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der schmitzer
stefan schmitzer
*'79 in graz, studium zwischen graz und wien, seit '06 mag.phil., '05-'09 literaturbeauftragter im forum stadtpark, seit '10 vorstandsmitglied der IG kultur steiermark
08.05.2012, 20:30, salon des amateurs, düsseldorf lesung aus “scheiss sozialer frieden” und unveröffentlichtem zeug, gemeinsam mit sophie reyer und tom schulz
26.04.2012, 20:00, minoriten, graz performance mit der musikerin susanna gartmayer im rahmen von hoergeREDE 2012; der selbe abend feat. auch markus köhle und fabian faltin.
25.04.2012, 18:00, alumni lounge im palais kottulinsky, graz lesung aus unveröffentlichtem zeug, gemeinsam mit valerie fritsch, reinhard kleindl und georg petz. geschlossene gesellschaft des alumni-verbands der karl-franzens-uni graz.
28.03.2012, 19:00, literaturhaus mattersburg lesung aus “gemacht | gedicht | gefunden” mit helwig brunner
20.03.2012, 20:00, ulnoe, krems lesung aus “scheiss sozialer frieden” im abendprogramm des EUROPÄISCHEN FRÜHLINGS (“LITERATUR IM BRENNPUNKT DER REVOLTE”)
11.03.2012, 10:00, minoriten, graz lesefest bei den minoriten, a.k.a. der jährliche almauftrieb der steirischen literatur – lesung aus “scheiss sozialer frieden” und “gemacht | gedicht | gefunden”
07.02.2012, 20:00, kulturhaus kresslesmühle, augsburg ABENTEURER MIT KÜHNEN WESEN I – Konzert und spoken word. Ein pop-poetischer Aufstand mit Frank Spilker und Stefan Schmitzer im Rahmen des Brecht-Festivals.
14.11.2011, 20:30, perspektive literatur berlin e.v. laden körtestrasse 19-21 lesung aus “gemacht | gedicht | gefunden” und unveröffentlichtem zeug.
12.11.2011, 15:00, BuchWien, literaturcafé präsentation von “scheiss sozialer frieden” mit überraschenderweise sich anschliessender diskussion über pier paolo pasolini – als nämlich der moderator in meinem redeschwall was gefunden hatte, womit er was anfangen konnte…
08.11.2011, 20:00, literaturhaus graz REIHE LYRIK IN DER LOUNGE: Helwig Brunner liest aus Vorläufige Tage. (Leykam 2011) Stefan Schmitzer liest aus scheiß sozialer frieden. (Droschl 2011) und beide gemeinsam präsentieren ihr Streitgespräch: gemacht/gedicht/gefunden. über lyrik streiten. (Droschl 2011)
25.10.2011, 22:30, elevate / forum stadtpark, graz FORUM STADTPARK FEAT ELEVATE ET AL. UND ETC. FEAT AIKO AIKO: MUSIC MEETS POLITICS MEETS LIETRATÜR : SALOON: die sog. partitur für den tripledecker/elevate-auftritt durch die sehr geehrten damen und herren, welche die alphabethischen namen fötschl, jäckl, höfler, schmitzer und schranz tragen und extrem sehr gut schreiben können und sich widerwillig den namen „die sehr guten textroller 2000“ geben lassen mussten. must haves: 3 x 2 minuten text. aufstellung: der schmitzer – die jäckl – der schranz – die fötschl – der höfler. mit kurzem einführungsblabla vom gut riechenden höfler
Gerhard Ruiss, Geschäftsführer der IG Autorinnen Autoren, ist oberster Interessensvertreter seiner Zunft in Österreich. Unter seiner Federführung beteiligt sich die IG zusammen mit den hiesigen Verwertungsgesellschaften an der Kampagne »Kunst hat Recht«, die der »Gratiskultur im Internet« und der »Rechtlosigkeit der KünstlerInnen« entgegentritt. Zwar nimmt er damit eine Position ein, die der Mehrheitsmeinung im österreichischen Kulturrat diametral gegenübersteht, aber bitte: Fragen des Urheberrechts im digitalen Zeitalter sind komplex. Die Gesetze sind veraltet. Und daß einige der renommierteren und intelligenteren Künstler »alter Schule« die Interessen der Verwertungsgesellschaften als die ihren mißverstehen, war zu erwarten – spätestens, seit ACTA den Parlamenten zur Abstimmung vorlag.
Doch selbst glühende Verfechter eines strammen monopolfreundlichen Urheberrechts werden dieses jüngste Werbevideo nicht begrüßen können, das Ruiss mitverantwortet. Von ihm und der Kampagne, in die es eingebettet ist, wird hier berichtet, weil es das Zeug dazu hat, zum unfreiwilligen Kultobjekt für die Freunde des Filesharing zu werden (wie weiland das bekannte »you’re downloading communism!«-Plakat mit dem gehörnten Volkskommissar).
An einer Schreibmaschine in einer altehrwürdigen Bibliothek sehen wir Ruiss höchstpersönlich sitzen. Immer mehr »digital natives« mit iPads, Kopfhörer usw. betreten den Raum. Fröhlich eignen sie sich das Manuskript des Autors an: lesen darin, reichen Seiten weiter, kritzeln und schneiden drin herum oder formen Papierflieger. Ruiss reagiert nicht, doch als er »ENDE« tippt und die meisten »Barbaren« verschwunden sind, ißt ihm eine junge Frau auch noch den Kuchen weg, der da zusammen mit einer Schale Kaffee steht. Wie gerufen erscheint ein Kellner und legt dem staunenden Autor die Rechnung vor.
Die Mißachtung des jüngeren Publikums, die sich in diesem Video ausdrückt, und das sehr offensichtliche Unvermögen, »Filesharing« und »Sampling« in eine adäquate Metapher zu verpacken (der metaphorische Kuchen würde nicht weniger, bloß weil jemand abbeißt; und das Manuskript würde nicht zerstört, wenn jemand anders als der Autor drin herumkritzelt), dient dankenswerterweise der Sache der ACTA-Gegner weit mehr, als jedes fundierte Statement von deren Seite es könnte. Kunst, wie sie hier gemeint ist – unveränderlich vom autoritären Schöpfer erstellt, und primär bestimmt dazu, »Respekt« zu erzeugen – hat tatsächlich unrecht.
Beitrag ursprünglich erschienen in der jungen welt vom 16.04.2012
als nachtrag zum symposion “europäischer frühling – literatur im brennpunkt der revolte”: mitschnitt einer lesung von drei gedichten. eines davon mit werner faymann, eins mit einem anonymen dj, und eins mit dem (gut versteckten) geist von pier paolo pasolini in der hauptrolle. mit dank an den haustechniker im ulnoe und an veranstalter robert prosser.
Von der Bewusstseinsproduktion im Kleinbetriebsverband. Letzter Teil einer Netz-Rundschau.
