sinnhaftigkeit und über die Implikationen dieses Ersuchens gesondert zu diskutieren. Erstens: Sind Textbeiträge in Literaturzeitschriften der beste Platz, außerliterarische Wirklichkeiten bekannt zu machen? Zweitens: Ist der Entsprechung manifester Erzählinhalte mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu trauen? Und drittens: …

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weiße fahne, schwarzes herz, „zensur“

Diese Installation der “Weißen Fahne” von Wolgang Temmel und Fredo Ertl vor dem Kunsthaus … Trickreich trickreich, bzw. “g’lernt is’ g’lernt”, wie durch so einfache Mittel – vermittels einer weißen Fahne, eines (vermutlich) Videobeamers und fünfer einfacher Symbole – dieses Überangebot an Interpretationsoptionen vor und neben das Kunsthaus platziert wird …

Nämlich erstens: Eine weiße Fahne, für sich genommen also ein noch unbearbeitetes Stück Stoff, das tausende Möglichkeiten bietet, aber im kulturell lesbaren Kontext selbst bereits Symbol, nämlich Symbol der Kapitulation (ohoho) vor was auch immer …

Zweitens: Die Symbole, Pentagramm – Halbmond – Davidsstern – Swastika – Hammerundsichel – Kreuz, wie sie, laut dem Erläuterungstext auf der Kunsthaus-Homepage, “Macht” repräsentieren; und ach sieh mal, wenn wir sie auf die Fahne projezieren, dh. in gerade diesen vorgegebenen Kontext setzen, erscheinen sie plötzlich austauschbar, und Macht-selbst, Formgebung-selbst, Grenzziehung-selbst ist, was (einen unschuldig-amorphen Urzustand be-) siegt …

Dann drittens: Dass das, was von der gegenständlichen Fahne tatsächlich unschuldig-weiß bleibt, grade die Form der Machtsymbole ist, und das Drumherum dagegen sich verdunkelt, sich also auch noch die ambivalente Leseoption auftut, es wäre in Wahrheit die jeweilige Machtvariante, Machtausübungsvariante, indentifizierte Gruppe, die kapituliert … Es kapitulierten mithin alle, alle Menschen, weil “wir alle” als Machtsymbolbesitzer irgendeiner Art uns sehen, irgendwelchen Gruppen angehörten usw. …

Viertens hinwiederum: Dass dieser ganze bis hierher geschilderte Interpretationssalat eine historische Dimension hat; dass die Arbeit 1973 schon einmal, und in ein ganz anderes Graz gestellt worden war damals. Wir fragen uns dementsprechend, ob uns die Kurator*innen des Kunsthauses damit wohl sagen wollen, es sei diese ganze triumphale “Weiße Fahne” der Unbestimmtheit und Ideologieskepsis inzwischen – 2018 – wiederum als historische zu einem Machtsymbol auf dem amorphen Untergrund des Stadtraums-im-Wandel geworden … Bzw. es habe irgendeine andere Sorte Sieg/Niederlage/Formbestimmung stattgefunden an der Ecke, wo wir die Fahne stehen sehen … oder sind das schon Überreizungssymptome auf unseren Kunstschnöselgehirn-Temporallappen?

Wie gesagt: G’lernt is’ g’lernt. Die “weiße Fahne” ist als Kunstwerk und Gegenstand kuratorischen Zugriffs durchaus nicht uninteressant; erzielt viel Bedeutung mit wenig Aufwand. Gleichzeitig ist sie unerträglich, genauer: ist es unerträglich, wenn …

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hausacher stadtschreiber-tagebuch (7) – re: thomas bernhard

Das werden Sie nicht wissen, verehrter Eichenbaum ganz oben auf dem Burgberg (… der heißt doch Burgberg, oder; also: hinten rauf das Gipfelchen?); das wird auch Sie, oh Relieffigur auf jener alten Quelleneinfassung, wo ich mich jüngstens wiederfand, kaum interessieren, aber: stellen Sie sich einmal vor:

Es war einmal ein österreichischer Schriftsteller, der hieß Thomas Bernhard. Thomas Bernhard war zwar ungesund fasziniert von jenen Restchen adeliger Lebenskultur in Österreich, denen weder die erste Republik, noch die Hitlerei, noch auch das Habsburgergesetz der zweiten Republik den Garaus hatten machen können (Kurzfassung: »Auf dem Papier« gibt’s zwischen Neusiedler- und Bodensee keine Adeligen mehr.

Du kannst Dich »Graf« oder »Freifrau« oder so nennen ODER Du kannst Österreicher sein, nicht beides; aber nicht alle Schlösser und nicht alle angestammten »Verhältnisse« wurden restlos genug entsorgt; auch gibt es Kreise, die das Verbot schlicht ignorieren – das sind dann freilich anders Gestörte als Ihre-hier p. t. bundesdeutschen Blaublüter, aber von dieser Schrulle abgesehen war der Thomas Bernhard eine stabil erfreuliche Figur, verlässlich gegen das Schlechte und für das Gute (das heißt in Österreich: Eh gemütlich gegen alles).

