Cottage versus Core

Die Referentin

„Nachtschatten im Frauenhaarmoos“ heißt das Buch, und umfasst ungefähr fünfundsiebzig Textseiten mit, laut Untertitel, „phytopoetischen Dialogen“ zwischen einer „Ulrike“ und einer „Sofie“. Wir lesen Folgen von Absätzen in kunstsprachlicher Prosa, jeweils einer der zwei Sprecherinnen zugeordnet, in einer Art von Figurenrede, bei der wir mutmaßen dürfen, es spielten die beiden Co-Autorinnen des Buches, Ulrike Titelbach und Sofie Morin, ungefähr eh sich selbst, aber: sie spielen. Es liegt Inszenierung vor, nämlich die einer Art Gespräch, das sich, auf der Grundlage dezidiert künstlicher formaler und thematischer Regeln, das Gepräge von Natürlichkeit, Wüchsigkeit verleiht. Diese Regeln lauten ungefähr: Ulrike und Sofie sprechen/schreiben je über eine konkrete Pflanzenart, meist unscheinbare und für Laien im agrarfernen einundzwanzigsten Jahrhundert unidentifizierbare Kräuter, wie sie auf heimischen Garten- und Flurböden gedeihen; dabei sprechen die beiden Personen einander schon auch an, aber ihr Personsein, ihre motivierte Zwiesprache wird absichtsvoll in den Hintergrund gerückt, und das je betrachtete Grünzeug nebst den Assoziationen dazu steht im Fokus.

Zweierlei geschieht nun beim Lesen: erstens lernen wir allerhand über die gegenständlichen Kräuter – ihre Geschichte in der (Volks-) Medizin, Mythen, Darstellungen … –, und zweitens bekommen wir das voyeuristische Gefühl, wir würden (ungefähr) zwei Gärtnerinnen beim nachdrücklichen Flirten miteinander über den Gartenzaun hin beobachten. Da wird dann zwar durch die sprichwörtliche Blume gesprochen, aber es geht ziemlich an’s Eingemachte: der Umstand, dass Blumen und ihre Blüten allerhand Lippen und Zungen haben, und Härchen, und dass sie sich biegen lassen, dass sich gegebenenfalls Säfte in ihnen verbergen oder gar austreten, wird hier poetisch produktiv. Dazu kommen noch die Vorstellungen , die wir uns in wörtlicher und metaphorischer Weise machen können, wenn die Pflänzchen als Gegenstand dieser oder jener menschlichen Weiterverarbeitung geschildert werden, verwandelt in (Hexen-) Küchen … Also: Die Lesart, derzufolge die Figuren Sofie und Ulrike einander da nicht bloß über Blütenstände und -zungen, und über vergessene ikonografische Gehalte z. B. einer Alaune, Kalla, Goldrute poetisch korrespondieren, sondern nach der die eine Gärtnerin vielmehr vom Zugriff auf den Körper der anderen phantasiert und sie das wissen lässt – sie bleibt, da sie nie ganz greifbar bestätigt wird, ein ungreifbar und frei im Texthintergrund wirksames Atmosphärenphänomen. Eben ein Flirt – ein Spiel mit stets prinzipiell verleugenbarer Doppelzüngigkeit, ein Reden über Gefühle, das sich als Reden über Sachen verkleidet. (Alternativ dazu bleibt freilich denkbar, es sei der Rezensent der einzige, der das so liest, und mithin ein Schelm. Wie, mit Freud gesagt, manches Mal eine Zigarre eben eine Zigarre ist, so sei auch der Feuerkolben, Arisaema franchetianum, auf diesen Seiten nichts weiter als er selbst. Es bleibt an den geneigten Leser*innen, den Fall zu entscheiden.)

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