Eine Frage, eine Enttäuschung
Am Anfang dieser Webrundschau stand die Feststellung, es habe sich durch das Internet fundamental und unumkehrbar was geändert in der Art, wie wir mit Information umgehen; und die Frage, was das für die Produktion von kreativem Content bedeutet (wobei schon der Begriff “kreativer Content” Teil des geänderten Paradigmas wäre). Zu diesem Zweck wurden allerhand Outlets von un- und von bewegten Bildern im Netz begutachtet, denen gemeinsam war: Dass der eigentliche Content gratis rumliegt, dass aber dennoch die ProduzentInnen in verschiedener Weise an genug Geld für ihre Arbeit kommen, um sie hauptberuflich machen zu können.
Als die drei zu diesem Zweck angewandten Methoden fanden wir vor: Spenden, Merchandise und Werbung. Und leider: So sehr der kunsttechnokratische Utopist, der diese Zeilen schreibt, darauf gehofft hatte, ein eindeutiges Primat der Spendenwirtschaft vorzufinden – woraufhin er das Kreativgewusel im Netz als Avantgarde der globalen Wirtschaftsweise verkündet hätte, die da kommen soll – so sehr wurde er (dh. ich) enttäuscht. Es scheinen die drei Finanzierungsweisen in etwa gleich bedeutend zu sein.
Was ausgelassen wurde
Zweierlei wurde jedoch bis hier ignoriert: Erstens diese Hybridform aus altem und neuem Umgang mit Content, welche einen Großteil der professionell erstellten Textinhalte im Netz ermöglicht, und welcher sich z.B. auch der vorliegende Beitrag verdankt – bezahlte Beiträgerei zu online- und Papier-Zeitschriften (die ihrerseits wieder über Werbung, käufliche Artefakte und Spenden finanziert werden). Zweitens die ganze Welt der Blogs incl. tumblr.com, der neben selbstreferenziellem re-re-re-gebloggten Kinkerlitzchen auch so manch Spannendes angehört.
Wenn im Folgenden also als Abschluss dieser Serie noch zwei exemplarische Netztext-Schauplätze vorgestellt werden, geschieht dies nicht, um Neues über neue Vertriebsformen zu lernen. es soll bloß noch, im Sinne des Servicegedankens und der Vollständigkeit, die geneigte LeserInnenschaft darüber zu informieren, was es da draussen noch alles zum geneigten Lesen gäbe..
Georg Seeßlen: Was das Schönste an Deutschland ist
Georg Seeßlen schreibt film-, kunst- und gesellschaftskritische Beiträge für allerhand Medien, und er ist als würdevolles altes Schlachtross kritischer Kulturschreibrei und -publizistik in Deutschland dankenswerterweise in einer Position, in der er relativ unbekümmert machen zu können scheint, was ihn gerade interessiert. Das Buch “Blödmaschinen. Die Fabrikation der Stupidität”, das er kürzlich zusammen mit Markus Metz für Suhrkamp geschrieben hat, diene mitsamt seiner Rezeption durch die Presse als Beispiel für Seeßlens Stellenwert in der noch-papierenen Diskurswelt.
Wie die schon in dieser Rundschau erwähnten Video-Review-Produzenten SFDebris und Confusedmatthew nimmt Seeßlen das Medium Film sowie die ganze Unterhaltungskultursphäre tödlich ernst. Anders als die genannten steht er noch in jener Tradition, die kulturelle Produktionszusammenhänge auch anders lesen und kritisieren kann als aus der Warte des Konsums. Kritik an der wirtschaftlichen Transformation der EU in einen Wirtschaftsraum, der von Deutschland hegemonial dominiert wird – Seeßlen spricht ohne Koketterie von “Postdemokratie” – und Kritik an den filmischen und textlichen Hervorbringungen dieser Hegemonialmacht sind bei ihm eingebettet in das gemeinsame Referenzsystem einer (…nun ja, nennen wir sie…) “kritischen Theorie”. Er gehört somit einer Generation und einem Diskursraum an, für die bzw. für den diese zentrale Prämisse aller hier bisher vorgestellten ProduzentInnen nicht gilt: Dass “Überblick behalten” gar nicht mehr ginge, und gar nicht das Ziel sein könne, wo doch das Spiel des Bastelns mit dem Content viel produktiver wäre. Sein Blog – “Das Schönste an Deutschland ist die Autobahn” – bildet mithin eine Meerenge zwischen dem Diskurskontinent “1968″ und dem Archipel der “memes”…
Cracked.com: Die Teddy Roosevelt Appreciation Society
…wobei die Kontinentalmetapher nicht viel hergibt. Angewandt z.B. auf die englischsprachige Comedy-Website Cracked.com versagt sie schon. Denn die hat sowas von nix mit der Seeßlen’schen Kulturkritik zu tun, dass man sich schwertut, sie auf dem selben metaphorischen Globus unterzubringen – nicht mal als Antipoden.
Cracked ist ein Online-Comedy-Magazin im engstmöglichen Sinn des Wortes: “Satire” oder “Parodie” ist definitiv nicht gemeint. Cracked wird von unterschiedlichen Autoren beliefert und hält hohe “production values” ebenso hoch wie den Fokus auf zwei distinktive Artikelformen: Nämlich erstens die Listenform – “5 Movies That Accidentally Killed Innocent Characters”, “6 Albums By Rock Legends That Were Thinly Veiled ‘F#@k You’s”, “The 5 Most Unintentionally Creepy Gifts Given to Presidents” etc.; und zweitens die “Photoplasty Contests” – Wettbewerbe im Userforum, bei denen Photoshop-Montagen zu Themen wie “Everyday life if one crime was suddenly legal”, “If movie posters were sarcastic” u.dgl. erstellt werden, mit Slideshows der Sieger auf der Hauptseite.
Überraschend an diesem zugegeben wenig originellen, an Papierzeitschriften wie dem “MAD Magazine” orientierten Format (“Mad” war nicht zufällig in grauer Vorzeit die Muttercompany von Cracked.com) ist hauptsächlich, dass es auch bei täglichem Vorbeisurfen meist Neues bietet und kontinuierlich ein Bedürfnis befriedigt, das offensichtlich auch bei z.B. mir vorhanden ist: In etwa jenes Bedürfnis, das in einer weniger globalisierten Welt gut geschriebene Regionalteile in Zeitungen abzudecken wussten bzw. wüssten.
Unangenehm aus der Fülle der Artikel heraus stechen bloß die gelegentlichen Ausflüge in den Bereich der “Lebenshilfekolumne” und die penetrant gerade in solchen Artikeln auftretende Beschäftigung mancher BeiträgerInnen mit dem Thema “Juhu, ich kann vom Schreiben leben!” Wobei zugestanden sei, dass auch diese Artikel unterhaltsam geschrieben sind und halt leider, was die Prämisse betrifft, nicht an Zeug heranreichen wie “6 Abandoned Places That Will Make Awesome Supervillain Lairs”.