Für zwei Eigenheiten waren seine Bücher besonders bekannt: Erstens die besonders langen, absichtlich komplizierten Sätze, und zweitens die besonders wiederholten, absichtlich abstrusen Übertreibungen. Seine Bücher waren meistens tendenziell lustig gemeint und wurden stets verlässlich als feierlich-dramatisch-ernsthaft missverstanden. (Auch, weil sein Sinn für Humor äh . . . wenig mehrheitsfähig war – und Bernhard hat’s den Leuten natürlich nicht ausgeredet, seine Bücher ernst zu finden . . . war ja sein Geld.)

Anyway. Es schrieb der Bernhard mehrere Theaterstücke. Eins davon hieß »Heldenplatz«. Darin ging es um alte und neue Nazis in Österreich; um die Begeisterung »der Leute« auf dem, wenig überraschend, Heldenplatz in Wien, anlässlich des Anschlusses ‹38; darum, wie der Unfug in Familienstrukturen fortlebt. Es wurde damals, bei der Uraufführung im Burgtheater, protestiert; gegen die »Nestbeschmutzung« durch die »Elitenkultur«, die Herablassung »der Intellektuellen«, die glaubten, sie seien was Besseres, und für die offenbar ein jeder Patriot ein Nazi sei.

Beispielsweise standen auf dem Balkon und in den Logen damals junge Menschen mit lustigen Fantasieuniformen, die das Stück aus den genannten Gründen ausbuhten (und immerhin: sie ließen sich’s den Preis je einer Eintrittskarte kosten). Einer dieser damals jungen Menschen ist lustigerweise der jetzige Vizekanzler der Republik Österreich – wie das Schicksal so spielt, nichtwahr, Schwarzwald-Wald? –, der auf anderen privaten Fotos aus jener Lebensphase zu sehen ist bei paramiltärischen Übungen, pardon, falsch, das heisst ja jetzt »beim Paintballspielen«.

Übrigens: Eine der bekannteren der besagten Übertreibungen von Thomas Bernhard, du lieber Eichenwald ob der Hausacher Burg, stammt nicht aus »Heldenplatz«, sondern aus dem Dramolett »Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen«. Sie ermöglicht dort, als eine besonders erkennbar übertriebene Übertreibung und obendrein besonders lustig verkürzte Verkürzung, dass sich der »Nestbeschmutzer« Bernhard über seine eigene Rolle im zeitgenössischen Österreich von 1986 lustig machen konnte. Wir lassen, 2018, die übertriebene Übertreibung mal so stehen, du liebes Blätterwerk im Frühlingslicht, und kontemplieren die Veränderlichkeit der Verhältnisse, ja?

PEYMANN (tritt mit mir in die Zauberflöte ein, und wir setzen uns, nachdem er die Speisekarte gelesen und sich etwas ausgesucht und sich in der Zauberflöte umgesehen hat): Wer ist denn das?
ICH: Der Vizekanzler / ein Nazi (…)
PEYMANN: Und die dort?
ICH: Das sind lauter Nazis.
PEYMANN: Und die andern?
ICH: Das sind lauter Dummköpfe und Nazis.
PEYMANN: Und die Kellnerin?
ICH: Die ist katholisch und kennt alle und weiß von nichts.
PEYMANN: Na dann bestellen wir doch einfach Rindsuppe […]

zu poetin nr. 24

Stets wieder erfreulich an der Hauszeitschrift des poetenladens, „poetin“, ist ja die berechenbare, gleichbleibende Gliederung in Geschichten – Lyrik – Gedichte und Kommentare – Gespräche. Sie ist so berechenbar wie der Umstand, dass gerade dieser Rezensent (=ich) mit grade dieser Art von Prosa, wie grade dieser erste Teil sie jedes Mal beinhaltet, wenig anfangen kann. Da braucht (=sollte) in jenem Zusammenhange gar kein Generationen- oder selbst Geschmacksdissens ausgerufen werden – da geht es um ein instinktives Misstrauen gegenüber dem allzu Greifbaren, allzu optimiert Allgemeinverständlichen, dem vorbegrifflich organisierten Stoff; um Mißtrauen gegenüber der Übernahme – als „Psychologisieren“ – von Selbstverständlichkeiten aus den besseren US-Fernsehserien in die Prosa, selbst und gerade, wo diese Prosa intelligent, gut gemacht, formal oder inhaltlich komplex ist … was hier natürlich durch die Bank zutrifft. (Würde man freilich gleich so naheliegend wie taxfrei was von „Durchprofessionalisierung“ und „Schreibinstituten“ schimpfen, wenn einen dieses Misstrauen übermannt, fände man sich, sehr zurecht, zu den unsystematisch schimpfenden Senior-Muppets auf die Galerie gesetzt.) (Meine subjektiven) Lichtblicke diesmal: Lea Sauer – thematisch laaangweilig, aber formal und storymäßig zwingend – und das Autor*innenteam Astrid Dehe/Peter Engstler, deren Prosa sich als einzige hier zumindest nicht komplett bruchlos zu identifikatorischem Lesen eignet.

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