Liebe und Schilfern

Der Gedichtband „schilfern“ von Hannah K. Bründl, Ende 2025 bei Ritter erschienen, beginnt mit einem in Verse gegliederten Statement der autonomen Frauenhäuser Österreichs:

In Österreich ist beinahe jede dritte Frau
ab dem Alter von 15 Jahren
von körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt betroffen,
sowohl innerhalb als auch außerhalb von intimen Beziehungen.

Ebenso endet er, nach einundsechzig durchnummerierten Gedichten, mit diesen zwei Zitaten:

Not for all my little words

The Magnetic Fields

liebesgedichte
waren immer schon „engagiert“

Erich Fried

Damit ist deutlich ein Anspruch markiert und eine Spannung bezeichnet: die poetische Rede von Liebe als von einer Menge an emotionalen, intellektuellen und libidinösen Sachverhalten, sie muss sich messen lassen daran, ob sie vermag, nicht zugleich zu schweigen von den mörderischen Wirklichkeiten des Patriarchats – rape culture als etwas, das in der Sprache selbst sedimentiert ist und Jahrtausende der Misogynie, der Geschlechterapartheit tradiert. Dem entspricht, dass in „schilfern“ die Gegenüberstellung eines humus- oder erdbodenartigen Mediums von Abbau- bzw. Zer­setzungsprozessen in Differenz zu darin wachsenden Körpern mehrmals wiederkehrt; in Varianten, die sich darin unterscheiden, welches Element im Bild metaphorisch für diese doppelgesichte Sprache einsteht.

Die drei Kapitel, in die „schilfern“ gegliedert ist, heißen „Sommer“, „Herbst“ und „Winter“. Wir verstehen die Aussparung des Frühlings – es geht um ein Erkalten, einen Rückzug lebendiger Impulse ins Innere und/oder Unterirdische … Das letzte Gedicht spricht das dann unumwunden aus, und markiert zugleich zumindest die Möglichkeit einer Rückkehr:

bestehen bleiben in dieser sprache, die zu grob, zu materiell ist
auf dem boden
der die leiber versteckt hält, body by body
(…)
lass, wenn du sprichst, meinen körper aus dem spiel

bestehen zu bleiben also
sich freizusprechen dabei, ausstoßhaut
der nächste sommer wird kalt werden
der sommer
der winter
der sommer

und das recht, dass ich lieben kann, radikal, vollumfänglich
in sicherheit

schau, so schau nur
etwas sprießt

„Wie ein Gehirn in einer Sprache, vielleicht, denkt …“ – dieser mündlichen Formulierung der Autorin während eines Podiumsgesprächs entnehmen wir etwas, dass solche Fälle des poetischen Aussprechens des Wortes Sprache vielleicht dazudenken sollten: Bründl scheint Bewußtsein-selbst als etwas substantiell Sprachliches zu verstehen (womit sie sich in bester Gesellschaft österreichischer Sprachkritik befindet). Es geht also ums Ganze, schon bei der Gattungswahl, denn „Erzählen“ – und auch diese Äußerung stammt von dem erwähnten Bühnengespräch – ist für Bründl „eine Form von Gewalt“, und Lyrik eine Möglichkeit „die Ränder ins Zentrum zu holen“. Der (weibliche) Körper erscheint als Gegenstand (als Objekt, gewalttätigerweise) von so verstanden hierarchischer Spra­che, und paradoxerweise zugleich als Fokus eines Bemühens um ihre Enthierarchisierung – also, s. o., als Gegenstand und Ursache von Lyrik, nicht von Erzählung. „schilfern“, der Band, ist also ein Versuch, über die Liebe in einer Weise zu sprechen, welche die Zumutungen der in Sprache (im Denken-selbst) gespeicherten Gewalt nicht ignoriert. „(ab)schilfern“, das titelgebende Wort, ist übrigens kein Neologismus, sondern ist ein veraltetes Wort, welches ungefähr „häuten“ bedeutet – „Schalen oder Häute von einem ca. Ast abziehen“. Sprache als Speicher für Verdrängtes schon hier. … Eine Frontlinie verläuft durch die Körper, durch die Sprache (Bründls).

Weiterlesen in Die Referentin #43 (März 2026)