Und “Juhu, man kann von Internet-Content leben!” war ja auch irgendwie Thema dieser Webrundschau. Die hiermit zuende ist. Damit ich mich recht bald, dem Hufescharren des KiG!-Teams entsprechend, wieder unmittelbar regional relevanten Themen zuwenden kann…
“Die Wirtschaft ist nur die Methode. Das Ziel ist es, die Seele zu verändern.” – Margaret Thatcher
Man will ja auch nicht immer nur dagegen sein. Haben nicht gerade wir “linken”, irgendwie “autonom” operierenden Kunst- und Gequatsche-Tierchen das immer und immer wieder als Argument gebracht, gegen diesen oder jenen veralteten Schmafu: Dass sich die Austragungsorte der Diskurse mit der Zeit ändern; dass die künstlerisch neuen, oder sagen wir kreativ neuen, Impulse immer wieder mal von unerwarteten Feldern, Medien, Soziotopen aus in die Gesellschaft abgegeben werden?
Dass sich mithin das zur Kunst, oder sagen wir zur kreativen Tätigkeit gehörige Menschen- und Weltbild eh die ganze Zeit ändert – zusammen mit den Organisationsweisen, den Produktionsbedingungen, ja den möglichen Inhalten selbst? Aus allen diesen Gründen spricht ja erstmal gar nichts gegen dieses BetaLab – auch von dem Standpunkt aus, dass jedes bisschen Geld hochwillkommen ist, welches helle Köpfe in den Stand setzt, Helle-Köpfe-Zeug zu machen (statt zu kellnern, oder so). Je mehr Potential freigesetzt wird, desto besser!
Dass BetaLab will also “die junge Kreativwirtschaft” fördern. Und dass diese Formulierung – wie überhaupt alles “Kreativwirtschafts”-affine Zeug in den letzten Jahren – es ein wenig undeutlich macht, ob wir jetzt vom künstlerisch-kulturellen Bereich reden, oder vom allgemeiner-kulturellen Bereich, dem auch “die Wirtschaft” angehört: Geschenkt! Obwohl es ein wenig mühsam ist, beim Diskutieren genauso wie beim Überblicken der Fördersituation: Spricht man von Kunstundkultur, soll man Design, und Werbewirtschaft, und dergleichen, mitdenken. Und nimmt man diesen nämlichen Bereich dann wirklich mit hinein, beurteilt ihn (und seine Förderung) nach künstlerischkulturellen Kriterien, heisst es wieder: Nein, hier gelten bloß die Kriterien “der Wirtschaft”. Aber egal, man will ja, siehe oben, nicht so sein: Und ein intakter Spielplatz für einen Haufen “junger Kreativer” ist allemal wünschenswert.
Auch der jüngste Artikel zum Thema BetaLab auf der Homepage des Landeskulturressorts (das praktischerweise gerade zusammen mit dem Wirtschaftsressort das “Ressort Buchmann” bildet) soll uns nicht allzusehr grämen. Zwar erweckt er ein wenig den Eindruck des parteipolitischen Mitbewerber-Bashing, welches ggf. in einer Presseaussendung der ÖVP besser augehoben gewesen wäre, und weicht der substantiellen Frage nach der Sinnhaftigkeit des BetaLab mit dem Verweis auf eine kommende Evaluierung aus – aber immerhin werden diese Debatten noch “out in the open” ausgetragen. Also auch hier: Passt schon – wen es interessiert, der kommt an alle zum Thema gehörigen Wortmeldungen und kann sie auch zuordnen.
Doch da ja das BetaLab, dem allerersten Anschein zum Trotz, nicht den Bemühungen des Kulturressorts sich verdankt, sondern jenen des Wirtschaftsressorts (es beauskunftet uns deutlich die BetaLab-Homepage: “Ermöglicht durch: SFG – im Auftrag des Wirtschaftslandesrates”), sei eine Anmerkung zur Wirtschaftlichkeit gestattet. Gerade auch im Sinne positiver Beteiligung daran, dass möglichst viele helle Köpfe hierzulande usw.
Also: So, wie sich den “young creatives” in ihrem “Impulszentrum für Kreativität GmbH” die Arbeitswelt darstellen muss, kann keine reine “Privatwirtschaft” der Welt funktionieren – schon gar nicht die, in der sich kleine Webdesigner, Graphicdesigner, Social-Media-Dienstleister und ihresgleichen tummeln. So schön es auch ist, dass z.B. die extrem supere Fotografin Mar Costa (eine der “young creatives”) sich zur Zeit wohl keine Sorgen um ihr Einkommen machen muß, und statt dessen supere Bilder machen kann – mit “Kreativwirtschaft” hat sowas wenig zu tun. Ein Gutteil der Projekte auf der Homepage des BetaLab hat überhaupt gar nichts mit Wirtschaft zu tun, sondern mit internen Betriebsgeräuschen der Kreativwirtschafts-Betreuung. Ein weiterer Teil umfasst rein künstlerische Projekte. Und von den paar “Corporate Design”-, Kampagnen- und Printlayout-Sachen, die sich da auch noch finden, könnten in der “echten” Privatwirtschaft vielleicht zwei der einundzwanzig “young creatives” im BetaLab gerade eben so über die Runden kommen.
Es muss ein Missverständnis meinerseits vorliegen, denn Landesrat Buchmann ist erwiesenermassen kein Depp. Wenn wir davon ausgehen, dass das BetaLab einen Zweck hat und diesen Zweck auch erfüllt – und dass dieser Zweck, wie eben gezeigt, ganz offensichtlich nicht in reiner “Kreativ”-Wirtschaftsförderung besteht – was ist dieser Zweck?
Eine sich aufdrängende Antwort wäre: Den kulturellen Bereich, ganz in der Tradition des grossen Hanns Koren, den “Linken” zumindest nicht kampflos zu überlassen. Impulse zu setzen, die erstens halbwegs auf der Höhe der Zeit sind, zweitens konkrete personelle Einflusssphären sichern sowie drittens längerfristig Verschiebungen des öffentlichen Kunst-und-Kultur-Diskurses nach “rechts” bedingen. Firm im Bewusstsein einer ganzen Riege heller Köpfe den vergeblichen Glauben zu verankern, ihre Tätigkeit habe “eigentlich” privatwirtschaftlichen Nutzen zu zeitigen (womit auch deren künstlerische Arbeiten nachhaltig beeinflusst sind); gleichzeitig die “Privatwirtschaft” als legitimen Austragungsort ästhetisch-künstlerischen Geschehens zu definieren, an dem auch Leute nicht vorbeikönnen, die das eigentlich anders sehen würen; schließlich alles dieses zu erreichen, ohne tatsächlich “privatwirtschaftliche” Praxis üben zu müssen (die ja zugegebenermassen ruinös für die “young creatives” und den ganzen Kulturstandort Steiermark wäre) – das mache den Verantwortlichen für das BetaLab im Wirtschafts- und/oder Kulturressort mal jemand nach.
Ein paar Takte zu Stefan Schmitzers neuem Gedichtband
scheiß stimmiges bild das sich ergibt mit weinbau-kulturland und
betonguss-kanalbau, mit grüntönen grautönen rapsgelb
auch
Wie kommt es, dass die arabischen Länder am Mittelmeer ihre Diktatoren trotz heftiger Unterdrückung abgesetzt haben, und wir hier in Mitteleuropa machen vor der Diktatur des Geldes Männchen wie die Zirkushunde? Wir schimpfen zwar hin und wieder über die Politikerkaste, die im Bann der Finanz und Industrie steht und nichts dagegen unternimmt, dass der globale Temperaturregler auf vollem Anschlag steht, aber das ist es auch schon. Gesättigt, selbstzufrieden, vielleicht auch in dialektischen Erklärungen zur Lage der Menschheit verstrickt, blasen wir den Feinstaub in die Luft und machen Tyrannen aller Himmelsrichtungen bei Staatsbesuchen stets freundliche Nasenlöcher. Schließlich brauchen wir sie als Handelspartner.
scheiße, wie so versöhnlich und zutraulich man war bis hierher.
Und immer wieder findet man auch das hiesige Sozialpartnergewäsch unerträglich, das verhindert, dass sich politisch und gesellschaftlich etwas bewegt. Man möchte aus der Haut fahren, aber dann merkt man, wie man in der ökonomischen Zwangsjacke steckt, umgeben von einer Mehrheit, die der Krone glaubt, Strache wählen würde und auf Musikantenstadl abfährt. Kein Wunder, dass die meisten psychisch verkrüppeln und sich dann in die Frührente verziehen.
scheiß moment, wenn die systemischen faktoren greifen, also
scheiß träume mit urgroß- und vätern. scheiß alter,
scheiß reifung, scheiß anschein des organischen hervor-
tretens.
Ob Frührentner Gedichte lesen? –
Einen angerissenen Satz, der
am Zeilenende in
den Weißraum stol
pert in
der Hoffnung, dass dem Leser
dort was aufgeht?
scheiß kunst. scheiß sozialer frieden. scheiß bedürfnisstruktur,
noch einmal scheiß kunst. was ist aus uns geworden? […]
Wenn man Stefan Schmitzers Gedichte liest, kann einem zwischendurch das Geimpfte aufgehen: Der Ärger über die Verhältnisse kommt hoch und der Ärger über die eigene Bequemlichkeit. Schmitzers systemkritische Lyrik ist denkbar weit entfernt von jeglicher Einlullungsbehaglichkeit, wie sie landläufig unter dem Begriff „Gedicht“ firmiert. Schmitzer hat den Beat, er ist ein subtiler Beobachter des Politischen wie des Privaten, und er hat auch die Pose, das stille Gewisper der Lyrik in einen Rocksong zu verwandeln. Und: Schmitzer ist Poet genug, um in seinen groovenden Texten Platz für die Leerstelle zu lassen, die man als Leser mit seiner – ja sagen wir einfach – Seele füllen kann.
scheiß voraussetzungen für die scheiß voraussetzungslosigkeit.
sag neuer mensch, sag es anders, sag am besten gar nichts
mehr.
Das wäre natürlich ein schönes Schlusszitat, aber der Vollständigkeit halber sei erwähnt: scheiß sozialer frieden ist noch einmal vielschichtiger als Schmitzers viel gelobter Erstling moonlight on clichy. der Grazer Dichter, Jahrgang 1979, erweitert in seinem neuen Lyrikband sein Formenrepertoire, spielt öfter ins Assoziativ-Prosaische, lässt auch Privates anklingen. Das Ergebnis: Post-Punk-Beat-Lyrik, bei der die Post abgeht. Brinkmann, Ginsberg und Ferlenghetti würden das sicher auch cool finden.
Rokko’s Adventures ist ein hervorragend gemachtes Zine, laut Eigenbeschreibung »in Wien wohnhaft«, aber mit tendenziell gesamtösterreichischem Anspruch. Die Untergrundkultur der Zines in all ihrer prachtvollen Selbstgemachtheit, die in den Achtzigern mal Sinn ergab (im Ensemble mit der Mixtape-Sozialisation des blühenden Industrial) wird hier abgefeiert und neu in Stellung gebracht – als kenntnisreich gesetztes Zitat. Welches eins natürlich nicht mehr leisten kann: den Frotalangriff auf Text-und-Musik-als-Brotberuf (bzw. auf überhaupt alles, was nach Beruf riecht). Da hat sich zuviel verändert an den Daseinsbedingungen potentieller Untergrund-, Ästhetik-, also Zine-Interessenten.
Natürlich: Der Jeder-Mensch-ein-Künstler-Impuls ist noch spürbar. Aber vom ausdiversifizierten Feld (selbst nur österreichischer) Hipness a.k.a. »kritisches Bewußtsein« kann nur der hauptamtliche Überblickbehalter sinnvoll reden. Was Rokko’s Adventures denn auch tut. In ebenso schriftsatzkunstverliebtem wie überraschend benutzerfreundlichem Layout handeln die halbjährlich erscheinenden, weder durch Werbung noch durch öffentliche Fördergelder subventionierten Hefte Text-, Ton-, Veranstaltungs- und Modewesen zwischen Mainstream und Off-Off-Off-Szene ab. Wobei besonders die Kunst des Interviews und dessen, was anderswo »Homestory« hieße, in hoher Blüte steht. Die große Schwäche und zugleich größte Stärke der Zeitschrift ist die unbedingte Verflechtung von Hipness à la Vice, Teil-des-Subkultur-Gewusels-Sein und Diskurskultur im klassischeren Sinn.
Hinzu kommt ein erfolgreiches Mittel der Publikumsbindung und Definitionsmachtsicherung: das eher ungewöhnliche Format von Lesungen aus der Zeitschrift, mit und ohne anschließendes Konzert, an passenden Orten in ganz Österreich.
Und was sagt die Existenz von Rokko’s Adventures über Österreich? Einerseits, daß da genug Material herumliegt, um allhalbjährlich ein recht dickes (sub)kulturlastiges Magazin ausschließlich mit Interessantem zu füllen. Womit andererseits gesagt ist: Daß diese alte linksintellektuelle Klage – man käme zu den interessanten Diskursen hierzulande leider nie, weil man permanent mit den immergleichen vorgestrigen Kulturkampfzumutungen der krawallbürgerlich Rechten beschäftigt sei, die immer blöder und lauter werde und der lernäischen Hydra gleich als nicht zu köpfen erscheine … – daß diese alte Klage nicht mehr trifft.
Beitrag erschienen in der jungen welt vom 08.03.2012
Von der Bewusstseinsproduktion im Kleinbetriebsverband. Dritter Teil einer Netz-Rundschau.
Bewegung!
Letztens waren’s die unbewegten Bildchen, um die es an dieser Stelle ging, jetzt sind es die bewegten, also Web-Filme und -Serien. Folgende Ausschlusskriterien müssen dabei formuliert werden: Einerseits: Dass hier nicht beachtet wird, was das Backing kommerzieller offline-Medien hat (womit z.B. Herr Misk rausfällt, der Lieferant feinster derStandard-Kolumnen im Videoformat), ebenso wie Kino- und TV-Produkte, die auf unterschiedlichen Wegen und in unterschiedlich legaler Weise ihren Weg ins Netz gefunden haben. Andererseits: Dass uns auch die zehntausenden Heimvideos nichts angehen, die aufgrund mannigfaltiger kultureller Missverständnisse auf Youtube o.ä. stehen. Mit anderen Worten: Es geht um Arten des Films, die ohne das Internet als Matrix (pun not intended) prinzipiell undenkbar wären.
“Virales Marketing, Herr Vader!” – Ein Klassiker, und eine Hymne an Youtube
Anders als Webcomics sind Webfilme als Medium auch für Personen und Firmen interessant, die nicht primär an ästhetischen Diskursen bzw. Fantums-Ausagiererei interessiert sind, sondern an PR und Marketing, also an Geld, Geld, Geld. Dass das im vorliegenden Kontext nicht (wie z.B. im Fall der Musikindustrie) bedeutet, kreative Impulse “freier Szenen” geistlos zu verwursten und in höchstens halbgenießbarer Form wieder darzureichen, sondern dass das PR-Spiel in diesem speziellen Medium, zu diesem speziellen Zeitpunkt seiner Entwicklung, auch brauchbare Impulse zurück in den Diskursraum abgibt – dafür liegen ein paar Beispiele auf Youtube rum.
Z.B. das (wohl eh sattsam bekannte) Ding mit dem viralen Marketing auf dem “Todesstern Stuttgart”. Nach Auskunft seines Schöpfers, Dominik Kuhn a.k.a. viralman, “Ein viraler Spot, der virale Werbung verballhornt” aus dem Jahr 2007. Fantum und Markt-Denken finden da aufs brauchbarste zusammen: Die Besprechung der Elite des galaktischen Imperiums, featuring Grand Moff Tarkin und Darth Vader, wird neu synchronisiert als Aufsichtsratssitzung der Daimler AG, in der in tiefstem Schwäbisch über die Vorzüge des viralen Marketing gestritten wird – als “Viraläs Margedingg isch oi absolut machtvolläs Werbeinschdrumendd, von demm Sie koi Ahnung ham!”
“Todesstern Stuttgart” steht hier nicht nur als Beispiel für ästhetisch relevante Aspekte des Einflusses, den die Marketing- auf die Webfilmkunst-Welt nehmen kann; auch nicht nur als paradigmatischer Film-”Spoof”; es dient an dieser Stelle auch der Erinnerung daran, dass es kaum möglich ist, die Funktion von Youtube zu unterschätzen: Als AnfängerInnen-Werkstatt, online-Album für jedermanns Familienvideos, zugleich als Gedächtnis eines Mediums in Entwicklung. Für ernsthafte ProduzentInnen von Filmcontent ist es zumindest als “Schaufenster” nicht ignorierbar. Praktisch alles, was das Medium hergibt, hat hier seine Wurzeln.
Der grantige Gentleman: Say Hello to confused Matthew!
Case in Point: Confused Matthew, dessen Zeug einen Youtube-Kanal hatte, lang, bevor es die eigene Seite gab. Sein Produkt – ja, “Produkt”, denn den Videos sind regional unterschiedliche Werbeclips vorgeschaltet, und eifrige SpenderInnen dürfen “Requests” abgeben, also wissen wir, dass der Kerl das hauptberuflich macht – sind Filmkritiken. Der “filmische” Aspekt seiner eigenen Arbeit besteht zwar meistens nur darin, ein oder mehrere Stills aus dem besprochenen Film einzublenden und drüber hin zu reden. Aber weil er dann doch oft genug Clips abliefert, in denen punktgenau assoziatives Einschneiden fremden Materials nach Art der “Sendung ohne Namen” vorgeführt wird, glauben wir ihm, dass er eh filmisch denkt und die Stills sich nicht (nur) der Faulheit verdanken.
Inhaltlich beschäftigt sich Mr. Matthew im Kern damit, Filme scheiße zu finden – und das ebenso wortgewandt wie tempramentvoll zu begründen. Der Name “Confused Matthew” verdankt sich laut Eigenauskunft der Verwirrung, warum gerade dieses oder jenes, von ihm inferior gefundene Produkt überhaupt produziert, geschweige denn von einem Publikum angenommen wurde. Dass er mittlerweile auch Reviews von Zeug macht, das er gut findet, ist scheints den Spender-Requests zu verdanken. Worum sich Confused Matthew entschieden verdient gemacht hat, ist eine Kultur der sorgfältigen Begründung. Der Kerl benennt seine Maßstäbe genau und dekliniert sie – in höchst unterhaltsamer Weise, und meist zum Nachteil des besprochenen Films – runter. Er weiss auch genug über seinen Gegenstand, dass man gelegentlich was übers Filmproduzieren dazulernt. Ich muss ihm nicht in jedem Fall zustimmen (v.a., was seine Bewertung Tarantinos betrifft), aber die Gentleman-Attitüde, die zum Vorschein kommt, wenn er zwar mit AutorInnen schlechter Drehbücher schimpft wie ein Rohrspatz, aber noch innerhalb einer solchen Kanonade um Gerechtigkeit bemüht ist, ist mehr, als wir von den meisten Zeitungs-Film-Schreibern gewohnt sind. Ernster als hier wurde Kino höchstens noch in den frühen “Cahiers de Cinema” genommen.
Zur Kritik der reinen Utopie: SFDebris
Geist vom selben Geist wie Confused Matthew ist SFDebris – auch dieser begann mit einem Youtube-Hobby und hat jetzt eine blip.tv-Seite nebst Homepage. Aber nicht die recht eigentümliche Crossover-Fanfiction-Texte interessieren uns, die auf letzterer dominieren (Star Wars trifft Star Trek jadda jadda jadda), sondern seine SciFi-Fernseh-Kritiken. Denn so ernst, wie Confused Matthew das Reden über Filme nimmt, so ernst nimmt SFDebris Star Trek und andere Science Fiction-Serien, etwa Babylon 5, Red Dwarf, Dr. Who etc. Und niemand kritisiert die eigene Kirche so hart und so treffend wie ein wahrhaft Gläubiger.
SFDebris’ Star Trek-Kritiken sind zum Teil unterhaltsamer als die zugrundeliegenden Serienfolgen. Dies auch, weil er weiss, dass man nicht von “Trek” reden und von fachphilosophischen Fragen nebst der Geschichte menschlicher Utopien schweigen kann, wenn man es ernst meint. In genau dem notwendigen Aumaß, um sich und dem Zuseher einen Überblick über die jeweilige Folge und das ganze Franchise zu verschaffen, beschäftigt SFDebris sich also auch mal mit den Klassikern des Philosophie-Proseminars – augenscheinlich, ohne dabei zu vergessen, dass es sich bei seinem Gegenstand im Kern um nichts als Fernsehunterhaltung handelt. Jedenfalls sehenswert.
Als die Definitionsmacht der una sancta ecclesia catholica noch unangefochten war, konnten politisch oder kulturell heikle Streitfragen in die Sphäre des Ästhetischen ausgelagert werden und als Disput über Faltenwürfe von Heiligenstatuen, die Vorzüge des Polyphonie bei der Meßfeier o.dgl. ausgetragen werden. SFDebris’ Art, über SciFi-Serien zu reden, legt die Wahrnehmung nahe, die Kulturindustrie habe inzwischen, in ihrer Allgegenwärtigkeit, einen ähnlichen Status – und man verfüge innerhalb des popkulturellen Lehr- und Kultgebäudes mittlerweile über eine ähnlich differenzierte und universell brauchbare Sprache wie die frühen Humanisten. Dass solche Komplexität sich in beiden Fällen den Päpsten resp. Studiobossen zum Trotz entwickelt hat, und nicht etwa dank ihres segensreichen Bemühens, steht auf einem anderen Blatt.
Pioneer One
Ganz was Anderes liegt mit “Pioneer One” vor: Nämlich eine richtige narrative Fernsehserie mit Schauspielern und Produktionsassistenten und Location Shots und allem, bloß halt low budget und ausschließlich fürs Web produziert. Über die Handlung sei bloß soviel gesagt, dass man sich den Typus von Serie vorstellen kann: Agenten, Astronauten, Bullen, Wissenschaftler und Politiker in einem erstaunlich gut durchdachten Verschwörungs-Reigen. Die Serie ist gut genug gemacht, um sie sich nicht nur aus “Fachinteresse” (was immer das heisst) anzusehen, und hat den Suchtfaktor, den einstmals “Akte X” hatte. Bemerkenswert ist vor allem das Distributionsmodell: Als Torrent oder Stream im Netz – gratis. Natürlich kann gespendet werden. Es wird sogar so viel gespendet, dass Pioneer One (laut Wikipedia als eine von ganz wenigen Indie-Webfernsehserien) schwarze Zahlen schreibt.
Man bedient sich hierzu der Seite vodo.net, die als Werzeug zur Organisation von “Crowdfunding” – Spendensammeln für ein konkretes Projekt – dient. Die erste Folge mit 6.000 $ Budget produziert, die zweite und dritte ausschließlich mit den daraufhin gesammelten Spenden – inzwischen hat die Serie sechs Folgen, also eine komplette Staffel, auf dem Buckel, und wurde beim New York Television Festival preisgekürt. Die zweite Staffel – “donation goal: 100.000 $” – ist geplant. Pioneer One ist jedenfalls nicht nur die Serie, die vertriebs- und spendenmässig zeigt, wie es geht – sondern auch was leidige Urheberrechtsfragen betrifft: Das ganze Dings erscheint unter der Creative Commons-Lizenz.
Die Spendenaquise, auf die vodo.net ausgerichtet ist – oder das Vorschalten von Werbeclips vor den Content, wie es z.B. auf blip.tv getrieben wird (der erwähnten Heimat von SFDebris): Diese beiden Modelle (nebst Mischformen) kristallisieren sich als praktisch taugliche Methoden, die Distribution von kleinstbetrieblich generiertem Filmcontent im Web zu finanzieren. Auffällig ist, dass narrative Inhalte eher auf das Spendenmodell, “Diskurs”-ProduzentInnen eher auf Werbeanzeigen vertrauen. Nachvollziehbarerweise: Die Kosten einer richtiggehenden Filmproduktion bewegen sich in anderen Dimensionen als die Kosten, die entstehen, wenn jemand einen Text in ein Mikrophon liest und ggf. noch Clips dazu zusammenschneidet. Erstere sollten vor der Arbeit auf einem Konto liegen, letztere dürfen auch ruhig erst im Nachhinein hereinkommen.
Wenn über die alleinseligmachende Popkultur-Kirche eine Reformation kommen soll: Von hier – von real geänderten Methoden des Geldverdienens, von der Materialisierung geänderter Eigentums- und Urheberrechtsbegriffe – wird sie ausgehen.
Tirol, das Bundesland Österreichs, dessen staatlich geförderte »Volkskultur« den katholischen Freischärlerchef Andreas Hofer aufs penetranteste verklärt, neben dem Oliver Cromwell als Humanist und Freigeist erscheint – dieses Tirol also ist zugleich Heimat eines wesentlich heutigeren, sehr interessanten Kulturbetriebs. Der Haymon-Verlag hat in Innsbruck seinen Sitz, es gibt mit »Text ohne Reiter« die aktuell relevanteste »Independent«-Lesebühne weit und breit, viele gut vernetzte Vereine kümmern sich um bildende Kunst, und im Bereich Kulturpolitik hatte Tirol bis vor ein paar Tagen Vorreiterfunktion.
Hatte. Denn ein Landeskulturressort, in dessen Busen ach, zwei Seelen wohnen (Anderl-Hofer-Kitsch vs. zurechnungsfähige moderne Kunst), kommt über kurz oder lang ins Schleudern. Die Vorreiterfunktion bestand darin, daß seit zehn Jahren ein Teil des Kulturbudgets (heuer z.B. 68500 Euro) auf Empfehlung einer Sachverständigen-Jury vergeben wird, welche der Dachverband der Tiroler Kulturinitiativen (TKI) bestellt. So wird in einem transparenten Prozeß auf der Basis nachvollziehbarer künstlerischer Kriterien über eingereichte Projekte entschieden. Doch heuer wurde das Prozedere von seiten der Landesregierung in Frage gestellt und damit ein Offenbarungseid darüber abgelegt, welche Funktion der Kunst nach dem Verständnis von Landesrätin Beate Palfrader zukommt: die der Propaganda.
Als nämlich die TKI den Projekten »Wahlen sind Betrug« und »Alpenländische Studien« Förderungen zusprach, intervenierte die Kulturlandesrätin und ließ – mündlich! – mitteilen, die beiden Projekte würden »nicht den Qualitätskriterien des Landes« entsprechen.
Gegen »Wahlen sind Betrug«, ein Projekt, das sich auf den Pariser Slogan von ’68 (»Elections piège à cons«) und Walden Bello bezieht, wurde vorgebracht, die Aussage sei »falsch«. Noch skandalöser war die Ablehnung von Tal Adlers Projekt der »Studien«, mit dem der Fotograf zur Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen und zur »Entselbstverständlichung« von alltäglichen Überbleibseln der NS-Geschichte Tirols beitragen wollte – dieses Vorhaben ist laut Kulturamt unnötig, da die NS-Vergangenheit von Tirol »hinlänglich aufgearbeitet« sei.
Die Organisation des Kulturbetriebs in Österreich ist dergestalt, daß der Entzug von öffentlichen Geldern einer Zensur gleichkommt, welche von Gesetzes wegen verboten ist. Doch selbst, wenn dies nicht der Fall wäre, hat das Land Tirol und seine Kulturabteilung sich mit dieser Angelegenheit deutlich gegen autonome Kunst und transparente Vergabepraxis von Landesgeldern positioniert. Andreas Hofer wäre stolz.
Beitrag erschienen in der jungen welt vom 23.01.2012
Von der Bewusstseinsproduktion im Kleinbetriebsverband. Zweiter Teil einer Netz-Rundschau.
Vom Anachronismus der Bildchen
Aaalso. Webcomics. Inzwischen wohl ein ganz eigenes Bündel an Formkonventionen, von Jahr zu Jahr weniger eng verknüpft mit ihren papierenen Muttergenres. Das Feld ist unüberschaubar, und jedeR habituelle InternetuserIn wird vom täglichen oder wöchentlichen Vorbeisurfen ein anderes Häufchen an Beispielen für diese Behauptung kennen. Zwar ist die Denkweise des Drei-Bilder-Zeitungscomic-Panels noch in vielen der Produkte aufgehoben, oder andersrum die Graphic-Novel-Denkweise ganzseitiger Engführungen von “Handlung” und “Aussage” in Form zweier – oder mehrerer – ästhetischer Einfälle. Doch von der strengen, durchs Material aufgezwungenen Einhaltung solcher Formen selber ist kaum noch was zu sehen. Übrig von diesen äusseren Begrenzungen, an denen entlang sich der Comic mehr als alle anderen Kunstformen entwickelt hat, bleiben bloß: Rücksichten auf Ladegeschwindigkeiten und erwartbare Bildschirmgrössen. Dass ausserdem Bildchen, die sich nicht bewegen, im Netz an sich schon einen Anachronismus darstellen, in dem die “Tunnelwirklichkeit” vergangener Zeiten aufbewahrt ist, steht auf einem anderen Blatt.
Fröhliche Amateure: Drunkduck
Was uns hier mehr interessiert als die jeweilige Webcomic-Ästhetik allein, ist die Frage danach, wie die Erschaffer solcher Comics – Leute, die augenscheinlich einen Gutteil ihrer Arbeitskraft in dieselben stecken – sich darum kümmern, dass ihre Arbeit Geld abwerfen möge. Dies ist umso interessanter, als wir mit dem zweiten Teil der vorliegenden Webrundschau zwar den Bereich des vorprofessionellen kreativen Herumspinnens im Webforen wie 4chan verlassen, nicht jedoch die Netzkultur selbst, in der weiterhin nur Fuß fassen kann, was offen zugänglich – also erstmal gratis – ist. Womit auch gesagt ist, dass es hier nicht hauptsächlich um jene wie Sand am Meer im Netz herumliegenden, auf den ersten Blick als solche erkennbaren Hobby- oder Fanfiction-Comics geht, wie sie zum Beispiel auf drunkduck und deviantart eine übersichtliche und der Natur der Sache angemessene Plattform haben. Auf sie trifft all das zu, was in Teil 1 der Rundschau über 4chan-Einträge gesagt wurde: Eine Selbstreferenzen-Spielwiese mit wenig Anspruch an “breite Öffentlichkeit” oder “production values” liegt da vor – wenn auch das Feld, das sich da selbst bespiegelt und laaangsam weiterentwickelt, das von konkurrierenden Fan-Kulturen ist. Dass, wer auf drunkduck die Archivfunktion nutzen und die als “adult” gekennzeichneten Beiträge sehen will, sich anmelden muss, ändert nichts dran, dass hier bloß “aus Spass an der Freude” produziert und – zumindest von den Comicmachern – nichts verdient wird. Die hier publizieren, werden auf Conventions wie der ComicCon wohl unter den zahlenden BesucherInnen, nicht den AusstellerInnen zu finden sein.
Dennoch beginnen, im Web wie in der “wirklichen Welt”, auch die Profis irgendwann als Amateure – und der Übergang zwischen dem einen und dem anderen ist hier noch fliessender als dort. Weshalb wir auch in den professionell betriebenen Webcomics die klassischen Topoi des Fantasy- und SF-Fantums, -Nerdtums, -Geektums finden: Eine voll ausdifferenzierte “Rassenlehre” nach Tolkien, Roddenberry, Rowling et al. (mit ihren Elfen, Drachen, Cylons und Klingonen), “Charakterklassen”, Rollenspiel- und Strategiespiel-Settings. Was im “Profibereich” dann aber variiert, ist das Ausmaß, in dem diese ganze Fantumswelt noch zur Debatte steht, stolz behauptet und diversifiziert werden will, oder in dem sie, andererseits, schon zum Backdrop der Produkte geworden ist, ähnlich, wie offline der bildungsbürgerliche Kanon den Backdrop auch noch der alleraktuellsten Kriminalromane oder hypermodernen Malereien darstellt.
Dialektik der Aufklärung im Märchenwald: Gunnerkrigg Court
Ein Beispiel des noch weitgehend ungebrochenen und deutlichen Bezugs eines profesionellen Webcomics auf die ganze Fantasy-/SF-Genre-Mischpoke bietet die Serie Gunnerkrigg Court von Tom Sidell. Dass die Serie dabei auch zahlreichen Steckenpferden bildungsbürgerlicher LeserInnen genug Raum zum Schaukeln bietet, wird dagegen erst auf den zweiten Blick, oder nach einigen zig Seiten der Lektüre deutlich. Als Hintergrund einer klassischen Internats-/Entwicklungsstory entfaltet Gunnercrigg Court langsam (und überraschend stringent) ein Panorama, in dem u.a. folgende Elemente sinnvoll Platz finden: Geister, künstliche Intelligenzen, diverse mythologische Kreaturen, der Widerstreit zwischen magischem und wissenschaftlichem Denken, sowie detailierte Informationen zur Geschichte von Fechtkunst, Alchemie und Physik – von unmittelbar popkulturellem Zeug, etwa Musik, die eine Figur gerade hört, ganz abgesehen. Dass jedes Element der Erzählung als Aspekt des Fortschreitens einer erkenntnistheoretischen Schlüsselerzählung ebensogut funktioniert wie als offengelegtes Zitat aus dem Fantums-Fundus – von Harry Potter und über Asimovs Roboter reicht der Bogen bis zu Hiyao Miazakis “Princess Mononoke” – zeichnet Gunnerkrigg Court als intelligentes Erzählwerk aus. Dass dieses Erzählwerk auf der Ebene seiner unmittelbaren Handlung auf den emotionalen Haushalt heranwachsender Mädchen zugeschnitten ist, steht zu all der Referenzialität in keinem Widerspruch. Die zentrale Metapher der Serie ist der “Court” selbst: Eine Trutzburg fortschrittlichen Denkens, die in den paradigmatischen Märchenwald gepflanzt wurde. Dreimal die Woche erscheint eine neue Seite Gunnerkrigg Court. Das Geld scheint primär über die in Buchform erhältlichen Sammlungen älterer Kapitel der Serie und über Merchandising hereinzukommen – wenn man die Kontinuität der Serie über inzwischen mehrere Jahre bedenkt, scheint sich diese Quellen auszuzahlen.
Advanced Dungeons & Discourse: Dresden Codak
Weniger bruchlos auf den Formenschatz von Fantum und Fantasy bezogen, kaum mehr linear dahinerzählt, visuell anspruchsvoller, aber immer noch entschieden für das weltweite Geek-Insider-Grätzel produziert, stellt Dresden Codak, eine Sammlung von lose verknüpften oder alleinstehenden Comicseiten, dar. “Seite” muss dabei nicht einer Druckseite entsprechen, sondern beutet bloß, dass diese Comics (auch) von ihrem visuellen Gesamtzusammenhang leben, der sich nur ohne Umblättern oder Papierstückelung erschließt. Im Gegensatz zu Gunnerkrigg liegen mithin Comics vor, die explizit für die Betrachtung im Browserfenster konzipiert sind, in dem man zoomen und scrollen kann. Die zwei hervorzuhebenden einzelnen Comics auf dieser Seite sind “Dungeons&Discourse” und “Advanced Dungeons&Discourse”. Hier werden die Klassiker geisteswissenschaftlicher Diskurse nach Art von Fantasy-Rollenspielen (wie “Dungeons&Dragons”) abgehandelt – was in der Beschreibung entweder völlig unverständlich bleibt (und also von der geneigten Leserin selbst besichtigt werden muss), oder unmittelbar einleuchtenderweise eine extrem geile, wenn auch anspruchsvoll umzusetzende, Idee darstellt (und also auch unbedingt besichtig werden muss).
Die Allzumenschlichkeit der Sphinx: Subnormality
Einen anderen Ansatz verfolgt Richard Rowntree mit den Subnormality-Comics. Hier wird nicht bloß, wie bei Dresden Codac, gelegentlich die Grösse einer Comicseite variiert, sondern die Eigenheiten des Comiclesens-im-Browserfenster werden gezielt ausgelotet. Oft genug würde das Ausdrucken einer lesbaren Papierversion dieser Comics einen DinA2- oder A3-fähigen Drucker voraussetzen. Das pop- oder netzkulturelle Paradigma ist viel weiter in den Hintergrund gerückt als bei den bisher genannten Beispielen; statt dessen werden Themen behandelt, die potentiell nicht nur für Geeks von Interesse sind, und das Bemühen um die wohlgefügte Auflösung jedes eröffneten Spannungsfelds zwischen einer Form und einem Inhalt wird deutlich. Anders gesagt: Würde “Subnormality” sich nicht mit cutting-edge-Comic-Blick und vermittels waghalsigster Metaphern seiner Gegenstände annehmen, würde “Lebensberatung” oder “Erbauung” vorliegen. So aber handelt es sich um eine Art visueller Mischform zwischen Woody-Allen-Film, “urban Fantasy” und Meinungsglosse. Zum wiederkehrenden Personal der in sich geschlossenen Stories gehören: Eine Sphinx in Manhattan, eine neurotische Arbeitslose, ein weiblicher Dämon aus der Hölle, der auf Erden auf Aufriss geht, und zeitreisende Nazis. Eine weitere Spezialität stellen Hochglanzposter der beliebtesten einzelnen Comics dar, die auch bestellt werden können. Abgesehen von diesen Postern und den Werbebannern auf seiner Seite scheint “subnormality” eine rein spendenbasierte Unternehmung zu sein – wiewohl Rowntree uns auch in Teil 3 der Webrundschau in einem anderen Zusammenhang noch unterkommen wird. Der Mann ist Profi der Selbstvermarktung im Netz.
Doctorows Ballon: XKCD
Die immens populäre und einflussreiche Seite xkcd – laut Eigenbezeichnung “a webcomic of romance, sarcasm, math, and language” – liefert genau, was draufsteht. Die Strichmännchen, derer sich xkcd bedient, sind so gekonnt gezeichnet sind, dass sich nach einigen Folgen Wiedererkennungseffekte und die Anmutung stilisierter Gefühlsausdrücke einstellt. Oft genug besteht der neueste Comic – der übrigens je an den gleichen Tagen erscheint wie die neuen Gunnerkrigg Court-Seite – bloß aus einer Tabelle oder einem Diagramm. Es handelt sich, kurz gesagt, um ein Witzblatt für Programmierer und Uni-Typen, das oft genug als “meme-generating machine” (vgl. zum Thema meme Teil 1 der Webrundschau) funktioniert. Als der Autor und Netzutopist Cory Doctorow etwa in der absurden Schlusswendung einer Folge von xkcd mit einem Heissluftballon vom Himmel kam, mit “Ethergoggles” und einem Cape ausgestattet, nahm dies der echte Dotorow zum Anlass, bei einem Auftritt in der nämlichen Gewandung aufzutauchen – ohne, dass das seinem Publikum erklärt werden musste. xkcd hat es geschafft, als Serie kurzer Comicstrips, die relativ viel Vorwissen benötigen, zu einer Art Leitartikel der Netzkultur zu werden. Das ist nicht wenig. Dass der angebotene xkcd-Merchandise (vom Poster zum Häferl) genug Geld abwirft, um die Produktion am laufen zu halten, dürfte evident sein.
Fortschritt, Elfenohren, Merchandise
Was fällt in dieser Zusammenstellung von Webcomics, bezogen auf die Fragestellung, auf? – Die Produzenten aller vier beschriebenene Webcomics erklären im jeweiligen “About/FAQ”-Menü, dass sie mit dem jeweiligen Comic ihren Lebensunterhalt bestreiten. Merchandise und Spenden scheinen hinzureichen, um zumindest ein paar Webcomics komfortabel am Leben zu erhalten. Wie bedeutend die Umwegrentabilität ist, die Webcomics als Online-Referenzmappe anderweitig (etwa als Graphic Designer) Tätiger besitzen, kann ohne Recherche (also Arbeit – zu der ich grad nicht gewillt bin) nicht quantifiziert werden. Dass es indes ohne Merchandise nicht zu gehen scheint, ist ein Dämpfer für solche Freunde der Online-Spendenwirtschafts-Utopie wie z.B. mich. Nichtsdestoweniger bleibt Merchandise, was die Rezeption betrifft, dem eigentlichen Produkt stets nachgeordnet, sein Erwerb stellt bloß die Deklaration dar, man verhalte sich als Fan zu einem Dings. Weshalb das ästhetische Phänomen – der Comic – erstmal frei von Preisschildchen bleibt. Dass es gar nicht wenige gute Comics online gibt, die einen positiven Bezug zu Fantasy-/SF-Bildwelten, also letzlich zu Zitaten der reaktionären Hoffnung auf geschlossene Weltbilder, mit einer fortschritts-, skepsis- und wissenschaftsfreundlichen Haltung verbinden, erscheint nur auf den allerersten Blick paradox. Geht es doch in all den Comics nicht um die Elfenohren selbst, sondern um die Selbstbehauptung einer (so die Hoffnung) “zivilisierteren” Kultur, die sich vor wenigen Jahrzehnten vermittels besagter Elfenohren, Darth-Vader-Capes und Superheldencomic vom (US-amerikanischen) Mainstream absonderte: Der Geek-Kultur, die die Vorläuferschaft der heutigen Online-Freelancer und Kreativ-Content-Proleten darstellt.